Peter Roessler, Das Max Reinhardt Seminar. Im Weltgarten des Spiels. 1928–1965, Hollitzer Verlag, Wien 2025, 767 Seiten.
Dass ein Seminar für Schauspiel und Regie nach seinem Gründer benannt ist, dieser jedoch nur selten an seiner Ausbildungsstätte zugegen war, ist ein bemerkenswerter Umstand. Warum das kein Widerspruch ist und wodurch Max Reinhardt eben jenes Seminar zu einer der renommiertesten Schauspielschulen im deutschsprachigen Raum machte, lässt sich neben vielen anderen spannenden Details in dem neuen Buch von Peter Roessler nachlesen.

Gleich vorweg: Die Publikation ist ein ungeheurer Gewinn. Auf über 750 Seiten versucht der Autor, der die Institution als Professor für Dramaturgie aus eigener Anschauung kennt, die komplexe Geschichte des Max Reinhardt Seminars zu erzählen. Kein leichtes Unterfangen, erfordert es, wie er selbst sagt, „große Linien ebenso zu ziehen, wie Details und Ereignisse darzustellen“ (S. 13). Doch es gelingt Roessler in bester Weise!
Der Band ist neben Vorwort und Ausblick in sieben chronologische Abschnitte gegliedert und lässt kaum eine Frage unberührt. Der historische Rahmen gibt die Struktur vor, doch widmet sich Roessler auch eingehend den Lehrinhalten des Seminars und schildert den künstlerischen Alltag. In jedem Kapitel gibt es beispielsweise eine Beschreibung der jeweiligen Inszenierungen. Zu den wichtigsten Akteur_innen finden sich informative biografische Skizzen. Der Anhang lässt keine Wünsche offen, besonders hervorzugeben ist die für die prosopografische Forschung äußert wertvolle Liste aller Studierenden bis zum heutigen Tag.
Max Reinhardt muss eine unglaubliche Faszination ausgestrahlt haben, er galt als einer der bedeutendsten Theatermacher seiner Zeit. Die intensive Verbindung von Schauspiel und Regie spiegelt sich schon im Titel des Seminars wider und war ein Novum in der bisherigen Theaterausbildung. Der Name Reinhardt „konnte Türen öffnen, die sonst verschlossen gebliebene wären“ (S. 55). Wie sich das Seminar die Aura dieser Prominenz zunutze machte, insbesondere in der Gründungsphase, ist eindrücklich dargelegt. 1928 als Teil der heutigen mdw ins Leben gerufen, drohte bereits wenige Jahre später die Schließung, die mit der Weiterführung als Privatinstitut abgewendet werden konnte.
Dass nach dem kurzen privaten Intermezzo das Seminar von der nationalsozialistischen Führung wieder als Teil der mdw eingegliedert wurde, just in jener Zeit, in der der nun verfemte Gründer ins amerikanische Exil flüchten musste, wo er verstarb, ist Zeugnis der wechselvollen und dunklen Geschichte. In beklemmender Weise beschreibt Roessler in diesem Zusammenhang die internen Mechanismen der Macht: Beispielsweise wie der ehemalige Schüler Hans Niederführ zuerst zum „Seminarwart“, dann zum Sekretär, später zum „bevollmächtigten Stellvertreter“ aufgestiegen war. Und unmittelbar nach dem „Anschluss“ handstreichartig die Leitung übernahm. War Reinhardts seltene Anwesenheit am Seminar zuvor noch Anlass für Kritik gewesen, wurde seine Rolle nun als „eine rein äußerliche“ und „lediglich formale“ umgedeutet (S. 317). Niederführ hatte die Vertreibung zahlreicher künstlerisch prägender Persönlichkeiten der Gründungsjahre zu verantworten; einige wurden Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie.
Roessler beschreibt kenntnisreich, wie bei der Wiedereröffnung der Schule nach Kriegsende eine Rückbesinnung in alte Zeiten betrieben und eine bruchlose, harmonische Kontinuität suggeriert wurde. In diesem Sinne erfolgte auch die glimpfliche Entnazifizierung, bei der das Selbstbild eines „von den Zeitläufen unberührt gebliebenen“ Seminars vorherrschte, in dem politische Weltanschauungen ohnehin keinen Platz gehabt hätten (S. 513). Der Name des – nun wieder offiziell verehrten – Gründers wurde Teil der Bezeichnung des Seminars, seiner Person und seinen künstlerischen Idealen gehuldigt. Die längerfristige Rückkehr der vertriebenen Lehrenden fand kaum statt.
Ab 1948 konnte Reinhardts Witwe, Helene Thimig, als neue Leiterin gewonnen werden, doch auch bei ihr zeigte sich die schwierige Verbindung von künstlerischen und administrativen Aufgaben. Wie es dem ehemaligen NS-Leiter Hans Niederführ unter diesen Bedingungen gelang, als administrative Unterstützung der neuen Leiterin wieder an das Seminar zurückzukehren, irritiert und verwundert zugleich, wird von Roessler jedoch in höchst spannender Weise erzählt. Niederführ gelang es in weiterer Folge, sich als unverzichtbare Person zu präsentieren – nach Thimigs Pensionierung übernahm er abermals die Leitung des Seminars.
Kaum einen Aspekt lässt Roessler offen. Bereits beim Erscheinen kann das Buch als Standardwerk zur Geschichte des Max Reinhardt Seminars bezeichnet werden. Ein absolutes Lesevergnügen!