Im Interview mit dem mdw-Magazin erzählen Axel Petri-Preis (Künstlerische Co-Leitung, Teilhabe und Community), Peter Jakober (Künstlerische Co-Leitung, Komposition), Bettina Büttner-Krammer (Leiterin Musikvermittlung, Wiener Symphoniker), Lukas Kobermann (Kapellmeister Blasmusik Kagran), Mariia Pysmenna (Lehrerin an der MS Johann-Hoffmann-Platz) und Emir Handzo (Lehrer an der MS Brüßlgasse) vom spannenden Entstehungsprozess des Community-Projekts weites Nahen, das am 3. Juni 2026 am mdw-Campus zur Aufführung gelangt.
Wer hat die Idee zum Community-Projekt weites Nahen geboren?
Axel Petri-Preis (APP): Die Idee stammt von Peter Jakober. Als Professor für Musikvermittlung und Community-Music habe ich sie mit Freude aufgegriffen. Wir setzten uns zusammen und überlegten, wie man dieses Projekt realisieren könnte.

Was genau darf man sich unter diesem Projekt vorstellen?
Peter Jakober (PJ): Meine Grundidee war, ein Musikstück zu schaffen, das eine Ausweitung des Klangs in die Ferne initiiert. Bildlich gesprochen, dass die mdw verstärkt nach außen strahlt. Das war mir immer schon ein Anliegen, ebenso wie der Wunsch, dass auch im Rahmen von Neuer Musik sowohl professionelle Musiker_innen als auch Laienmusiker_innen gemeinsam musizieren.

Das Besondere an diesem Projekt ist nicht zuletzt die große Anzahl an Mitwirkenden: Sie komponieren ein 50-minütiges Werk für Studierende der mdw, Mitglieder der Wiener Symphoniker, Mitglieder der Blaskapelle Kagran sowie Schüler_innen von zwei Mittelschulen und einer Volksschule. Wie darf man sich diesen Prozess des Komponierens vorstellen?
PJ: Es ist ein „work in progress“, ein total offener Prozess. Wir haben zwar einen Plan, wissen alle aber nicht genau, was am Ende dabei herauskommen wird. Dieser offene Rahmen ist wichtig, weil alle Mitwirkenden das Projekt aktiv mitgestalten sollen.
Wie findet man eine Balance, damit sowohl Profimusiker_innen als auch Laien diese Herausforderung gerne annehmen?
PJ: Damit Musiker_innen unterschiedlicher Könnensstufen hier mitmachen können, benutze ich eine ganz eigene Technik. Alle beteiligten Musiker_innen haben einen Click im Ohr.
Die Musiker_innen haben also Kopfhörer, eine Art Metronom im Ohr?
PJ: Ja, es gibt keine Dirigent_innen. Das Konzert ist als Wandelkonzert konzipiert und die Musiker_innen sind an verschiedenen Orten platziert. Die einzige Koordinierung, die es gibt, ist dieses Metronom im Ohr. Die Metronome der einzelnen Musiker_innen komponiere ich so zueinander, dass sich aus der Überlagerung dieser vielen Temposchichten ein total dichtes Klangnetz ergibt.

APP: Dieses Projekt steht ganz paradigmatisch für das, was wir im Fachbereich Musik im Dialog der mdw verwirklichen wollen: nämlich eine echte Verbindung von künstlerischem und gesellschaftlichem Anspruch herzustellen. Wir bringen Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammen, die sich sonst nicht begegnen würden. Vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Verwerfungen möchten wir durch das gemeinsame Musizieren im besten Fall auch zu einem besseren Zusammenleben beitragen.
Nun wäre es interessant zu erfahren, wie z. B. die Schüler_innen dieses Projekt aufnehmen. Frau Pysmenna, Sie unterrichten an der Mittelschule Johann-Hoffmann-Platz (MS JOHO) Musik, Chor und Musikvermittlung. Was hat Sie bewogen, mit einer Ihrer Klassen an diesem Projekt teilzunehmen?

Mariia Pysmenna (MP): Axel Petri-Preis ist mit unserer Schule seit vielen Jahren mit Projekten eng verbunden. So hat er uns zur Mitwirkung am Projekt weites Nahen eingeladen.
Wie alt sind die Kinder, die an diesem Projekt teilnehmen, und ist es schwierig sie für dieses Projekt zu motivieren?
MP: Sie sind zehn bis 12 Jahre alt. Nein, bis jetzt gar nicht. Sie finden Neue Musik viel interessanter als Barockmusik oder Klassik. Neue Klänge auszuprobieren, diverse Klopf- und Schlaggeräusche zu produzieren, finden sie total spannend.
Emir Handzo (EH): Bei meiner Klasse ist das nicht ganz so. Ich unterrichte an der Mittelschule Brüßlgasse Musik und bin dankbar für solch ein Projekt, wo Schüler_innen, die teilweise aus sozioökonomisch schwierigen Verhältnissen kommen, Erfahrungen mit Livemusik sammeln können und in Kontakt mit Expert_innen treten dürfen, denen sie sonst wohl nie begegnen würden. Unsere Schule hat keinen musikalischen Schwerpunkt, ab der zweiten Klasse gibt es nur noch eine Musikstunde pro Woche. Da ist man als Pädagoge durchaus gefordert, die Motivation der 10- bis 12-jährigen Schüler_innen über eine lange Zeit hinweg aufrechtzuerhalten.
Wie gelingt das?

