Er bringt die Töne ins Theater. Imre Lichtenberger Bozoki ist ein Tausendsassa der heimischen Theaterszene und unterrichtet seit Herbst 2025 nun auch Musikalisches Rollenstudium am Max Reinhardt Seminar. Wie er vom Trompeter zum Theaterregisseur wurde, warum er die Wiener Szene unvergleichlich findet und warum sein Fach wahrscheinlich das entspannteste am ganzen Max Reinhardt Seminar ist, erzählt er im Interview.
Während der halben Stunde unseres Interviews könnte sich Imre Lichtenberger Bozoki gerade zehn verschiedene Stücke an unterschiedlichen Theatern anschauen oder einen seiner zahlreichen Kontakte in der Wiener Theaterszene pflegen. Dieser attestiert Imre Lichtenberger Bozoki nämlich das Attribut „krass“: „Es war immer so, dass ich, wenn ich nicht da war, Sachen verpasst habe. Ich habe ‚sozial getrauert‘.“ Aber auch die tatsächliche Anwesenheit in Wien habe seiner FOMO (fear of missing out, Anm. d. Red.), wie er diesen Zustand auch nennt, keine wirkliche Abhilfe geleistet. Denn: „Man verpasst auch viel, wenn man da ist. Das geht sich alles bei Weitem nicht aus.“ Den bis zum Bersten gefüllten sozialen Terminkalender nimmt man Lichtenberger Bozoki ohne den geringsten Zweifel ab.

Der Theatermusiker, musikalische Leiter vieler Produktionen und auch Theaterregisseur ist umtriebig und vielbeschäftigt, das zeichnet sich auch eindrucksvoll in seiner Biografie ab. Von seinem Studium der Jazztrompete entwickelte er sich hin zur Theatermusik – ein Genrewechsel, der nicht unbedingt der typischen Laufbahn eines Jazzstudierenden entspricht. Das verdankt er (neben seinem Talent und seinen musikalischen Fähigkeiten) ausgerechnet etwas derart Profanem wie einer Unfallversicherung. „Hans Kresnik, ein Choreograf und Regisseur, der leider schon verstorben ist, wollte damals am Grazer Schauspielhaus mit Straßenmusiker_innen arbeiten. Das Schauspielhaus hat gleich gesagt, dass das nicht geht, weil man ja keine Leute auf die Bühne lassen darf, die nicht versichert sind.“ Also tritt der sehr wohl unfallversicherte Jazzstudent und Teilzeit-Straßenmusiker Lichtenberger Bozoki auf den Plan – und erstmals auf die Theaterbühne. „So hat das dann angefangen. Diese Magie vom Theater, die hat mich total schnell erwischt. Es war eine herrliche, magische, superschöne Arbeit.“
Nach vielen erfolgreichen Jahren an den unterschiedlichsten Theatern im In- und Ausland möchte Lichtenberger Bozoki diesen magischen Funken nun an die Studierenden am Max Reinhardt Seminar weitergeben. Spricht er von seiner im Herbst 2025 begonnenen Unterrichtstätigkeit im Fach Musikalisches Rollenstudium, hört man die lange gehegte Theaterpassion aus jeder Silbe heraus. „Es ist eine sehr wohlwollende, ‚supportive‘ und entspannte Atmosphäre.“ Diese nahezu arkadienhaften Zustände findet Lichtenberger Bozoki fast schon verdächtig. „Ich warte die ganze Zeit – wann kommt endlich die Krux? Wann wird es ungemütlich? Aber es wird einfach nicht ungemütlich.“ Insbesondere die Studierenden seien ihm in der kurzen Zeit sehr ans Herz gewachsen. Das führt er unter anderem darauf zurück, dass es wohl kaum einen Typ Mensch gibt, den er besser verstehe als Schauspieler_innen. „Ich liebe Schauspielende. Meine Frau ist eine (Suse Lichtenberger, Anm. d. Red.), mein Sohn spielt auch (Imre Lichtenberger, Anm. d. Red.). Ich liebe generell Menschen, aber ich verstehe Schaupieler_innen. Ich verstehe einfach, aus welchem Holz sie geschnitzt sind – ich mag das Milieu. Ich mag Theatermenschen.“
Außerdem habe ihn der Umgang mit jungen Menschen, in dem er dank seiner drei Söhne im jungen Erwachsenenalter äußerst geübt ist, dazu motiviert, die Stelle am Max Reinhardt Seminar anzunehmen. „Meine Kinder sind im gleichen Alter wie die Studierenden. Ich habe das Gefühl gehabt: Hey, ich verstehe sie.“ Als Theatermusiker habe er über Jahrzehnte hinweg alle Teile des Ganzen kennen- und verstehen lernen können. „Ich verstehe, was es braucht, um gut zu sein. Das weiterzugeben, das wollte ich.“ Es war aber auch „ganz einfach die FOMO“, lacht er – die Stelle habe ihn schließlich zum längeren Verweilen in Wien verpflichtet.
