Zweieinhalb Monate Unterrichtstätigkeit am Max Reinhardt Seminar – und schon wird man gefragt, Bilanz zu ziehen. Das kann nur mit dem mdw-Magazin passieren. Magdalena Gut, die seit Oktober 2025 am Max Reinhardt Seminar das Fach Bühnenbild/Szenischer Raum lehrt, steht gerne und gut Rede und Antwort und gibt Einblicke über einen Teilbereich des Theaters, der allzu oft buchstäblich im Hintergrund bleibt, jedoch von vordergründiger Bedeutung ist.
Ohne sie wären Bühnen ziemlich nackt: Mitglieder jener Zunft, die aus Bühnen Bilder und aus Bildern Bühnen schaffen. Magdalena Gut gehört dieser Zunft an. Seit 1998 ist sie erfolgreich als Bühnen- und Kostümbildnerin an namhaften Theatern und Opernhäusern im internationalen und deutschsprachigen Raum tätig, seit ebenda geht sie professionell einer persönlichen Leidenschaft nach, die sie bereits im Jugendalter gepackt und nie mehr losgelassen hat.

„Mit 14 Jahren hatte ich ein Schlüsselerlebnis. Ich wurde eingeladen – ich glaube, das war am Burgtheater – Woyzeck in einer Inszenierung von Achim Freyer anzuschauen. Es war für mich eine sehr unverständliche Welt. Das Stück ist ja erstmal nicht so leicht zugänglich. Dann war es in dieser Inszenierung auch noch sehr kryptisch. Es war so geheimnisvoll, dass es mich wahnsinnig fasziniert hat, weil ich das Gefühl hatte, ich verstehe es nicht“, erzählt Gut von ihrem ersten Berührungsmoment mit dem Theater, das sie fortan zu einem der wesentlichen Schauplätze ihrer Jugend machen sollte – und seitdem als bevorzugtes Medium für sich entdeckt hat.
„Es hat mich einfach sehr angezogen. Als es darum ging, mir zu überlegen, welchen Beruf ich mal ausüben möchte, merkte ich, dass für meine Interessen – Sprache, Text, Bild, Raum – Bühnenbild das Ideale wäre, um all das zu verbinden.“ Gelockt von diesem „Konzentrat aus all dem“, was sie interessierte, schrieb sich Magdalena Gut an der Akademie der bildenden Künste Wien für das Studium Bühnen- und Kostümgestaltung ein.
Auch nach Abschluss des Studiums zog es Magdalena Gut immer wieder zum universitären Betrieb zurück. Nicht zuletzt an die Kunstuniversität Linz oder auch an ihre Alma Mater, wo sie Szenografie unterrichtete. Nun ist sie am Max Reinhardt Seminar Lehrende für Bühnenbild – eine Aufgabe, die derzeit, neben ihrer künstlerischen Tätigkeit als Bühnen- und Kostümgestalterin an diversen Theatern im deutschsprachigen Raum und auch in ihrem Geburtsland Polen, eine zentrale Stellung in ihrem Leben einnimmt.
Neu ist für Magdalena Gut an ihrer Lehrtätigkeit am Max Reinhardt Seminar unter anderem, dass sie keine angehenden Bühnenbildner_innen ausbildet, sondern eben Theaterregiestudierende. „Das ist nochmal eine andere Aufgabe, weil ich weiß, die Studierenden sollen keine Bühnenräume konzipieren, sondern ein Verständnis dafür entwickeln, dass sie mit diesen Räumen arbeiten und sie für ihre Inszenierungen nutzen können. So wie sie mit Schauspieler_innen arbeiten, sollen sie auch mit Räumen arbeiten.“ Es geht Gut mitunter darum, zu vermitteln, wie man als Regisseur_in mit Bühnenbildner_innen „sprechen, kommunizieren und das ausdrücken kann, was für einen wichtig ist“, und nicht zuletzt, „dass sie dabei lernen, ihren Arbeitspartner_innen Freiraum zu geben, damit diese sich frei entwickeln können.“
Ein weiterer Fokus von Guts Unterricht ist, die Studierenden so zu begleiten, dass sie ihre eigene individuelle Ästhetik entwickeln können. „Mein Wunsch ist es, letztendlich nur zu unterstützen, die richtigen Fragen zu stellen oder auch Hinweise zu geben, sodass die Studierenden selbst ihre Entscheidungen treffen und ihren ästhetischen Zugriff entwickeln.“ Es sei wichtig, dass Studierende nicht das Gefühl bekämen, einer bestimmten Ästhetik folgen zu müssen. „Ästhetiken verändern sich ja laufend. Ich glaube, es geht eher darum, eine Essenz für sich zu finden und eigene Arbeitsweisen zu entwickeln.“

Zudem möchte Magdalena Gut mit ihren Studierenden grundlegend erörtern: „Was ist Raum? Wofür brauche ich ihn? Warum Bühnenbild? Was bedeutet das? In welcher Dimension? Ist es immer etwas Gebautes oder ist es auch mal etwas anderes?“ Für die angehenden Theater- regisseur_innen sei es eben nicht primär, selbst Bühnenbilder oder Räume fürs Theater zu gestalten, sondern einfach „um diese Prozesse des Bühnenbilds zu wissen, sich bewusst sein, was stattfindet, wenn sich jemand einen Raum ausdenkt und in diesem etwas realisiert.“