EH: Bis jetzt ist dieser Fall noch nicht eingetreten, aber sollte bis zum Konzert am 3. Juni 2026 die Motivation absinken, kann ich schon damit argumentieren, dass die aktive Beteiligung an diesen Klangexperimenten in einem Mitarbeitsplus mündet.
APP: Das Ziel ist natürlich, bei den Kindern die intrinsische Motivation zu wecken. Damit es zwischenzeitlich nicht zu einem Spannungsabfall kommt, haben wir uns eine Art Projektdramaturgie überlegt. Beispielsweise laden wir Schüler_innen zu Orchesterproben der Wiener Symphoniker oder der Blasmusik Kagran ein. Es gibt Workshops an den Schulen, wo sich die Akteur_innen gegenseitig kennenlernen und aktiv miteinander musizieren können. Wir versuchen ganz gezielt, die oft impliziten Hierarchien unterschiedlicher Musiken zu überwinden. Insofern ist das auch etwas, das unsere Gesellschaft so dringend braucht – nämlich ein Probenraum für die Demokratie, wo wir miteinander auf Augenhöhe künstlerische Aushandlungsprozesse gestalten und das Ergebnis dann gemeinsam zur Aufführung bringen.

Frau Büttner-Krammer, Sie leiten bei den Wiener Symphonikern die Musikvermittlung. Welchen Part werden die Wiener Symphoniker bei diesem Projekt übernehmen?
Bettina Büttner-Krammer (BBK): Es werden ca. acht Streicher_innen an der Aufführung mitwirken. Bereits davor kommt es zu einem Kennenlernen zwischen den Musiker_innen und den Schüler_innen.

Wie schwierig ist es, Profimusiker_innen für ein Projekt zu gewinnen, an dem auch Laienmusiker_innen beteiligt sind?
BBK: Aus Erfahrung weiß ich, dass gerade Musiker_innen, die schon länger im Orchester tätig sind, für solche Projekte jenseits der Routine aufgeschlossen sind. Auch Workshops in Schulen und Senior_innenheimen sind für sie eine willkommene Abwechslung zum klassischen Musikbetrieb. Sie hängen sich dann auch zu 100 Prozent rein. Eine kleine Herausforderung bei weites Nahen wird sein, dass ein Teil der Wiener Symphoniker unmittelbar vor dem Konzert von einer Japan-Tournee zurückkommt. Aber wir werden sicher eine gute Lösung finden.
Herr Kobermann, Sie haben an der mdw Musikerziehung und Instrumentalmusikerziehung studiert. Seit sieben Jahren leiten Sie die Blasmusik Kagran. Wie stehen Ihre Musiker_innen zu diesem Projekt?
Lukas Kobermann (LK): Ich versuche generell, meine Leute für neue Projekte zu öffnen. Die Blasmusikkapelle Kagran setzt sich aus ganz unterschiedlichen Musiker_innen zusammen. Die Alterspanne beträgt 13 bis 76 Jahre, sie kommen aus ganz verschiedenen Berufen und haben unterschiedliche Bildungshintergründe. Es ist eine heterogene Gruppe von Musiker_innen, die man immer in irgendeiner Form motivieren muss. Sei es, dass sie sich für Proben früher von der Arbeit freinehmen oder sogar einen ganzen Tag dafür einplanen. Gerade für experimentelle Projekte oder Neue Musik sind da schon auch gewisse Vorbehalte und Berührungsängste vorhanden.

