Im Dezember 2025 fand die zweite Eröffnung des International Research Center – Gender and Performativity (ICGP) statt. Mit etwas Abstand können wir auf ein erfolgreiches Symposion zurückblicken. Mit Schwerpunkt auf dem Verhältnis von Gendering und Racialization aus globaler Perspektive wurden Themen wie Faschisierung, Populismus und institutionelle Komplizität kritisch analysiert. Dabei wurden die Potenziale künstlerisch-wissenschaftlicher und performativer Praxen exemplarisch hervorgehoben.

Anders als bei der vorhergehenden Eröffnungsveranstaltung im Juni 2025 herrschte dieses Mal eine winterlich-vorweihnachtliche Stimmung am mdw-Campus. Ungeachtet der niedrigen Temperaturen wurde an politische Diskurse angeknüpft und – in Veranstaltungsräumen sowie in den Pausen – heiß diskutiert. So zeigte die zweite Eröffnung erneut, wie groß die Nachfrage nach Raum für Austausch in Zeiten globaler Krisen bleibt, in denen zunehmend Druck auf die Gender Studies ausgeübt wird. Dies spiegelte sich auch in den Grußworten wider: Sowohl Ulrike Sych, Rektorin der mdw, als auch Susanne Lettow vom Margherita-von-Brentano-Zentrum der FU Berlin unterstrichen die gesellschaftspolitische Bedeutung des Zentrums mit entsprechender Promotionsmöglichkeit in Gender Studies und Performativitätsfragen für lokale und internationale Forschung und Lehre. Dominik Reisner, der die Veranstaltung als Vertreter des Bundesministeriums für Frauen, Wissenschaft und Forschung besuchte, betonte die einzigartige Positionierung des Zentrums als Brücke zwischen akademischer Öffentlichkeit, performativen Künsten und Gesellschaft.
Konkretisiert wurde dies in der Antrittsvorlesung Dirty Dragging. On Gender, „Race“, and Transgression von Evelyn Annuß, Kultur- und Theater-/Literaturwissenschaftlerin sowie Leiterin des ICGP. Angelehnt an ihr neues Buch Dirty Dragging. Performative Transpositionen (mdwPress 2025 dt., 2026 en.) skizzierte diese rege diskutierte Vorlesung das zukünftige Profil des neu gegründeten Forschungszentrums. Im voll besetzten Joseph Haydn-Saal beschäftigte sie sich exemplarisch mit Drag als politischer Praxis und dem Status geistes- und sozialwissenschaftlicher Gender Studies vor dem Hintergrund einer zunehmend autoritären Wende. Annuß schlug vor, bestehende Ansätze der Queer Theory weiterzudenken und hierbei über die jeweilige gesellschaftliche und politische Situierung transgressiver Auftrittsformen nachzudenken. An gegensätzlichen Drag-Fotografien aus der Zeit des Apartheid- und des NS-Regimes reformulierte sie „Dragging“ als „schlepping-along“, um nach dem performativen Umgang mit politischer Gewalt und deren Nachleben in heutigen Spektakeln vor dem Hintergrund gegenwärtiger Faschisierungsprozesse zu fragen. Diese Frage steht auch im Zusammenhang mit dem zeitgleich von Annuß und dem letztjährigen ICGP-Gastprofessor Raz Weiner herausgegebenen Sammelband Facing Drag. Gender Bending and Racialized Masking in Performing Arts and Popular Culture, der unterschiedliche Perspektiven auf queere Auftrittsformen, Rassismen und Kolonialismus verschränkt und im Rahmen des Symposions gemeinsam mit Sam Ehrentraut, Zimitri Erasmus und Eric Lott, Autor_innen des Bandes, vorgestellt wurde. Beide Publikationen sind inzwischen erhältlich – Open Access sowie als Printversion.
Das darauffolgende zweitägige Symposion verdeutlichte den internationalen Anspruch des neuen Zentrums und entsprach dessen drei Arbeitsschwerpunkten: der Auseinandersetzung mit den performativen Künsten, politischen Spektakeln und avancierten (queeren) Theorien des Performativen. Entsprechend adressierte es Geschlechterfragen an der Schnittstelle von Ästhetik und Politik. Raz Weiners Vortrag, der die eigene Familiengeschichte in Israel zum Ausgangspunkt nahm, und Sirah Foighel Brutmanns und Eitan Efrats Film Vents Violents (Two Letters to Chantal Akerman) befragten die Verschränkung politischer Gewaltgeschichten, von Holocaust und Kolonialismus, und deren performativer bzw. künstlerischer Verhandlung.

Unterschiedliche Artikulationsformen von Rassismus und Gender in Musik und Theater/Performance wiederum beschäftigten den New Yorker Kulturwissenschaftler Eric Lott, die in Johannesburg lehrende ICGP-Gastprofessorin Zimitri Erasmus und die in New York und Mutare, Simbabwe, ansässige Performance-Künstlerin nora chipaumire in ihrem Gespräch mit Isabel Lewis, Leiterin des Tanzquartier Wien. Vor diesem Hintergrund schließlich wurden auch die bereits während der ICGP-Sommerveranstaltung geführten Diskussionen um akademische Komplizität mit weiteren Gästen fortgesetzt, um die gegenwärtige Bedrohung von Hochschulautonomie und kritischer (Geschlechter-)Forschung in heterogenen Kontexten – in Österreich (Isabel Frey), Deutschland (Sam Ehrentraut, Susanne Lettow), Serbien (Tatjana Nikolić) sowie in Südafrika (Zimitri Erasmus), Israel (Raz Weiner) und den USA (Eric Lott) zu beleuchten.
Die ICGP-Eröffnung im Dezember war wiederum ein großer Erfolg – möglich geworden durch die Unterstützung der mdw und das Engagement vieler Einzelner. Im Sommersemester wird die jährliche Gender-Studies-Ringvorlesung in Form des Symposions Performing Challenges (16. bis 18. Juni) Gelegenheit geben, die begonnenen Diskussionen fortzuführen. Im Mittelpunkt stehen trans- und queerfeministische theoretische, künstlerische und aktivistische Auseinandersetzungen mit Fragen der Solidarität.