Rezeptionsforschung

 

Das Interesse an Musikrezeption prägt von Beginn an die Forschungsaktivitäten am Institut. Bereits 1965 im Gründungsjahr des damals noch sogenannten Instituts für „Musikpädagogische Forschung“ werden angehende Schulmusiker*innen der damaligen Hochschule für Musik und darstellende Kunst zu ihren Hörpräferenzen und zu ihrer bisherigen musikalischen Sozialisation befragt. Dieses Forschungsprojekt wird nach einer Wiederholung und begleitender Publikation (Blaukopf 1968a) in den späten 1990er Jahren wiederaufgenommen und seither mit der Befragung jedes neuen Jahrgangs von Studierenden der Musikerziehung als Langzeitstudie geführt. Bereits im Jahr 1966 publiziert Kurt Blaukopf eine Hörer*innen-Typologie und eine Bewertung der Bedeutung von Schallplatten für das Musikleben (Blaukopf 1966a, 1966b). Das heute selbstverständliche Interesse am Musikpublikum an der Frage, was warum wo und wie von wem gehört wird, ist lange Zeit ein blinder Fleck in der Musikforschung. Dies gilt umso mehr für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit populärer Musik und ihren Rezeptionsweisen. Kurt Blaukopf nimmt hier eine Pionierrolle ein. Im 1968 erschienenen Band 4 der Reihe „Musik und Gesellschaft“, einer Auseinandersetzung mit Schlagerschallplatten, die rasch vergriffen ist und 1973 nachgedruckt wird, bemerken die Autoren: „Die Geschichte der neueren Unterhaltungsmusik wird von der Musikwissenschaft zumeist immer noch mit einer dem Ideal wertfreier Forschung unangemessenen Herablassung behandelt oder gar ignoriert“ (Sǿnstevold/Blaukopf 1973: 7). Für Blaukopf jedoch ist der Blick über den Tellerrand essentiell, und er prägt die Forschungsperspektiven des Instituts bis heute.

So zeigen z.B. ein Bericht zu einem Kongress in Jugoslawien (Blaukopf 1967) oder eine Publikation zum (heute wieder so aktuellen) Thema Nichtbesucher*innen-Forschung im Bulletin des DDR-Musikrats (Bontinck 1977), dass der internationale Austausch des Instituts auch über die Grenzen des „Eisernen Vorhangs“ hinweg erfolgt. In den frühen Jahren gelten die Bestrebungen im Verbund internationaler kultur- und bildungspolitischer Institutionen (Unesco, ISME) vor allem der Bestandsaufnahme im internationalen Vergleich und dem Austausch von Erkenntnissen aus empirischer Forschung (Blaukopf 1973, Bontinck 1972, Blaukopf/Mark 1976, Mark 1976, Mark 1983, Bontinck 1980). Neben dem Netzwerk Kurt Blaukopfs ist die Forschungsausrichtung des IMS auch von internationalen Verbindung der Institutsmitglieder und von der engen Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut IMDT (später: MediaCult) geprägt. So macht etwa Desmond Mark den Ansatz des hierzulande weitgehend unbekannten US-amerikanischen Musiksoziologen John H. Mueller für die Rezeptionsforschung fruchtbar (Mark 1985, 1998).

In den 1980er Jahren wird für Blaukopf die von Max Weber inspirierte Frage nach der Bedeutung von Medien für das Musikleben immer wichtiger. Aus der Rezeptionsperspektive ist das schon seit den 1960er Jahren immer wieder ein Thema gewesen (Blaukopf 1968b, 1974, 1981), mit Fokus auf das Musikschaffen und die Musikverbreitung führt es nun zum Schlagwort „Mediamorphose“ und einem neuen Forschungsschwerpunkt [Mediamorphosenforschung]. Aber auch die geänderten Rezeptionsweisen unter dem Einfluss neuer (elektronischer) Medien bleiben weiterhin im Blick. Irmgard Bontinck publiziert bis zur ihrer Emeritierung noch mehrmals zum Thema (Bontinck 1992, 1996, 2001), Desmond Mark und Alfred Smudits beschäftigen sich mit dem Charakter von Jazz als Übertragungsmusik (Mark 1996, Smudits 1997). Nach der Jahrtausendwende beschäftigt sich eine neue Generation von Forscher*innen am Institut mit Musikrezeption. Michael Huber führt das Langzeitprojekt des Instituts zu den musikalischen Vorerfahrungen der angehenden Musikerzieher*innen weiter. Dazu kommen Untersuchungen des Publikums und der Rezeption von in Österreich wichtigen Phänomenen wie Vienna Electronica (Huber/Nicoletti 2004), Neue Volksmusik (Huber 2014b) oder Austropop (Huber 2013). Sarah Chaker hat in einer extensiven empirischen Studie die Umgangsweisen von Black- und Death-Metal-Anhänger*innen in Deutschland mit ihrer Musik vergleichend dargelegt (Chaker 2014). Aus einer Makro-Perspektive bringen groß angelegte quantitative Befragungen von repräsentativen Samples der österreichischen Bevölkerung in den Jahren 2010 und 2015 eine Vielzahl von aufschlussreichen Ergebnissen zu Einstellungen zur Musik und ihren Rezeptionsweisen, die auch international Interesse finden (Huber 2010, 2018a, 2018b, 2018c, 2019). Eine besondere Qualität dieser Studien liegt auch in der Erfassung und Charakterisierung von Nichtbesucher*innen verschiedenster Musikveranstaltungen. Nicht zuletzt werden in der Folge auch methodologische Spezialprobleme der Musikpräferenzforschung diskutiert, die für zukünftige Forschung von Bedeutung sein werden (Huber 2014a). Darüber hinaus werden aktuell im Rahmen einer Soziologie der Musikvermittlung zum einen die zunehmende Institutionalisierung und Professionalisierung dieses künstlerisch-pädagogischen Praxisfeldes dokumentiert, zum anderen die Entstehung neuartiger Konzertformate beobachtet, die sich an unterschiedliche Zielgruppen (insbesondere auch bisherige Nicht-Besucher*innen) richten und diese so für den „klassischen“ Konzertbetrieb gewinnen wollen (vgl. Chaker/Petri-Preis [im Erscheinen]).