Von derlei Räumen hat Magdalena Gut eine Vielzahl selbst „realisiert“ und zum Leben erweckt. „Es gibt mehrere Räume oder Raumlösungen, die mich aus unterschiedlichen Gründen sehr erfüllt haben. Oft ist es gerade die letzte Arbeit, mit der ich dann noch stark emotional verbunden bin.“ Die erfreulichsten Momente in ihrer eigenen Arbeit seien für Magdalena Gut mitunter, wenn eine eigene Idee, von der man wisse, dass sie eine Herausforderung sein würde, sich tatsächlich einlöse. „Oder vielleicht sogar noch besser einlöst, als man es ursprünglich angenommen hatte.“
Die Herangehensweise ist dabei meist ähnlich: Anfängliche Skizzen werden zu Modellen, „dann hat man sich eine kleine Welt in einem kleinen Maßstab gebaut und sich ausgedacht, was da alles an Bewegung darin stattfinden könnte“. Besonders spannend werde der Raum dann, wenn Schauspieler_innen dazukämen. „Die Schauspieler_innen beleben den Raum, sie bewegen sich darin und machen vielleicht auch Dinge, von denen man gar nicht gedacht hat, dass sie möglich sind.“
Überrascht werden, diesen Anspruch stellt Magdalena Gut an das Theater und auch an ihre eigene Arbeit darin. „Ich als Zuschauerin möchte in gewisser Weise auch in meiner Sehgewohnheit irritiert oder herausgefordert werden.“ Wenn das, was sie in ihrem Schaffen „gefunden oder erfunden hat“, sie selbst, den oder die Regisseur_in und auch die Schauspieler_innen inspiriert – wenn diese dann Sachen machen, an die sie vielleicht gar nicht gedacht habe –, dann fühle es sich richtig und „lebendig“ an.
Eine symbiotische Zusammenarbeit zwischen all diesen Mitwirkenden empfindet sie als besonders wertvoll. „Ich sage jetzt mal, ich mische mich auch gerne in die Regie ein. Es ist nicht so: Ich liefere den ästhetischen Rahmen und der soll dann befüllt werden. Ich bin gerne auch in die Probenprozesse und die Inszenierung involviert und bin gerne immer im Austausch.“
Das sei auch ein wesentlicher Punkt gewesen, der Gut an der Lehrtätigkeit am Max Reinhardt Seminar so gereizt habe – die Nähe zu und der enge Austausch mit regieführenden Personen. „Als ich gewusst habe, dass ich mit künftigen Regisseur_innen oder Regiestudierenden arbeiten werde, war mir klar, dass ich diese Stelle annehmen werde. Ich aus meiner Position als Bühnenbildnerin, sie als Regiestudierende – und dann der Dialog dazwischen.“ Die dringliche Bedeutung dieses Dialogs möchte sie unbedingt vermitteln. „Dass man eben nicht so sehr denkt: ,Das ist meins und das ist deins und irgendwo in der Mitte treffen wir uns‘, sondern dass man sich auch gegenseitig inspiriert, wie man etwas nutzen kann, und das dann auch wirklich sehr stark im Team umsetzt.“
„Das ist auch der Grund, warum man Theater macht“, ergänzt Gut. Für sie gehe es dabei stets um eine enge Zusammenarbeit, die Symbiose von Ideen, darum, aus unterschiedlichen Anforderungen Gemeinsames entstehen zu lassen. „Ich freue mich sehr, dass ich mit Regiestudierenden zu tun habe, die wahnsinnig interessiert sind und Lust haben, ins Gespräch zu kommen und total motiviert an ihren Projekten arbeiten.“ Seitens der Studierenden merke Gut auch stets ein großes Interesse an ihrer eigenen Arbeit. „Was mich unter anderem an meiner Tätigkeit hier reizt, ist, dass ich mich sehr viel mit meiner eigenen Arbeitsweise auseinandersetzen muss, um mir zu überlegen, wie man das auch jemand anderem verständlich erklären kann.“ Wenn sie im Unterricht über ihre eigenen Arbeiten spricht, versucht Magdalena Gut stets, allgemeingültige Erfahrungen und Informationen zu teilen. Neben der Vermittlung von Begriffserklärungen („Was ist eine Bauprobe? Was ist ein Schnürboden? Was ist eine Untermaschinerie?“) kommt auch der praktische Ansatz nicht zu kurz: Vom Besuch der ART-for-ART-Werkstätten über die gemeinsame Zusammenarbeit mit Bühnenbildstudierenden während der Regiepraktika bis hin zu künftigen gemeinsamen Festivalbesuchen mit den Studierenden.
Diese Arbeit wird sich in den kommenden Monaten für Magdalena Gut noch intensivieren. Theaterproduktionen und künstlerische Projekte habe sie erstmal ein wenig zurückgestellt, um sich konzentriert der Lehrtätigkeit am Max Reinhardt Seminar zu widmen. „Dadurch, dass derzeit erstmal noch keine Theaterprojekte geplant sind, weiß ich, dass der Fokus da auch mehr in diese Richtung gehen darf. Ich freue mich darauf, auch einfach noch ein bisschen mehr anzukommen.“