Wie macht man heutzutage gutes Theater? Wie gestaltet man als Theaterregisseur_in die Zeit zwischen Probe und Premiere so, dass Produktion, Beteiligte und Publikum davon profitieren? Im Interview mit dem mdw-Magazin erzählen die beiden Schauspielregie-Absolvent_innen des Max Reinhardt Seminars, wie eine neue Generation Regie führt und wie sie das persönlich in ihrer eigenen Arbeit umsetzen.

Drei Dinge, die nach Studienabschluss am Max Reinhardt Seminar unbedingt zu tun sind: Spind ausräumen, Requisiten retournieren und optional: eine „Hosenspende“ machen. „Dann freut man sich immer so, wenn man auf irgendeiner Bühne seine Jacke rumlaufen sieht“, lacht Anja Jemc, die soeben ihr Studium der Theaterregie am Max Reinhardt Seminar absolviert hat. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Jakob Leanda Wernisch findet sie sich zum Interview für das mdw-Magazin ein (ein viertes To-do nach Studienabschluss – ebenfalls rein optional).

Anja Jemc © Linda Tomschiczek

Gerade waren es noch die heiligen Hallen des Max Reinhardt Seminars, bald werden die Absolvent_innen selbstredend jedoch andere Räume mit Leben füllen: „Ich glaube, das ist das, worauf ich mich freue, dass man auch andere Bewegungen macht, dass man in anderen Konstellationen und Räumen arbeiten kann, dass es nicht beschränkt ist auf ein bestimmtes Klima“, meint Jakob Leanda Wernisch. Es fühle sich erstmal gut an, den Lebensmittelpunkt nach einem zeitintensiven Studium woanders hin zu verlegen, „und trotzdem merke ich, dass ich die Zeit hier in gewisser Weise auch vermissen werde“.

Jakob Leanda Wernisch © Linda Tomschiczek

Jetzt gilt es, die Brücke von dieser „lehrreichen und motivierenden Zeit“ zu anderen Bühnen zu schlagen. Doch worauf kommt es dabei als junge_r Theaterregisseur_in in der heutigen Zeit an? „Es gibt eine sehr positive Entwicklung hin zu einer Regie, die auf die Anliegen der Mitarbeiter_innen eingeht. Wo Bedürfnisse eine Rolle spielen und nicht ein Ergebnis oder die Arbeit an sich über alles gestellt wird“, antwortet Jakob Leanda Wernisch prompt. In dieser zunehmend „feinfühligen und bedürfnisorientierten Regie“ werde das Wohlbefinden von Mitarbeiter_innen nicht aufs Spiel gesetzt und dadurch ein besseres Arbeitsklima erzeugt, in dem wiederum mehr „entstehen“ könne.

Für Anja Jemc ist das Wohlbefinden der Beteiligten ebenfalls ein unbedingtes Ziel, jedoch findet sie den Begriff „Wohlfühlen“ in diesem Kontext nicht ganz zutreffend, denn: „Die Bühne ist ein Hochleistungsraum. Schauspielen und Regieführen sind Hochleistungssportarten. Es ist nicht so, dass ich sage ‚ah, da kuschle ich mich jetzt ein‘“, lacht sie. Der Schlüssel sei hingegen: „Vertrauen in das, was man hier gemeinsam macht: Vertrauen ins Projekt, Vertrauen in die Partner_innen. Ich glaube, wenn das gewährleistet ist, dann kann man gut Theater machen.“

Die Entwicklung zu dieser neuen Art des Regieführens macht sich in der Wahrnehmung der beiden Max-Reinhardt-Seminar-Absolvent_innen bereits bemerkbar, wenngleich sie – mangels Vogelperspektive – keine allgemeingültige Aussage treffen wollen: „Was ich mitbekomme von ungefähr gleichaltrigen Theatermacher_innen, ist, dass auf jeden Fall der Wunsch sehr groß ist, Dinge zu verändern, alte Hierarchien radikal neu zu denken, Stoffe auf die Bühne zu bringen, die im besten Fall noch nie da waren, oder einfach alte Sehgewohnheiten auszutauschen durch neue, die aus unserer eigenen Feder sind“, beobachtet Anja Jemc.