 

Blaukopf, Kurt (1966a): »Historische Typen des musikalischen Hörens. Ein Beitrag zur Soziologie des musikalischen Verhaltens«, in: Jahresbericht der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien, Studienjahre 1955/56-1964/65. Wien, S. 353-357.

Blaukopf, Kurt (1966b): »Die Schallplatte in der Musikkultur der Gegenwart«, in: IMZ-Bulletin 66/2-3, S. 9-10.

Blaukopf, Kurt (1967): »Wirtschaft, Technik und Kunst der Schallplatte. Notizen vom internationalen Kongress in Zagreb«, in: HiFi-Stereophonie, Heft 7/1967, S. 454.

Blaukopf, Kurt (1968a): Zur Bestimmung der klanglichen Erfahrung der Musikstudierenden. Ein Forschungsbericht. Musik und Gesellschaft, Band 2. Karlsruhe: G. Braun.

Blaukopf, Kurt (1968b): »Probleme der klanglichen Erfahrung der jungen Generation«, in: Egon Kraus (Hg.): Der Einfluss der technischen Mittler auf die Musikerziehung unserer Zeit. Musikalische Zeitfragen, Band 13. Kassel: Bärenreiter, S. 61-71.

Blaukopf, Kurt: »Das Publikum des Musiktheaters. Eine Untersuchung seiner quantitativen und qualitativen Transformation unter dem Einfluss der technischen Medien«, in: Film Bild Ton 4/1970, S. 23-24.

Blaukopf, Kurt (1973a): »Young Music and Industrial Society. An Essay on New Patterns of Behavoiur«, in: Cultures (Unesco), Vol. 1, No. 1., S. 211-229.

Blaukopf, Kurt (1974): »The Influence of Electroacoustics on Patterns of Musical Behaviour«, in: Psychology of Music, vol. 2, no. 2, S. 29-31.

Blaukopf, Kurt (1981): »Mit den Augen hören?«, in: Musikerziehung 6/1981, S. 208-211.

Blaukopf, Kurt / Mark, Desmond (ed.) (1976): The cultural behaviour of youth: towards a cross-cultural survey in Europe and Asia; a study prepared for UNESCO; report based on selected papers submitted to the international working seminars held in Budapest and in Vienna in 1974. Wien Universal Editon.

Bontinck, Irmgard (1972): »New Patterns of Musical Behaviour of the Young Generation in Industrial Societies«, in: International Review of the Aesthetics and Sociology of Music, Vol. 3 (2), S.263-271.

Bontinck, Irmgard (1977): »Wie erweitern wir den Kreis des Musikpublikums und der Musikliebhaber«, in: Bulletin 1/1977, Musikrat der DDR.

Bontinck, Irmgard (1980): »Stock-taking of Musical Life. Documents and Bibliographies for the Use of the Music Education«, in: ISME-Yearbook, Vol. VII-1980, Mainz

Bontinck, Irmgard (1992): »Hörverhalten und musikalische Praxis unter dem Einfluß der Mediamorphose«, in: Musik &, Jahrbuch Nr. 1 der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Löcker Verlag, Wien

Bontinck, Irmgard (1996): »Changes in the Musical Experience and Listening Behavior of Youth Under the Influence of Mediamorphosis«, in: K. Peter Etzkorn (ed.): Mass Media Programming Policies Affecting the Musical Experience of Youth. Center for International Studies, University of Missouri-St. Louis.

