Begegnungsort für den Filmnachwuchs
Berlin wird jedes Jahr im Februar zum Zentrum der Filmwelt. Die Berlinale ist eines der größten Filmfestivals weltweit, bei dem im Wettbewerb die berühmten Goldenen und Silbernen Bären verliehen werden. Das Festival bietet verschiedene Programmschienen, darunter den Kurzfilmwettbewerb Berlinale Shorts, bei dem 2026 erstmals ein Film der Filmakademie Wien gezeigt wurde: Ein Unfall von der Filmakademie-Studierenden Angelika Spangel. Darüber hinaus ist die Berlinale ein wichtiger Branchentreff und Ort für die Nachwuchsförderung. Davon konnten sich Filmakademie-Studierende bei einer Exkursion zum dortigen Film School Summit überzeugen.

Berlinale Shorts
Ein Unfall ist die erste Regiearbeit von Angelika Spangel, die Bildtechnik und Kamera an der Filmakademie Wien studiert. Das Drehbuch schrieb sie mit Studienkollegin Sophia Wiegele, die auch die Kameraarbeit bei Ein Unfall übernahm (Produktion: Shirin Hooshmandi, Montage: Daniel Rutz). Der Tod dutzender Schweine auf einem Bauernhof, ein von Jugendlichen fingierter Autounfall und ein Spiel von Schulkindern mit einem Mann mit Behinderung: Drei Geschichten drehen sich um ungewöhnliche Unfälle in einem Dorf. „Schuld, Scham und Verantwortung sind für mich die zentralen Themen. Mir ging es nicht um eine moralische Note, sondern um die Fragen: Wann erkennt man etwas als Unfall oder Notfall und wann nicht – vor allem wenn Situationen von außen betrachtet anders wirken als sie sind – und wann fühlt sich wer wofür verantwortlich oder nicht“, sagt Spangel. „Ich wollte aufrichtige Gefühle von Schuld und Scham zeigen.“

Als Kamerafrau nahm die Idee zum Film für sie einen visuellen Ausgangspunkt – ein Bild von drei Frauen am Acker. „Der Erstentwurf des Films war kein Drehbuch, sondern Geschichten strukturiert in Bildern. Wie ein Puzzle haben wir die Bilder zusammengebaut“, so Spangel. Mit Kamerafrau Wiegele konzipierte sie sehr flache, schablonenhafte Bilder. „Absichtlich Tiefe auszusparen und wenig Dreidimensionalität der Bilder zuzulassen sollte dem Film etwas Unwirkliches verleihen und Abstraktion ermöglichen, sodass die Szenen des Films einen universellen Charakter haben. Denn ich wollte nicht ausschließlich eine Dorfgeschichte erzählen“, erklärt Spangel.
Mit den Kindern im Film zu arbeiten hat die Regisseurin besonders gefreut: „Sie haben es trotz der vielen Wiederholungen geschafft, jedem Take eine große Ehrlichkeit zu verleihen und mit ihrer starken Präsenz unmittelbar zu wirken.“ Auch die anderen Darsteller_innen waren mehrheitlich Laien. So übernahm etwa Spangels Vater eine Rolle. Als Drehort diente das Dorf in Niederösterreich, in dem Spangel aufwuchs: „Es war herausfordernd für mich, die filmische Arbeit so nah in mein persönliches Umfeld hereinzuholen. Aber ich habe rasch gemerkt, wenn ich diese spezifischen Geschichten präzise und authentisch erzählen will, muss ich mich dazu entschließen.“ Der Mut und die langwierige Arbeit am Film wurden zwar nicht mit einem Berlinale-Bären ausgezeichnet, aber für Spangel und ihr Team überwog die positive Erfahrung der Festivaleinladung. Bei den Filmvorführungen waren einige Teammitglieder und Darsteller_innen vor Ort dabei und stellten sich den interessierten Publikumsfragen. Für ihre künftigen Filmvorhaben erhofft sich Spangel durch die Nominierung bei den Berlinale Shorts bessere Chancen bei der Einreichung für die Finanzierung.

Film School Summit
Bei der Branchenmesse European Film Market (EFM), die jährlich zur Zeit der Berlinale stattfindet, wurde dieses Jahr erstmals der Film School Summit veranstaltet. Den Studierenden der teilnehmenden 18 Filmausbildungsstätten aus 13 Ländern wurde ein vielseitiges Programm aus Vorträgen und Formaten zum Austausch mit Vertreter_innen der Filmindustrie geboten. Von der Filmakademie Wien nahmen vier Produktions- und zwei Regiestudierende teil. Michael Kitzberger, Professor für Produktion an der Filmakademie Wien, begleitete die Delegation. „Die Studierenden haben großes Interesse an internationaler Zusammenarbeit. Sich gegenseitig kennenlernen, inspirieren und hinterfragen ist wichtig. Ein Perspektivenwechsel ist immer gut für ein konstruktives Miteinander“, so Kitzberger dazu, warum Initiativen wie der Film School Summit und andere Formate für den Filmnachwuchs bei der Berlinale wertvoll sind. „Es ist auch wichtig, sich international zu vernetzen und gemeinsam zu schauen, wie man Projekte realisieren kann“, sagt der Produktionsprofessor in Hinblick auf die Finanzierungsmöglichkeiten von Filmen in verschiedenen Ländern.
Zudem war die Filmakademie Wien wieder Kooperationspartnerin der Vernetzungsinitiative Encourage Film Talents im Rahmen der Berlinale, die den Austausch von Nachwuchsfilmemacher_innen in Deutschland, Österreich und der Schweiz fördert. Teil der Veranstaltung waren Vorführungen ausgewählter Filme der teilnehmenden Filmhochschulen, darunter der diesjährige Beitrag der Filmakademie Wien Dead Air (Regie: Andrej Haring, Drehbuch: Andrej Haring & Joseph Cyril Stoisits, Produktion: Skander Kourgli, Cinematography: Florian Noever, Montage: Daniel Morawitz, VFX: Lukas Kampichler). Eine Exkursion zur Berlinale ist auch nächstes Jahr geplant, wenn Berlin wieder zum zentralen Ort der Filmkunst wird.