Musica inaudita ist eine studentische Initiative an der Universität der Künste Berlin (UdK), die sich dafür einsetzt, marginalisierte Komponist_innen hör- und sichtbar zu machen, die in der klassischen Musikwelt bis dato noch keine bzw. wenig Aufmerksamkeit bekommen haben. Wie sie dies tun, haben Sophie Mattiuzzo und Jelena Wißmann von Musica inaudita im Interview bei ihrem Aufenthalt in Wien im Rahmen der Tagung Excellently Engaged erzählt, auf der sie gemeinsam mit dem inn.wien ensemble den Workshop Unlearn the canon – diverse repertoire now! gehalten haben.
Nachdem ihr heute bereits einen Workshop geleitet habt – und dies ja nicht zum ersten Mal –, würde uns interessieren: Wie läuft so ein Workshop eigentlich ab?
Sophie Mattiuzzo und Jelena Wißmann (SM/JW): Wir erklären, warum wir zu der Position „unlearn the canon“ gelangen und wie wir sie begründen. Ein wichtiger Ausgangspunkt ist dabei die Frage: Was ist eigentlich ein Kanon? Für uns ist entscheidend, sichtbar zu machen, wie stark „der Kanon“ von gesellschaftlichen Machtverhältnissen geprägt ist. Deshalb sprechen wir auch über Musiktheorie, denn sie beeinflusst maßgeblich, welche Musik als wertvoll gilt, was gelehrt wird und was dauerhaft Bestand hat. Dazu setzen wir uns in Kleingruppen mit (musik)wissenschaftlichen Texten1 auseinander und möchten dadurch gemeinsame Reflexionsprozesse anstoßen. Zum Abschluss stellen wir unsere digitale Datenbank an Initiativen, Archiven und verschiedenen Medienformaten vor, die den Einstieg in die weitere Recherche erleichtern soll.
Wie kam es, dass sich die Initiative zusammengefunden hat? Und wie ist eure Arbeit in die hochschulinternen Strukturen eingebunden?
SM/JW: Die erste Idee war, eine Konzertreihe zu organisieren, da wir hofften, dass Studierende dort Musik kennenlernen würden, die sie ästhetisch überzeugt und die sie anschließend vielleicht selbst in ihr Repertoire aufnehmen würden. Jedoch wurde uns schnell bewusst, dass ein einzelnes Konzert dafür nicht ausreicht. Es braucht kontinuierliche Konzertformate und eine wissenschaftliche Auseinandersetzung rund um „den Kanon“.
Wir sehen auch, dass gerade unsere Konzertarbeit ein wichtiges Argument ist. Sie wird von hervorragenden Musiker_innen gestaltet und steht anderen Konzertformaten qualitativ in nichts nach. Gerade diese Verbindung von wissenschaftlicher Auseinandersetzung und künstlerischer Praxis macht unsere Arbeit stark. Wir behaupten nicht nur, dass anderes Repertoire überzeugend ist – wir zeigen es ganz konkret. Die Konzerte werden so zu einem praktischen Gegenbeweis.
Was die institutionelle Verankerung betrifft, müssen wir hochschulpolitisch aktiv sein, um überhaupt Raum für unsere Arbeit zu schaffen. Wir stehen in engem Austausch mit dem Dekanat und dem Präsidium. Gleichzeitig sind wir auf studentische Hilfskraftstellen angewiesen und profitieren von der Unterstützung einzelner Professor_innen. Auch Ressourcen wie Büroräume oder die Nutzung von Konzertsälen erhalten wir über die Hochschule, aber unsere Arbeit findet bis heute überwiegend ehrenamtlich statt.
An der UdK Berlin gibt es die Critical Diversity Policy – Konzept für Antidiskriminierung und Diversität mit verschiedenen Handlungsfeldern und Maßnahmen. Ist eure Arbeit darin eingebunden?
SM/JW: Nicht unmittelbar, aber wir beziehen uns immer wieder auf die Critical Diversity Policy und auf die dort formulierten Maßnahmen, wenn wir unsere Arbeit begründen. Sehr eng arbeiten wir allerdings mit den Gleichstellungsbeauftragten der UdK zusammen – sowohl auf zentraler Ebene als auch in den einzelnen Fakultäten.

Was braucht es aus eurer Sicht, damit das Repertoire an Hochschulen vielfältiger wird? Wo können Universitäten und Musikhochschulen konkret ansetzen?
SM/JW: Ein ganz zentraler Hebel sind aus unserer Sicht die Prüfungsordnungen sowie die Curricula. Im Workshop kam heute beispielsweise die Frage auf, wie Aufnahmeprüfungen eigentlich entstehen und ob dort nicht bewusst vielfältigeres Repertoire vorgegeben werden sollte. An der mdw gibt es Empfehlungslisten, auf denen auch Werke von Komponist_innen außerhalb des traditionellen Kanons stehen. Allerdings sind diese Listen teilweise nur schwer auffindbar. Wenn man an einer Stelle Veränderungen anstößt, entstehen zwangsläufig Reibungen. Das liegt auch daran, dass die bestehenden Systeme sehr eng miteinander verzahnt sind. Die Werke, die in Aufnahmeprüfungen verlangt werden, bereiten auf Abschlussprüfungen vor, diese wiederum orientieren sich an Orchesterprobespielen oder Wettbewerben. Alles greift ineinander. Wir glauben jedoch, dass diese Irritationsmomente notwendig sind: Wenn sich an vielen Stellen gleichzeitig etwas bewegt, verändern sich nach und nach auch die Strukturen als Ganzes. Die Universität wirkt dabei als Multiplikatorin.
Was möchtet ihr den Studierenden denn gerne mit auf den Weg geben?
SM/JW: Auch wenn man sich manchmal allein fühlt, lohnt es sich, den eigenen Überzeugungen nachzugehen. Es braucht Mut, bestehende Strukturen infrage zu stellen. Gerade im Studium ist man in vielerlei Hinsicht von Menschen abhängig, die über einem stehen – dadurch entsteht leicht das Gefühl, möglichst niemandem widersprechen zu dürfen und allen gefallen zu müssen. Unsere Erfahrung ist jedoch eine andere: Sobald man den Mut hat, Position zu beziehen, merkt man oft, dass es auch andere Menschen gibt, die ähnliche Fragen oder Zweifel haben. Man findet Verbündete und kann sich zusammenschließen.
- Ewell, Philipp A.: Music Theory and the White Racial Frame. In: Music Theory Online. Ausgabe 26, Nummer 2, 2020.
Huber, Annegret: Meisterinnenwerke und Meisterwerkanalyse. In: History Herstory: Alternative Musikgeschichten. Hg.: Annette Kreutziger-Herr und Katrina Losleben. Böhlau, 2009, S. 125–139.