Musikalische Neujahrswünsche 1938 von Hans Gál und Leonhard Märker
Lieber Madrigalgenosse!
Herzlich drück ich dir die Flosse,
wünsche dir zum Neuen Jahre
alles Gute, Schöne, Wahre.
Nächste Probe, meine Lieben,
ist am Fünften um Punkt sieben!
Sanft und doch bestimmt erinnerte Hans Gál (1890–1987) die Mitglieder seines Madrigalchors mit diesem drolligen Text an die erste Probe im Jahr 1938. Serviert wurde das musikalische Neujahrsschwein als dreistimmiger Kanon im Postkartenformat, garniert mit dezent platzierten Madrigalismen. Tatsächlich waren Madrigale dem vielseitigen Musiker ein großes Anliegen; er wurde sogar mit dem Spitznamen „Madri-Gál“ bedacht.1

Deutet die fallende Linie zum Wort „Jahre“ kryptisch Gáls tatsächliche Gemütsverfassung zum Jahreswechsel an? Für ihn hielten die ersten Monate des Jahres 1938 jedenfalls nichts gänzlich Neues bereit. Einen grimmigen „Winter der Literatur“ hatten zahlreiche deutschsprachige Schriftsteller bereits im Februar 1933 erlebt, wie es Uwe Wittstock jüngst eindrucksvoll nachgezeichnet hat.2 Hans Gál wurde unmittelbar darauf ein bitterer Frühlingsbeginn beschert: Am 24. März, keine zwei Monate nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, wurde er als Rektor der Mainzer Musikhochschule entlassen.

Eine erstaunliche Laufbahn war jäh ins Stocken geraten. Gáls Aufstieg – lediglich durch den Militärdienst im Ersten Weltkrieg unterbrochen – war mustergültig gewesen: Kompositionsstudien bei Eusebius Mandyczewski in seiner Heimatstadt Wien, Staatspreis für Komposition 1915, ein durchschlagender Erfolg mit seiner 1923 uraufgeführten zweiten Oper Die heilige Ente und schließlich 1929 das Rektorat in Mainz.3 Für seine vierte Oper, Die beiden Klaas, war für 1933 sogar eine Doppelpremiere in Dresden und Hamburg geplant – ein Beleg für seine große Resonanz als Opernkomponist.
Die Aufführungen fanden nicht statt. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde Gál von den Spielplänen genommen. Nach seiner Entlassung als Rektor kehrte er nach Österreich zurück. Mit Hin und her schuf Ödön von Horváth ein auch zu Gáls Lebenssituation passendes Drama; es wurde 1934 mit dessen Schauspielmusik in Zürich uraufgeführt. 1936/37 setzte sich Gál in der Kantate De profundis op. 50 in aufwühlender und bekenntnishafter Weise mit dem Thema Vergänglichkeit auseinander.
Nur wenige Wochen konnte der zum Jahresbeginn so originell motivierte Chor mit seinem Leiter proben. Am 11. März 1938 trat Bundeskanzler Schuschnigg zurück, am darauffolgenden Tag erfolgte der Einmarsch der deutschen Truppen in Österreich, am 13. März schließlich der „Anschluss“ Österreichs an Nazi-Deutschland. Zwei Tage später wurde Hitler in Wien von den Massen bejubelt. Gál musste zum zweiten Mal die Koffer packen. London, die Isle of Man (wo er als „enemy alien“ interniert war) und Edinburgh, wo er sich schließlich dauerhaft niederließ, waren weitere Stationen seiner Reise.

