Wie bewegen sich Musik, Menschen und Ideen über geografische, politische und kulturelle Grenzen hinweg? Mit dieser Frage beschäftigte sich die isaResearch Summer School 2026 unter dem Titel „Across Moving Grounds: Music, Performing Arts, and the Politics of Mobility“. Dabei kamen 21 internationale Early Stage Researcher aus vielfältigen Disziplinen zusammen, um Mobilität als zentrales Thema musikalischer und performativer Praktiken aus unterschiedlichsten Perspektiven zu beleuchten.
© Stephan Polzer

Den Auftakt bildete ein Panel zum Thema „Travelling Concepts and Cultural Transformations“. Hier wurde deutlich, dass Mobilität weit mehr ist als physische Bewegung. Die Beiträge spannten einen Bogen von historischen und ethnografischen Zugängen über die Rolle von Affekten in der Wiener Salsa-Szene bis hin zu den transkulturellen Wegen des Walzers, dessen Transformation zum peruanischen Vals Criollo exemplarisch zeigte, wie Musikstile durch Aneignung und lokale Kontexte neue Identitäten entwickeln.

Auch das Zuhören selbst wurde zum Forschungsgegenstand. Im Panel „Listening Differently“ standen queere und dekoloniale Perspektiven auf musikalische Wahrnehmung im Mittelpunkt. Besonders eindrucksvoll war eine Lecture Performance, die das Publikum dazu einlud, gewohnte Hörweisen zu hinterfragen und Klang als Raum gesellschaftlicher Machtverhältnisse neu zu erfahren. Ergänzt wurde der erste Tag durch einen kritischen Stadtspaziergang zur Kolonialgeschichte Wiens sowie einer Vorstellungsrunde zu laufenden Forschungsprojekten im Rahmen der isa Opening Party.

© Therese Kaufmann

Der zweite Tag rückte Musik im öffentlichen Raum und ihre gesellschaftliche Wirkung in den Fokus. Beiträge zu Theatermusik als politischem Aktivismus, urbanen Musikinfrastrukturen in Zürich oder Afropartys in China verdeutlichten, wie musikalische Praktiken Räume des Austauschs, aber auch der Aushandlung sozialer Zugehörigkeit schaffen. Ein Konzertvortrag über kolumbianischen Bambuco zeigte eindrucksvoll, wie musikalische Arrangements bestehende Kanons hinterfragen und dekoloniale Perspektiven eröffnen können.

Im Anschluss standen Fragen kultureller Infrastruktur im Mittelpunkt. Digitale Netzwerke in der bosnischen Diaspora, ukrainische Künstler_innen im Exil sowie die Auswirkungen von Förderstrukturen auf die Sichtbarkeit marginalisierter Komponist_innen machten deutlich, dass Mobilität immer auch eng mit politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen verbunden ist. Den Abschluss des Tages bildeten öffentliche Vorträge über das Musikleben im belagerten Sarajevo sowie über multiple Marginalitäten in der Balkanmusik Wiens – bewegende Einblicke in Musik als Überlebensstrategie und Ausdruck kultureller Identität.

© Xiaotong Yang

Der Freitag widmete sich Archiven als dynamischen Orten des Wissens. Ob Performances der 1970er-Jahre, chilenische Musik im Exil oder afghanische Musiktraditionen in digitalen Netzwerken – die Beiträge zeigten, dass Archive nicht nur Vergangenes bewahren, sondern selbst in Bewegung sind. Workshops zu verkörpertem Wissen und dekolonialen Forschungsmethoden erweiterten die Diskussion um praktische Perspektiven. Abgerundet wurde der Tag durch eine Exkursion in die Christoph-Schlingensief-Ausstellung im MAK, die zahlreiche Brücken zu den Themenkomplexen um Musik und Migration schlug.

Am letzten Tag der Summer School standen Erfahrungen von Exil und Vertreibung im Mittelpunkt. Die Vorträge reichten von den Lebenswegen des Komponisten Jan Urban über das Versagen der Stimme im Gesang als Ausdruck gesellschaftlicher Ausgrenzung bis hin zu sephardischen Liedtraditionen und zeitgenössischen Performances in Kambodscha. In einer abschließenden Reflexionsrunde diskutierten die Teilnehmenden nicht nur die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Woche, sondern auch die Bedeutung internationaler Summer Schools als Räume des Austauschs, der Vernetzung und gemeinsamer Forschung.

Abgerundet wurde die Woche durch gemeinsame Exkursionen, ein Farewell Dinner sowie ein Matineekonzert des Exilarte Zentrums. Die isaResearch Summer School 2026 zeigte eindrucksvoll, dass Mobilität weit mehr ist als Bewegung zwischen Orten. Sie ist eine analytische Perspektive, die musikalische Praktiken, kulturelle Erinnerungen und gesellschaftliche Machtverhältnisse miteinander verbindet. Gerade die Vielfalt der vorgestellten Forschungsansätze machte deutlich, wie produktiv der interdisziplinäre Dialog für die Musik- und Performanceforschung heute ist – und wie wichtig internationale Begegnungen bleiben, um neue wissenschaftliche Perspektiven zu entwickeln.

Comments are closed.