Wie viele Ihrer Musiker_innen werden an weites Nahen teilnehmen?
LK: Etwa 30 bis 40 – von Querflöte, Klarinette, Saxophon bis hin zu Trompete, Posaune, Tuba und Hörnern. Ich muss dazu sagen, dass ich persönlich auch nicht unbedingt der Konsument von Neuer Musik bin. Aber Neue Musik aufzuführen, macht irrsinnig Spaß. Man kann Grenzen verschieben, ungewöhnliche Klänge erzeugen, das Instrument ganz anders einsetzen – auch ein bisschen verrückt sein unter dem Mantel Neue Musik.
Wie viele Musiker_innen werden insgesamt an diesem Projekt beteiligt sein?
PJ: Zusätzlich zu den Musiker_innen der Blasmusik Kagran werden ca. acht der Wiener Symphoniker, 50 bis 60 Schüler_innen sowie 50 bis 60 Student_innen der mdw mitwirken, u. a. Student_innen von Jaime Wolfson Reyes, dem musikalischen Leiter des Projekts, der an der mdw Neue Musik unterrichtet.
Wie wird der dramaturgische Ablauf des Konzerts am 3. Juni aussehen?
PJ: Das Konzert wird am mdw-Campus stattfinden sowie im Fanny Hensel-Saal und im Clara Schumann-Saal, wobei die Saaltüren zum Hof hin geöffnet sein werden. Die Musiker_innen werden an allen möglichen Ecken platziert sein. Das Publikum bewegt sich in einer Kreisbewegung durch die verschiedenen Örtlichkeiten. Das Spannende wird sein, die Klangwelten dieser ganzen Räumlichkeiten zu erfahren. Ein Klang, der Außen einsetzt, kann plötzlich im Saalinneren fortgesetzt werden. Man geht als Publikum durch diese Klanglandschaften, hört an jedem Platz andere rhythmische Strukturen und kann diese Bewegungen von Klang in seinem eigenen Tempo durchschreiten und zusammenhören.
EH: Wir hatten mit meiner Klasse bereits vier Probentermine mit Jaime Wolfson Reyes, der sehr einfühlsam mit den Kindern agierte. Für uns war es besonders faszinierend, den akustischen Unterschied von Klassenraum und professionellem Probenraum zu erleben. Mir gefällt auch dieser demokratiebildnerische Aspekt – dass die Kinder lernen, zuzuhören und dass beim Musizieren die Pause genauso wichtig ist wie der Schlag.
PJ: John Cage hat einmal gefordert, auch im normalen Business die Stille zu fördern.

MP: Stille aushalten ist für manche Kinder schwierig. Mit einer vierten Klasse habe ich mich einmal mit 4′33″ von John Cage befasst, also jenem Musikstück, in dem kein einziger Ton gespielt wird. Die Stille dieser Komposition machte sie wütend. Im Rahmen von weites Nahen hoffe ich, den Kindern nun vermitteln zu können, wie schön gezielt gesetzte Pausen in der Musik sein können.
Wenn Sie die bisherigen Wochen und Monate Revue passieren lassen: Worin liegt für Sie persönlich das Besondere an diesem Projekt?
LK: Ich sehe weites Nahen als Chance, zu zeigen, welche musikalischen Facetten im Blasmusikbereich möglich sind und was auch im Laien-Bereich für professionelle Arbeit geleistet wird.
BBK: Für die Wiener Symphoniker ist jedes Education-Projekt eine große Bereicherung und gerade das Zusammenspielen mit diesen unterschiedlichen Gruppen wird unseren Musiker_innen sicher große Freude bereiten.
EH: Für mich ist die Willkommenskultur an der mdw etwas Besonders. Wann haben Schüler_innen schon die Chance, gemeinsam mit Profimusiker_innen zu musizieren?
MP: Ich finde es schön zu beobachten, wenn Kinder, die sich in anderen Fächern eher schwertun, bei solch tollen Projekten plötzlich aufblühen. Vielleicht gibt so ein Projekt ja auch den Anstoß dafür, später Musiker_in zu werden.

PJ: Apropos Aufblühen und Strahlen: Bei den Workshops an den Schulen habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass manche Kinder aufgrund ihres persönlichen Backgrounds dieses Strahlen, das eigentlich allen jungen Menschen innewohnen sollte, nie so richtig kennengelernt haben. In dem Moment, wo man Musik macht, muss man allerdings in irgendeiner Weise nach außen strahlen. Wenn das durch dieses Projekt gelingt, dass die Kinder strahlen können, freut mich das natürlich. Und ich möchte in diesem Zusammenhang auch betonen, wie sehr mich beeindruckt, was Musiklehrer_innen jeden Tag leisten, um Kindern über Musik diese Lebensfreude zu geben.
APP: Diesen Aspekt möchte ich vertiefen: Ich genieße und schätze es enorm, im Rahmen dieses Projekts mit so tollen Kolleg_innen zusammenzuarbeiten, die ein ähnliches Mindset haben, die bereit sind, sich auf neue, auf unbekannte Dinge einzulassen. In diesem Zusammenhang empfinde ich auch eine große Dankbarkeit, an einer Universität zu sein, die ein solches Projekt ermöglicht. Denn mit seiner community- und prozessorientierten Logik fordert es etablierte Prozesse und Abläufe durchaus heraus.