© Theresa Wegenhofer

In ihrer Regiearbeit haben beide Schauspielregie-Absolvent_innen für sich Wege gefunden, diese Werte umzusetzen und damit ihren persönlichen Regiestil herauszubilden. Jakob Leanda Wernisch: „Ich finde, man schuldet als Regisseur den Leuten, mit denen man zusammenarbeitet, Ehrlichkeit. Ich glaube, man muss ganz klar offenlegen, warum man sich für etwas entschieden hat oder auch wenn man sich nicht für einen Stoff oder ein Stück entschieden hat.“ Dazu gehöre auch, nicht auszusparen, wenn es persönliche, „nicht besonders intellektuelle Motive“ dafür gäbe. „Was ich oft erlebt habe, ist, dass aus Scham persönliche Impulse verschwiegen werden.“ Das führe zu Frust bei allen Beteiligten, denn diese wüssten dann nicht, wofür sie etwas machten.

Daher gelte es, als Regisseur_in am Anfang einerseits die persönlichen Beweggründe mitzuteilen und anschließend auch anzudeuten, „worin das Potenzial bei einer Rolle oder Spielaufgabe liegt, was daran interessant für diese spezifische Person ist und auch bei kleineren Rollen aufzuzeigen, worin das Genusspotenzial beim Spielen liegt“. Dadurch könne man innerhalb einer Gruppe Begeisterung herstellen, eine gewisse Demokratisierung erzielen und letztendlich gegen das Klischee des „weißen männlichen Regisseurs – bewusst nicht gegendert“ vorgehen, der „weiß, wo es langgeht, aber mysteriös bleibt und die Leute entlang eines nur für ihn sichtbaren Pfades lenkt“, so Jakob Leanda Wernisch.

© Luki Stüwe

Anja Jemc ist in ihrer Arbeit außerdem Folgendes wichtig: „Was ich von meinen Spieler_innen immer einfordere, ist ein konzentrierter Raum. Ich finde es total wichtig, dass man zwischendurch zum Beispiel nicht aufs Handy schaut, dass man sich nicht rauszieht aus einer konzentrierten Phase, weil ich ein gutes Arbeitsklima schaffen möchte – und das hat sehr viel mit Raum zu tun.“ Was ebenfalls dazu beitragen kann, ist das Führen von Einzelgesprächen zu Beginn einer Produktion: „Ich setze mich ungefähr jeweils eine Stunde mit den Schauspieler_innen zusammen und sage: ,Okay, was denkst du zur Figur, was wäre dir wichtig?‘ – So eine Art Figuren-Rollengespräch unter vier Augen.“ Dadurch könne man gleich abklären, ob die Auffassungen der Figur miteinander übereinstimmen. „Das ist dann sehr schön zu erleben, dass es eben kein Richtig oder Falsch gibt, es gibt nicht den einen Weg, aber man muss den Weg, den man wählt, eben gemeinsam gehen.“

© Luki Stüwe

Die Einstellung, auch einfach mal was auszuprobieren und keine Angst davor zu haben, etwas falsch zu machen, sei laut Anja Jemc am Max Reinhardt Seminar mitgegeben worden: „Einfach den Mut und die Courage zu haben, zu sagen: ,Ich gehe raus und probiere mal und schaue, wo ich lande.‘ Und mich weniger damit zu beschäftigen, was alle über mich denken.“ Während der Studienzeit hätten die angehenden Theaterregisseur_innen die Möglichkeit bekommen, ihre eigene künstlerische Sprache zu finden. „Jetzt ist es Zeit, diese auch zu sprechen.“

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