Schafe, die reden können, sind in Film und Fernsehen nicht neu — denkt man zumindest auf den ersten Blick. Doch die zentralen Tiere in der neuen Serie von Alex Reinberg und Leni Gruber (beide Drehbuch und Regie) sind mehr als nur flauschige Hauptdarsteller_innen in einer absurden Story. Die beiden sowie Florian Brüning (Produzent) und Dominic Kubisch (Schnitt) haben dem mdw-Magazin einen tiefergehenden Blick in das innovative und unterhaltsame Serienprojekt gewährt.

© Filmstill SHEEP, Patrick Wally Horse&Fruits

„Wir haben den Mensch domestiziert und nach unseren Vorstellungen geformt“, dieser Satz, gesprochen von einem Schaf, fällt sehr früh in der neuen Erfolgsserie SHEEP. Umso schwerwiegender die Erkenntnis, dass die Menschen, allen voran der eigene Landwirt, vielleicht doch nicht nett und harmlos sind und die Herde eigentlich dem Schlachter zum Opfer fallen soll. Aber der Reihe nach: Diese „Offenbarung“ wird zu Beginn der Serie nur Schaf Oliver bewusst. Für ihn beginnt eine Reise, in der er sich Ängsten stellen, die eigene Herde überzeugen und vor dem sicheren Tod bewahren muss. Ob das gelingt, sei an dieser Stelle noch nicht verraten. Die Serienmacher_innen schaffen es mit einer unglaublichen Leichtig- und gleichzeitigen Ernsthaftigkeit, philosophische Fragen ebenso zu stellen, wie den Sinn des Lebens, Traditionen und Hierarchien zu hinterfragen. Mit Liebe zum Detail wird eine Geschichte erzählt, die sich zu Beginn als leichte Unterhaltung tarnt, nur um dann mit jedem Dialog und jeder Szene zu verdeutlichen, dass es um viel mehr geht als nur niedliche Schafe auf einem Bauernhof.

Entstanden ist die Idee durch eine persönliche Kindheitserfahrung von Regisseur und Drehbuchautor Alex Reinberg. Gemeinsam mit Leni Gruber verfasste er die erste Rohfassung des Skripts. Für den letzten humoristischen Feinschliff wurde noch Sebastian Huber von der Tagespresse mit an Bord geholt. Realisiert werden konnte die Serie aus einem Pitch heraus für das ZDF – Das kleine Fernsehspiel. Florian Brüning, Filmproduzent und Gründer der Produktionsfirma HORSE&FRUITS, wollte ein Projekt mit den beiden realisieren und schlug ihnen diese Zusammenarbeit vor. Die Idee überzeugte nicht nur das ZDF, sondern auch den ORF. Die wichtigen Hauptcharaktere, die Schafe, wurden gewissenhaft ausgewählt und von Tiertrainerin Katja Hawliczek handaufgezogen und sorgsam an jede noch so ungewöhnliche Drehsituationen herangeführt. „Der Tierschutzgedanke war uns besonders wichtig. Es wurde kein Lamm aus seiner natürlichen Umgebung herausgerissen. Schafbauern, mit denen wir im engen Austausch waren, kontaktierten uns, wenn sie vom Muttertier verstoßene Lämmer hatten“, erklärt Brüning. Die tierischen Partner_innen blieben trotz ihres Trainings die größte Herausforderung. „Das Positive bei Tieren ist, sie spielen immer authentisch und gut, aber Blicke, Blickachsen und Winkel waren schwierig, da geht es oft um Millimeterarbeit“, erklärt Gruber und Reinberg ergänzt „man muss innovative Lösungen finden, aber durch die Limitierung entsteht eine kreative Freiheit“.

