Vorbemerkung

Zeitschrift Radiowelt
Titelblatt der Zeitschrift „Radiowelt“

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird unsere (Um-)Welt zunehmend von medial vermittelten Klängen und Bildern bestimmt. Ihre digitale Speicherung hat die Vielfalt und den Umfang dieses Repertoires beträchtlich anwachsen lassen. Musik und Klang prägen solche audiovisuellen Medien und beeinflussen dadurch unsere sozialen Beziehungen: Sie haben Funktionen für das kulturelle Gedächtnis von Gruppen und Einzelnen, sie sind mit Gefühlen verbunden und markieren besondere Rituale und Ereignisse.

Ausgehend von diesem Umstand ist das seit Sommer 2017 bestehende Projekt Telling Sounds damit befasst, eine konsequent auf (audio-)visuellen Quellen beruhende (musik-)historische Darstellung zu entwickeln und dabei deren Spezifika im Unterschied zu traditionellen Erzählweisen zu beachten.

Musikgeschichte erzählen

Die Bedeutung der unmittelbaren Verfügbarkeit einer zunehmenden Menge (audio-)visueller Dokumente liegt für die Musikwissenschaft darin, dass sich der Fokus der Vorgangsweise auf das Hören verschiebt und dass damit letztlich auch eine Verbindung zu pädagogischer beziehungsweise künstlerischer Arbeit gegeben ist. Die Einbettung von Musik in Radiosendungen, Reportagen, Dokumentationen und Filmen verweist auf die Historizität von musikalischen Phänomenen, die jenseits der großen Erzählung von in kulturellen Zentren wirkenden „Tonheroen“ zu beobachten sind. Die im Zuge des Projekts verwendeten Dokumente stehen zudem auf vielfältige und sehr unterschiedliche Weise mit Musik(en) in Zusammenhang: In Dokumenten, die aus unterschiedlichen akustischen, visuellen oder audiovisuellen Elementen zusammengesetzt sind, verweisen diese möglicherweise jeweils auf verschiedene Zeiten, Institutionen, Ereignisse, Orte, Personen und Repertoires, deren Zusammentreffen ein lineares Verständnis von Geschichte für sich genommen schon infrage stellt. Um solche Dokumente auch über die Grenzen unterschiedlicher Sammlungen und Dokumenttypen hinaus aufeinander beziehen zu können, werden für ihre Sedimentierung, also das Erfassen ihrer einzelnen Bestandteile, Methoden der Oral History, der Medien- und Filmwissenschaft, der Musikanalyse und der Performance Studies miteinander kombiniert.

Digitalisierung Aufnahmen
Digitalisierung von Aufnahmen ©Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Technische Herausforderungen

Die historiografische Innovation erfordert auch in technischer Hinsicht einen kreativen Ansatz – denn die inzwischen auch in der Musikwissenschaft zunehmend wahrgenommene, von den Digital Humanities angetriebene Zusammenstellung und Aufbereitung einschlägiger Dokumente muss in diesem Fall mit zusätzlichen Komplexitäten fertigwerden, die im Rahmen der begrenzten (zeitlichen, finanziellen, aber auch personellen) Ressourcen des Projekts eine besondere Herausforderung sind. Allerdings kommt dies den Forschungszielen von Telling Sounds entgegen, weil sich daraus ein ständiges „Ineinanderwirken“ beider Aspekte und damit eine enge Zusammenarbeit des gesamten Teams ergibt, denn die Aufarbeitung der audiovisuellen Quellen, Querverweise etc. stellt eine eigene Forschungsleistung dar, die nachvollziehbar sein soll, indem beispielsweise Erkenntnisse zu einem Dokument einer bestimmten Forschungsfrage zugeordnet werden können. Da ein automatisiertes Mapping infrage kommender Dokumente aufgrund der unterschiedlichen Aufnahmearten der einzelnen Sammlungen nicht möglich ist, werden sie für die Fallstudien, welche die inhaltliche Arbeit vorantreiben, „manuell“ zusammengestellt und mit zusätzlichen projektspezifischen Metadaten angereichert. Für jedes Dokument werden die damit verbundenen Personen, Orte, Institutionen, Zeiten, Ereignisse und musikalischen Repertoires in einer eigens entwickelten Forschungssoftware erfasst. Diese Erfassung setzt allerdings eine Sedimentierung des einzelnen Dokuments, bzw. seiner Bedeutungs- und Medienschichten voraus: Die genannten Kategorien können unmittelbar in die Entstehung des Dokuments involviert sein oder aber in diesem erwähnt werden bzw. erklingen. Um die Mehrschichtigkeit von Bezügen und Umkehrbarkeit von Beziehungen in der stetig wachsenden, projektinternen Erfassung audiovisueller Dokumente festzuhalten und darstellbar zu machen, basiert das Forschungstool auf den Technologien und Prinzipien von Linked Open Data. Die im Rahmen dieser Forschungsarbeiten entstehende Plattform soll auch zukünftiges Forschen im Rahmen dieser Forschungsarbeiten eine SEMANTIC WEB lesbare Datenbank entstehen, die auch zukünftiges Forschen mit audiovisuellen Dokumenten an der mdw ermöglichen, erleichtern und fördern soll.

Mediathek
Zusammenstellung von Tonträgern ©Österreichische Mediathek

Der Kongress

Die transdisziplinäre Ausrichtung der Projektarbeit hat zur Folge, dass über die an der mdw versammelten wissenschaftlichen Expertisen hinaus eine Reihe grundsätzlicher Fragen an eine internationale Community zu richten ist. Dies wird in dem vom 14. bis 17. März stattfindenden Kongress MUSIC//MEDIA//HISTORY. Re-Thinking Musicology in an Age of Digital Media unternommen, der folgenden Themenschwerpunkten gewidmet ist:

  • Analyse von AV-Dokumenten und ihre Kontexte,
  • methodische Fragen, einschließlich der Auswirkungen solcher Bezüge auf Forschung, Bildung und die Popularisierung von Wissen (Zeitgeschichte, Musikwissenschaft, Medienwissenschaft),
  • Archive des kulturellen Gedächtnisses aus kulturwissenschaftlicher Perspektive,
  • die Digitalisierung und ihre Folgen auf die Forschungspraxis und die Popularisierung von Forschungsergebnissen.

 

Alle Infos zum Projekt und dem Kongress unter: mdw.ac.at/imi/tellingsounds

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