Bereits 2024 berichtete das mdw-Magazin über die erfolgreiche Europatournee des südafrikanischen MIAGI (Music is a great investment) Orchestra und die langjährige Partnerschaft mit der mdw. Mit dem Konzert beim Podium Zukunft am 27. April 2026 in Frankfurt wurde diese Zusammenarbeit nun eindrucksvoll fortgesetzt. Im Mittelpunkt stand dabei weniger ein weiteres Gastspiel als vielmehr die konsequente Weiterentwicklung einer künstlerischen Idee. Unter dem Titel Searching the African Footprint zeichnete das MIAGI Orchestra unter der Leitung von David Panzl die musikalischen Spuren der afrikanischen Diaspora nach und eröffnete damit neue Perspektiven auf den klassischen Konzertkanon.

Der programmatische Ansatz zielte nicht darauf ab, Afrika geografisch zu verorten. Vielmehr ging es um die Frage, wie afrikanische Kultur und ihre Diaspora die Musikgeschichte geprägt haben, von der Karibik über Nordamerika bis zurück in das heutige Südafrika. Das Konzert verstand sich als musikalische Erzählung über kulturellen Austausch, Identität und die Entstehung neuer künstlerischer Ausdrucksformen. Genau darin liegt seit vielen Jahren die Mission von MIAGI. Musik wird nicht nur als ästhetische Praxis verstanden, sondern als Medium gesellschaftlicher Verständigung und kultureller Teilhabe. Bereits die Eröffnung mit George Gershwins Cuban Overture machte diesen Anspruch hörbar. Für das MIAGI Orchestra schuf David Panzl eine neue Instrumentation und ein eigens auf den südafrikanischen Klangkörper zugeschnittenes Arrangement, das die charakteristische Besetzung des Orchesters mit ihren erweiterten Percussion- und Jazzfarben berücksichtigt. So wurde Gershwins von afrokaribischen Rhythmen inspirierte Komposition zum idealen Ausgangspunkt einer musikalischen Spurensuche, in der kulturelle Einflüsse nicht als Randerscheinung, sondern als Motor musikalischer Entwicklung verstanden werden. Einen zentralen Platz im Programm nahmen die Werke von Florence Price und George Walker ein. Ihre Gegenüberstellung bildete das historische Zentrum des Abends und machte deutlich, weshalb die Auseinandersetzung mit der afrikanischen Diaspora weit über Fragen der Repertoireerweiterung hinausgeht. Florence Price schrieb als erste afroamerikanische Komponistin, deren Sinfonie von einem großen amerikanischen Orchester aufgeführt wurde, Musikgeschichte. Dennoch geriet ihr Schaffen über Jahrzehnte nahezu in Vergessenheit. Ihr Andante moderato aus dem ersten Streichquartett verbindet spätromantische Klangsprache mit den melodischen und harmonischen Traditionen afroamerikanischer Spirituals. Dass ihre Musik heute wieder selbstverständlich auf internationalen Konzertpodien erklingt, bedeutet zugleich eine notwendige Neubewertung der Musikgeschichte.
George Walker führte diesen Weg fort. Als erster afroamerikanischer Pulitzer-Preisträger für Musik steht er für die künstlerische Anerkennung einer Generation, die auf den Errungenschaften ihrer Vorgänger_innen aufbauen konnte. Seine Lyric for Strings zählt heute zu den eindrucksvollsten amerikanischen Werken für Streichorchester des 20. Jahrhunderts. Im Kontext dieses Programms wurde das Werk zu einem stillen und zutiefst bewegenden Erinnerungsort sowie zu einem Bindeglied zwischen afroamerikanischer Musikgeschichte und der Gegenwart.

Zwischen diesen beiden historischen Bezugspunkten wurde mit The Soweto Protocol die Brücke nach Südafrika geschlagen. Gemeinsam mit Black Child von Viwe Mkizwana und Missing Soest von Musawenkosi Mdluli zeigte sich, dass die Suche nach dem „African footprint“ nicht in der Vergangenheit endet. Vielmehr wird die Geschichte der afrikanischen Diaspora von einer jungen Generation südafrikanischer Komponist_innen weitergeschrieben, die klassische Musik, Jazz und afrikanische Traditionen selbstverständlich miteinander verbindet. Auch Leonard Bernsteins Prelude, Fugue and Riffs, das David Panzl eigens für das MIAGI Orchestra neu arrangierte und instrumentierte, fügte sich nahtlos in diese Dramaturgie ein. Jazz erscheint hier nicht als stilistischer Kontrast, sondern als unmittelbares Ergebnis jener kulturellen Verflechtungen, die das gesamte Programm durchziehen.
Ein wesentliches Element dieses künstlerischen Konzepts war erneut die Zusammenarbeit mit der mdw. Das mdw Percussion Ensemble war integraler Bestandteil des Orchesterklangs. Es verlieh den rhythmisch geprägten Werken nicht nur zusätzliche klangliche Tiefe, sondern erweiterte mit Marimba und Vibraphon auch die harmonische Farbigkeit des Orchesters. Mit Patriots von Joe Zawinul setzte die Zugabe einen energiegeladenen Schlusspunkt. Gemeinsam mit dem südafrikanischen MIAGI Orchestra sorgte die mdw Drumline für ein mitreißendes Finale. Die kraftvolle Verbindung von orchestraler Präzision und rhythmischer Energie machte die langjährige Partnerschaft zwischen MIAGI und der mdw nicht nur hörbar, sondern auch unmittelbar erlebbar. Dass dieses künstlerische Konzept weit über den Konzertsaal hinaus Wirkung entfaltet, zeigte die Resonanz des Publikums. Das Konzert wurde euphorisch aufgenommen und mit langanhaltendem Applaus gefeiert. Bereits unmittelbar nach der Aufführung ergaben sich neue Einladungen und Engagements für die kommende Saison. Ein eindrucksvoller Beleg für die internationale Strahlkraft eines Projekts, das musikalische Exzellenz und gesellschaftliche Verantwortung auf beispielhafte Weise miteinander verbindet.
Searching the African Footprint erwies sich damit nicht nur als Konzerttitel, sondern als programmatisches Statement. Das MIAGI Orchestra zeigte, dass der klassische Kanon dort am lebendigsten ist, wo er offen bleibt für bislang überhörte Stimmen und neue Perspektiven. Florence Price und George Walker stehen dabei nicht am Rand der Musikgeschichte, sondern in ihrem Zentrum. Ihre Werke gemeinsam mit jenen einer jungen südafrikanischen Komponist_innengeneration zu präsentieren, machte deutlich, dass die Geschichte der klassischen Musik nur dann vollständig erzählt werden kann, wenn sie als gemeinsame transkulturelle Geschichte verstanden wird. Genau darin liegen die künstlerische und gesellschaftliche Relevanz dieses außergewöhnlichen Projekts sowie die nachhaltige Bedeutung der Partnerschaft zwischen MIAGI und der mdw.