Für den Schnitt verantwortlich war Dominic Kubisch, gemeinsam mit seiner Kollegin Pia Huemer. Auch in der Postproduktion fand er diesen Part am schwierigsten, denn während bei Schauspieler_innen Dialoge nicht nachträglich geändert werden können, hätte man bei den Schafen anders agieren können. „Es war herausfordernd, dass man ständig alles hätte ändern können. Hilfreich war, dass wir in Zweierteams gearbeitet haben – sowohl beim Schnitt als auch in der Regie – und Entscheidungen gemeinsam getroffen wurden. Dass hier zwei gemischtgeschlechtliche Duos aufeinandertrafen, sorgte zusätzlich für eine wunderbare Balance“, erklärt Kubisch. Er und Huemer haben sich nicht wie sonst üblich Episoden aufgeteilt, sondern haben den Schnitt in einem Jobsharing-Modell umgesetzt, bei dem sie einzelne Arbeitsschritte untereinander aufteilten. „Damit waren alle für alles verantwortlich und immer über jeden Arbeitsschritt informiert.“ Brüning sieht das Aufteilen von Arbeit ebenfalls positiv: „Für den kreativen Prozess ist es natürlich großartig, für Produzent_innen ist aber klar, dass es so zeit- und kostenintensiver ist. Es gibt in der Produktionsrealität für diese Arbeit im Kollektiv noch keine klaren Strukturen. Hier passiert gerade ein Wandel, aber wenn man so arbeiten möchte, muss man sich zurzeit noch vieles selbst erarbeiten.“ Leni Gruber schätzt am Jobsharing besonders die zweite Meinung und zusätzliche Perspektive, die Rückhalt bietet und neue Ideen entstehen lässt. „Ein Projekt wie SHEEP, wo weniger Geld für die Produktion da ist und man in der Regie dann auch einfach anders aushelfen muss, wäre sonst nicht möglich gewesen“, so Reinberg.

ab 13. Oktober 2026 im ORF

Für die Synchronisation der Tiere konnten Größen der deutschsprachigen Schauspielszene wie Jella Haase, Merlin Sandmeyer, Birgit Minichmayr, Roland Düringer oder Michael Ostrowski gewonnen werden. „Die Schafe dann mit den Stimmen zu hören, war ein Riesen-Aha-Erlebnis. Es war berührend, weil zum Beispiel Oliver plötzlich lebendig wurde“, erinnert sich Reinberg. Gruber, Reinberg und Kubisch studierten alle im selben Jahrgang an der Filmakademie Wien und arbeiteten schon bei früheren Projekten zusammen – etwa an dem mit dem Thomas-Pluch-Drehbuchpreis ausgezeichneten Kurzfilm Preiswerte Lösungen für ein besseres Leben. Brüning schloss sein Studium früher ab, man kannte sich dennoch von der gemeinsamen Studienzeit. Große Teile der Crew studierten ebenfalls an der Filmakademie Wien. „Unsere Zusammenarbeit zeigt, was dieses Studium so besonders macht: Man findet im Jahrgang zusammen, wächst durch gemeinsame Projekte im geschützten Raum künstlerisch zusammen und geht schließlich als starkes Kollektiv in die Branche“, so Kubisch.

Dass der intelligente existenzialistische Humor von SHEEP auch für ein internationales Publikum funktioniert, hat das Team bereits in Cannes bewiesen. Bei Canneseries – dem serientechnischen Äquivalent zum renommierten Filmfestival an der Côte d’Azur – wurde die Serie mit dem Student Award ausgezeichnet. „Die Einladung und Teilnahme an sich war für uns schon Wahnsinn, aber dann mit dem Student Award ausgezeichnet zu werden, der von Filmstudierenden, also unseren Kolleg_innen sowie eine neue Generation von Filmschaffenden, vergeben wird, war einfach unglaublich“, erinnert sich Gruber.

„SHEEP ist sehr speziell und vielleicht nicht das klassische Hauptabendprogramm. Leni und mir war es wichtig, die Geschichte einer Figur zu erzählen, die einen Konflikt hat und mit der man sich identifizieren kann“, so Alex Reinberg. Der bisherige Erfolg gibt ihnen Recht. Das Fernseh- und Streamingpublikum kann sich ab Oktober im ORF sowie auf ORF ON ein eigenes Bild von Oliver und seiner Schafherde machen.

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