Während am Cover des Wiener Salonblatts vom 20. März 1938 bereits das großformatige Bild des neuen Machthabers prangte, schien auf den hinteren Seiten manches seinen gewohnten Gang zu gehen. Zwischen Berichten über Prominenz und Adel findet sich die Nachricht über einen Sensationserfolg: In der „Komödie“ in der Johannesgasse 4 (heute Metro Kinokulturhaus) wurde die Komödie Das Ministerium ist beleidigt zum hundertsten Mal aufgeführt.4 Die Musik stammte von Leonhard Märker, einem ehemaligen Kompositionsschüler Gáls.
Märker, 1910 als Leonhard Kuhmärker in eine jüdische Familie im galizischen Brody (heute Ukraine) geboren und in Wien aufgewachsen, studierte mehrere Jahre Komposition bei Hans Gál und absolvierte danach bei Alban Berg eine weitere fundierte kompositorische Ausbildung. Mit den Fertigkeiten, die er sich durch das Studium bei diesen beiden stilistisch grundverschiedenen Kompositionslehrern angeeignet hatte, wandte er sich ab 1934 dem Komponieren von musikalischen Komödien und Filmmusik zu.
Mit der Musik zu den Komödien Der schiefe Hut (André Birabeau, übersetzt von Bertha Zuckerkandl), Warum lügst du, Chérie …? und zu der erwähnten Das Ministerium ist beleidigt gelang es ihm, sich ab 1936 in Wiens Theaterszene zu etablieren. In erstaunlicher Weise und innerhalb kürzester Zeit: Seine Musik erklang 1937 in der (Wiener) Scala, dem Raimundtheater, der Josefstadt, der Volksoper sowie in Theatern in Baden, Graz, Linz und Innsbruck. Zahlreiche seiner Musiknummern wurden verlegt und im Radio übertragen.
Zu Silvester 1936 verfassten Märker und sein Textdichter Hans Lengsfelder noch unbeschwerte Neujahrscouplets. Nichts Vergleichbares ist vom Jahreswechsel 1937/38 überliefert, vom Jänner 1938 hingegen ein Lied mit dem Titel Es geht ein kalter Wind durch die Stadt. Im November jenes Jahres, als der Naziterror einen neuen Höhepunkt erreicht hatte, konnte Märker nach Frankreich emigrieren.
Einige Seiten eines im März 1940 in Clermont-Ferrand verfassten Stücks sind erhalten. Es handelt sich um Märkers Musik zu einem „musikalischen Schaustück“ des Drehbuchautors Richard Arvay mit dem Titel Austria Melody, 1938. Ein paar evokative Titel und Incipit finden sich darauf: „Schau Dir die Berge nochmals an …“, „Es wird schon wieder so wie’s war …!“ und „Es gibt im Leben Stunden …“.
Ab 1940 war Leonhard Märker in mehreren französischen Lagern interniert. 1942 konnte er schließlich über Casablanca in die USA emigrieren und sich buchstäblich in letzter Minute in Sicherheit bringen. Mit einigen Songs konnte er dort – nunmehr unter dem Namen Leonard Marker – noch Erfolge erzielen und die mehrjährige Zusammenarbeit mit Erwin und Maria Piscator erwies sich als äußerst produktiv. An die Karriere der Vorkriegszeit konnten seine Erfolge jedoch nicht heranreichen. Er starb 1993 in New York. 1945 erhielt Märker einen Brief von Richard Arvay, der ebenfalls in die USA emigriert war. Vom gemeinsamen Stück aus dem Jahr 1940 ist darin nicht die Rede. Nicht’s mehr ist so, wie’s war.
Post scriptum. Anfang August 2026, Philadelphia: Mit James Marker, dem Sohn des Komponisten, und Emily Marker, seiner Enkelin, sitze ich vor zwanzig Archivkartons, die in den Tagen davor befüllt wurden und in denen sich unter anderem ein Symphoniemanuskript, Postkarten von Alban Berg, dutzende Lieder, Chansons und Songs, Briefe aus Internierungslagern, ein Notenblatt mit einer freundschaftlichen Widmung von Robert Stolz, zahlreiche Programme und Plakate sowie hunderte Rezensionen befinden; Euphorie und Angst, Hoffnung und Verzweiflung auf tausenden Seiten. Wir sind überwältigt und nachdenklich angesichts der Zwischenetappe einer Entdeckungsreise.

Der Nachlass von Hans Gál befindet sich im Exilarte Zentrum der mdw. Einen ersten Eindruck von der Sammlung des Zentrums – mit Nachlässen von über 40 Musiker_innen – verschafft die aktuelle Jubiläumsausstellung Aus dem Schatten ins Licht – Verfemte Komponist_innen und ihr Erbe noch bis 19. Dezember 2026 in der Lothringerstraße 18.
- Für einen Überblick zu Gáls Leben und Werk siehe Eva Fox-Gál und Anthony Fox, Hans Gál, Ein Jahrhundert Musik. Berlin 2012. Mein Dank für Recherchehilfen und Kommentare zum Text gilt Katja Kaiser, Katharina Reischl (beide Exilarte Zentrum, mdw), Christine Blanken (Bach-Archiv Leipzig) und Johannes Volker Schmidt.
- Uwe Wittstock, Februar 33: Der Winter der Literatur. München, 2021.
- Zur Oper Die heilige Ente, siehe Michael Haas, „Hans Gál, His Sacred Duck and Beyond,“ Blog Forbidden Music, 3. Februar 2020 (forbiddenmusic.org/2020/02/03/hans-gal-his-sacred-duck-and-beyond), zuletzt eingesehen am 7. August 2026.
- Wiener Salonblatt, 20. März 1938, S. 11.