Das Fach Musikalisches Rollenstudium selbst hat ihn bald von der Richtigkeit seiner Entscheidung überzeugt. „Ich bin total froh, dass ich ein Fach unterrichte, wo ich mir erlauben kann, nicht in einem Hamsterkäfig zu arbeiten, nicht auf die nächste Premiere zuzuarbeiten.“ Vielmehr gehe es in den Einheiten darum, den Studierenden zu einer gewissen „emotionalen Durchlässigkeit“ zu verhelfen: „Emotionen sind durch Gesang ein bisschen schneller und einfacher zu erreichen als durchs Schauspiel. Weil diese intellektuelle Ebene da nicht so dazwischensteht.“ Ein erwünschter Effekt seines Unterrichts wäre zum Beispiel, dass jemand auf der Bühne so singt, wie er oder sie zum Beispiel unter der Dusche singt. „Dass das dann bühnentauglich wird und dieses Gefühl auch ins Schauspiel übergeht“ sei ein (nicht ganz ernsthaft) erklärtes Ziel. „Mich interessiert eher, wo die Studierenden sind und was sie von dem, wo sie sind, mitnehmen können. Was ist der nächste Schritt?“ Das könne von der Einführung oder Vertiefung in die Musiktheorie über das Notenlernen, Komponieren oder ein Instrument wieder aufnehmen bis hin zum eigenen Monolog vertonen verschiedene Facetten des Musikmachens beinhalten. „Ich sehe da keine Grenzen.“ Und: „Jede einzelne Person bringt eine neue Überraschung mit.“ Wie zum Beispiel auch den persönlichen Geschmack, der von Hard Rock bis hin zu Musical reicht und dessen Erraten Imre Lichtenberger Bozoki oftmals heimliches Vergnügen bereitet.
Auf die – zugegebenermaßen etwas gemeine und/oder naive – Frage, ob es denn auch unmusikalische Schauspielstudierende gebe, antwortet Imre Lichtenberger Bozoki direkt, aber dennoch augenzwinkernd: „Ja, gibt es.“ Dann würde eben trotzdem Musik gehört oder etwas getan, das sowieso zur künstlerischen Grundbildung gehört: „Ein bisschen über das Leben plaudern. Einfach die Emotionen auf irgendeine Art und Weise hervorholen.“ Es können auch nur Rhythmusübungen oder einfache Stücke sein, solange dies zuließe, dass die Studierenden ein bisschen „aufmachen“. Das Skill-Set, die emotionale Reife oder die Erfahrungen, die die Studierenden mit Musik gemacht hätten, seien einfach sehr unterschiedlich und darauf gelte es, einzugehen. „Diese musikalische Rollengestaltung, die ich mache, erlaubt mir, was anderes zu machen als die Kolleg_innen, die Gesangsunterricht geben. Das ist einfach ein tolles Angebot von der mdw, und das zu begleiten und dieses Skill-Set zu erweitern, das ist einfach supercool.“
Die halbe Stunde ist um und Lichtenberger Bozoki muss schnellstens weiter zu einer Theaterpremiere, bei der er wie so oft für die musikalische Leitung verantwortlich zeichnet. An diesem Abend ist es nur eine Veranstaltung – die FOMO hält sich in Grenzen. Doch wer weiß, was der Abend noch bringt, denn für Imre Lichtenberger ist irgendwie „jeder Abend verrückt“.