Katharina Bleier, extended piano techniques. Perspektiven 1981–2018, Dresden: musiconn.publish, 2025
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Wenn man über die 88 Tasten des Klaviers hinausblickt und sich den Saiten im Innenraum zuwendet, einem Bereich des Instruments, der von Pianist_innen häufig übersehen wird und traditionell eher mit Klavierstimmer_innen und -techniker_innen in Verbindung gebracht wird, eröffnet sich eine reiche Klangwelt. Katharina Bleiers Extended Piano Techniques, ein umfangreicher Band von nahezu 400 Seiten, bietet eine breit angelegte und klar strukturierte Auseinandersetzung mit nicht-konventionellen Klavierspieltechniken.

Das Buch richtet sich sowohl an Spezialist_innen im Bereich zeitgenössische Musik als auch an Pianist_innen, die sich erstmals mit erweiterten Spieltechniken befassen. Musikwissenschaftliche und historische Forschung stehen dabei ebenso im Fokus wie praxisbezogene Überlegungen zur Aufführungspraxis – eine ausgewogene Mischung, die durch das doppelte Profil der Autorin als Musikwissenschaftlerin und Konzertpianistin ermöglicht wird. Erweiterte Spieltechniken werden nicht als bloße Effekte oder rein experimentelle Gesten präsentiert, sondern als bewusste kompositorische Praktiken, die sich in eine umfassendere historische und stilistische Kontinuität einreihen.

Die Gliederung in eigenständige Kapitel erweist sich als großer Vorteil des Bandes, denn das erleichtert die Orientierung und steigert die Lesbarkeit deutlich. Gleichzeitig qualifiziert diese Struktur das Werk als gut nutzbares Nachschlageinstrument. Besonders hervorzuheben ist der historische Abschnitt, der eindrucksvoll darlegt, dass zahlreiche Komponist_innen bereits in früheren Jahrhunderten mit entsprechenden Techniken gearbeitet haben und damit nachhaltig die verbreitete Annahme relativiert, erweiterte Klaviertechniken seien ausschließlich ein Phänomen des 20. und 21. Jahrhunderts.

Die Auswahl der behandelten Komponist_innen und Werke liegt schwerpunktmäßig im Zeitraum zwischen 1981 und 2018, stellt jedoch immer wieder Bezüge zu früherem und späterem Repertoire her und eröffnet damit Perspektiven für weiterführende Erkundungen. Die Analysen ermöglichen eine differenzierte Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Ansätzen erweiterter Spieltechniken, während die über QR-Codes zugänglichen Videomaterialien den Band auch in praktischer Hinsicht besonders wertvoll machen.

Neben der Auseinandersetzung mit Klang und instrumentaler Technik richtet das Buch den Blick auch auf gestische und performative Aspekte der Ausführung und begreift die Beziehung zwischen den Handlungen der Interpret_innen und der Klangwahrnehmung als integralen Bestandteil erweiterter pianistisch-praktischer Praxis.

Das Spektrum der behandelten Komponist_innen ist stilistisch vielfältig und reicht von Persönlichkeiten wie George Crumb bis hin zu Vertreter_innen der jüngeren Generationen wie Maurizio Azzan, der mithilfe nicht-konventioneller Techniken sowohl den Klavierinnenraum als auch die klangliche Wahrnehmung des Publikums erforscht.

Besondere Erwähnung verdient schließlich das umfangreiche Repertoireverzeichnis im abschließenden Teil des Bandes, das Werke mit unterschiedlich ausgeprägtem Einsatz erweiterter Spieltechniken versammelt, übersichtlich kategorisiert und auf der Grundlage einer sorgfältigen Analyse der jeweiligen Partituren zusammengestellt.

In einem sich stetig wandelnden Feld etabliert sich Katharina Bleiers Buch somit als maßgebliches Referenzwerk, das sowohl praktische Orientierung als auch einen fundierten Überblick über das Klavier jenseits der Tasten bietet.

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