Mit dem Abschluss der Dissertation geht ein Abschnitt in einem Forscher_innenleben zu Ende – und ein neuer beginnt. Von den ersten Skizzen bis zur Präsentation meines fertigen Buches Benutze nun die Tafeln selbst. Sammeln, Schreiben, Lehren und Üben mit einem Fundamentum (ca. 1440–1550) im vergangenen Herbst habe ich mich fast zehn Jahre lang damit beschäftigt, wie um 1500 Musik am Tasteninstrument gelernt, geübt und aufgeschrieben wurde. Dabei habe ich mir eine Gruppe von Handschriften angeschaut, in denen musikalische Stückchen – teils nur wenige Sekunden lang – unter dem Titel „Fundamentum“ gruppiert wurden. Manche dieser Sammlungen sind wenige Zeilen kurz, andere viele Seiten lang. Warum wurden diese Sammlungen angelegt und was hat man damit genau gemacht? Eine lange Spurensuche führte mich zu der Erkenntnis, dass es keine einzelne Antwort auf diese Fragen gibt. Denn die musikalischen Aufzeichnungen waren unmittelbar in die Praxis eingebunden: Man schrieb, um sich etwas zu merken, um jemand anderem etwas mitzuteilen, um sich einer Sache zu vergewissern – oft während man gerade am Instrument übte, unterrichtete, lernte. Wie ein Einkaufszettel – dem man nicht unbedingt ansieht, wer wann wo einkaufte – bilden die Schriften nur einen Bruchteil der Handlungen ab, in die sie eingebettet waren. Für mich war es bei dieser Forschung ungemein hilfreich, mich auch mit anderen Schriften der Zeit zu beschäftigen, die nichts mit Musik zu tun haben. Zum Beispiel untersuchte ich, wie Menschen im 15. Jahrhundert Italienisch oder das Kämpfen mit Waffen lernten. Dabei fielen mir viele Parallelen zum Musizieren in dieser Zeit auf, wie etwa die großen Schwierigkeiten, die entstehen, wenn man dynamische Lernprozesse oder Körperbewegungen mit Musikinstrumenten oder Waffen zu Papier bringen möchte.

Diese interdisziplinäre Arbeit begleitet mich jetzt auch nach dem Buch weiter. Gerade schreibe ich Aufsätze darüber, wie man im 11. und 12. Jahrhundert mithilfe der eigenen Hände Musik lernte und wie Schriften zur Musik in der Fülle der Anleitungs- und Ratgeberliteratur des 16. Jahrhunderts zu verorten sind. Seit Kurzem beschäftige ich mich auch mit Tonaufnahmen, die vor ungefähr 100 Jahren in Kolonien des Deutschen Reiches produziert wurden. Dieses neue Thema bietet viele spannende Herausforderungen. Daneben bin ich hier an der mdw aber weiter in der New Senfl Edition zu Hause. Die Teamarbeit ist eine wunderbare Abwechslung zur oft etwas einsamen Forschungsarbeit. Besonders gefällt mir dabei die Vielfalt der Aufgaben: Ich finde heraus, welche Quellen besonders geeignet sind, übertrage die Musik aus den alten in die modernen Notationen, singe und spiele die fertige Ausgabe beim Korrigieren durch und dokumentiere all das in verschiedenen Texten – vom Blogbeitrag über die „Weltkarte“ bis zum kritischen Bericht.

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