Bontinck, Irmgard (2001): »„Gelebte“ Musik. Veränderungen des Hörverhaltens im Zeitalter der Mediamorphose«, in: Thomas Reischl / Hannes Grossek (Hg.): Zeit-Wart Gegen-Geist, Festschrift für Sigrid Wiesmann, Wien

Chaker, Sarah (2014): Schwarzmetall und Todesblei. Über den Umgang mit Musik in den Black- und Death-Metal-Szenen Deutschlands. Archiv der Jugendkulturen, Berlin

Chaker, Sarah / Petri-Preis, Axel (ed.)(im Erscheinen): Tuning Up! The Innovative Potential of Musikvermittlung. Bielefeld: transcript.

Huber, Michael / Nicoletti, Doris (2004): »Vom Rock’n’Roll zum Techno. Ein Blick auf die Sozialgeschichte des Musikkonsums Jugendlicher seit den 1950er Jahren«, in: Historische Sozialkunde. Band 3/2004 (Rock’n’Roll – Soul – HipHop. Jugend und Musikkonsum), S. 4-11.

Huber, Michael (2010): »Zum Sozialprestige von Musikstilen in Österreich. Diskussion der Problematik von Musikpräferenzerhebungen anhand ausgewählter Ergebnisse der Studie „Wozu Musik?“«, in: SWS-Rundschau Nr. 2/2010, S. 255-265.

Huber, Michael (2013): »Austropop a vznik mladé rakouské kultury v sedmdesátých letech«, in: Stehlík, Michal / Sprengnagel, Gerald M. (eds.): Kreiského éra Rakousku a období normalizace v ČSSR. Praha: TOGGA, S. 101-112.

Huber, Michael (2014a): »Zum Umgang mit verzerrten Musikpräferenz-Bildern aufgrund des sozialen Erwünschtheitseffekts«, in: Martina Löw (Hg.): Vielfalt und Zusammenhalt. Verhandlungen des 36. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bochum und Dortmund 2012, Frankfurt am Main: Campus.

Huber, Michael (2014b): »„Traditionelle Volksmusik“, „Neue Volksmusik“ und (neuer) „volkstümlicher Schlager“. Theoretische und empirische Befunde zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden«, in: Nußbaumer, Thomas (Hg.): Das Neue in der Volksmusik der Alpen. Von der „Neuen Volksmusik“ und anderen innovativen Entwicklungen. Innsbruck: Wagner, S. 47-60.

Huber, Michael (2018a): Musikhören im Zeitalter Web 2.0 – Theoretische Grundlagen und empirische Befunde. Musik und Gesellschaft, Band 36. Wiesbaden: Springer VS.

Huber, Michael (2018b): »Publics actuels et potentiels de la musique savante en Autriche«, in: Dorin, Stéphan (ed.): Déchirer les publics de la musique classique. Perspectives comparatives, historiques et sociologiques. Paris: éditions des archives contemporaines, S. 67-76.

Huber, Michael (2018c): »Besucherinnen und Besucher von klassischen Konzerten. Aktuelle empirische Befunde«, in: Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (Hg.): Musik – Die offene Frage. Ein Tag für Leonard Bernstein. Symposiums-Dokumentation. Wien: Eigenverlag, S. 29-35.

Huber, Michael (2019): »Young people’s current music and media use in Austria - The musical practice of the future?«, in: Mazierska, Ewa / Gillon, Leslie / Rigg, Tony (ed.): Popular Music in the Post-Digital Age. Economical, Cultural, and Technological Contexts. London: Bloomsbury Academic, p. 235-251.

Mark, Desmond (1976): »Rock...Pop...and rising decibels: Sound and Supersound«, in: Unesco courier no. 10, S.9.

Mark, Desmond (1983): »Pop and Folk as a Going Concern for Sociological Research«, in: International review of the aesthetics and sociology of music, Vol. 14 (1), S. 93-98.

Mark, Desmond (1985): John H. Mueller – Ein Pionier der Musiksoziologie. Musik und Gesellschaft, Band 19. Wien: Verlag des Verbandes der Wissenschaftlichen Gesellschaften Österreichs.

Mark, Desmond (1996): »Musikprogramme im Radio - Realitäten und Utopien«, in: Gerhard Eder / Wolfgang Gratzer / Alfred Smudits (Hg.): Jazz, neue Musik und Medien: Dokumentation Saalfeldner Musiktage. Saalfelden: Zentrum Zeitgenössische Musik, S. 62-64.

Mark, Desmond (1998): Wem gehört der Konzertsaal? Das Wiener Orchesterrepertoire im internationalen Vergleich. Zur Frage des musikalischen Geschmacks bei John H. Mueller. Musik und Gesellschaft, Band 26. Guthmann & Peterson.

Smudits, Alfred / Steinert, Heinz (Hg.) (1997): Jazz als Ereignis und Konserve. Wien: Guthmann & Peterson.

Sønstevold, Gunnar / Blaukopf (1973), Kurt: Musik der „einsamen Masse". Ein Beitrag zur Analyse von Schlagerschallplatten. Musik und Gesellschaft, Band 4.