Angst ist eine Waffe. Man kann sie nicht sehen, man kann sie nicht hören, man kann sie nicht riechen. Höchstens aus nächster Nähe nimmt die Nase den scharfen Geruch von Angstschweiß wahr. Aber dafür muss man sich erst einmal näherkommen. Dafür muss man hinausgehen, aufeinander zugehen, nebeneinander stehen in der U-Bahn und im Kaufhaus, ohne sich voreinander zu fürchten. Dafür muss das Herz frei, der Blick offen, der Kopf leer sein. Nicht vollgestopft mit Misstrauen, Argwohn und Vorurteilen, die dort lauern und nur darauf zu warten scheinen, sich als wahr und richtig zu erweisen. Dafür muss die Neugierde auf den anderen groß sein, der Schritt nach draußen vor die Tür leicht, das Staunen über alles, was neu und unbekannt ist, unschuldig, fröhlich und echt.

Doch eine Gesellschaft, in der Offenheit dominiert, der Forschungsdrang, die Entdeckerfreude, so eine Gesellschaft macht die Machthaber ohnmächtig. So eine Gesellschaft hinterfragt Normen, sie zweifelt an Autoritäten, sie fordert mehr als nur Dienst nach Vorschrift. Sie will Visionen für die Zukunft, sie wünscht sich Ideen, sie verlangt nach einer Politik voller Einfallsreichtum. Voller Konzepte, die Innovationen in sich tragen. Voller Reformen, die diese Bezeichnung auch wirklich verdient haben, weil sie mehr können, als nur Arbeitskräfte zu ökonomisieren, Stellen zu streichen, Institutionen wegzurationalisieren. So eine Gesellschaft ist der Albtraum vieler Politiker_innen. Weil sie Fragen stellt und nach Antworten sucht. Gegen sie hilft nur Angst. Sie kostet nicht viel. Man kann sie wirkungsvoll in die Menschen injizieren, mit Gerüchten und Parolen und Angstmache in den Medien und via Social Media. Sie breitet sich schnell aus, sie wirkt wie ein Gift, das alles zerstört, Neugierde, Solidarität, die offene Gesellschaft.

Angst ist eine Waffe. Doch sie ist nur dann gefährlich, wenn wir vor ihr einknicken, wenn wir uns verbarrikadieren, wenn wir sie Gefahr sein lassen.

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