Ein Montag im Dezember im Wiener Gasometer. Ich bin unterwegs zwischen Geschäften, Rolltreppen und weitläufigen Glasgängen. Die vier Gasometer-Türme gelten als Stadt in der Stadt: Rund 1.500 Menschen leben hier. Auf etwa 220.000 Quadratmetern verdichten sich Wohnraum, Büroflächen, Handel und kulturelle Angebote. Ein Alltagsort. Und genau hier fand die vierte Ausgabe der Community-Music-Reihe Grätzl Töne statt, die ich als Teilnehmende der Lehrveranstaltung Vermittlung von Musik miterlebt habe.

Die Veranstaltung wurde von Martin Schlögl, Senior Artist für Community Engagement, konzipiert. Für Grätzl Töne entwickelten Studierende des Fachbereichs Musik im Dialog gemeinsam mit Künstler_innen Musikformate, die direkt auf den Gasometer und auf die Menschen eingehen, die hier wohnen, arbeiten und einkaufen. Die Beiträge waren bewusst offen angelegt: Das Publikum war eingeladen, sich einzubringen, auszuprobieren – oder einfach zuzuhören. Community Music zeigte sich hier als gemeinschaftsorientierte Praxis: niedrigschwellig und im Dialog mit den Menschen und ihrer Umgebung.
Insgesamt wurden neun unterschiedliche Orte quer durch die Türme A bis D bespielt. Im Eingangsbereich von Turm A trat die Singer-Songwriterin Lynnie V auf und brachte mit Stimme, Gitarre und Loop-Station einen ruhigen Moment in das vorweihnachtlich hektische Umfeld. Menschen, die gerade mit alltäglichen Erledigungen beschäftigt waren, blieben stehen und hörten zu. Im Spielegeschäft Warhammer vertonte der Bassist Robin Gadermaier den Spielverlauf eines Fantasy-Strategiespiels live am Bass. Rund um den Spieltisch versammelte sich die Gamer-Community, zugleich wurden auch weitere Zuhörer_innen durch die Musik aufmerksam. In Turm B spielte das Jugendstreichorchester der Johann Sebastian Bach Musikschule Wien in einem eher kargen Durchgangsraum. Trotz der wenig einladenden Umgebung entstand eine besondere Atmosphäre, getragen von der musikalischen Spielfreude der Kinder. Im verglasten Übergang von Turm B zu Turm C vertonten Studierende der Lehrveranstaltung Präsentation und soziales Engagement die Bewegungen der vorbeigehenden Menschen. Schritte, Tempo und Gesten wurden klanglich aufgegriffen, die Passant_innen wurden selbst Teil der Performance. Im Übergangsraum zu Turm D spielte das Blockflötenensemble der Johann Sebastian Bach Musikschule. In dem kalten, spärlich beleuchteten Gang entstand eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre, die sich auf die bewusst stehen gebliebenen Besucher_innen übertrug.

Im Musikaliengeschäft Klangfarbe, das die Gesamtveranstaltung mit Instrumenten und Equipment unterstützte, spielte die Polgar Inclusive Band. Als inklusive Band machte sie musikalische Teilhabe in diesem besonderen Umfeld erfahrbar. Und vor dem Geschäft konnten Besucher_innen mithilfe einer Drehscheibe nach dem Zufallsprinzip einen eigenen Song zusammenstellen, der anschließend von Studierenden live umgesetzt wurde. Besonders in Erinnerung blieb mir eine ältere Dame, die sich mehrfach für das Stück bedankte, das durch ihr Drehen „für sie“ entstanden war.
In Turm C, einem großen runden Raum mit markanter Glasdecke und charakteristischem Hall, waren die elektronischen Sounds des Community Artists Gammon sowie das Ensemble Studio Dan zu hören. Studio Dan spielte ein zeitgenössisches Werk von Rudolf Wakolbinger, das eigens für die Akustik dieses Ortes entwickelt wurde. Farbige Partituren machten den Verlauf sichtbar. Gammon ermöglichte mit seinem sogenannten Modular Tisch ein gemeinsames Musizieren mehrerer Passant_innen zugleich – niederschwellig und ohne Vorkenntnisse.
Im Musik im Dialog-Saal in Turm C fanden die unterschiedlichen Linien des Nachmittags zusammen. Zu Beginn sprach Rektorin Ulrike Sych einleitende Worte und betonte die gesellschaftliche Bedeutung von Musik sowie von Formaten, die Kunst, Bildung und soziale Realität miteinander verbinden. Im anschließenden Konzert beeindruckte die Geigerin Lisa-Maria Sekine mit ihrer Virtuosität und zugleich sehr unprätentiösen Performance. Besonders berührend waren für mich die Beiträge von Open Obdach sowie von Manu of Earth, einem Ensemble rund um die Sängerin der inklusiven Rockband Monkeys of Earth. Manu animierte das Publikum zum Mitsingen und Klatschen. Selten habe ich ein Konzert erlebt, bei dem eine Frontfrau so befreit und selbstverständlich das Publikum fesseln und mitreißen konnte. Ähnliches lässt sich auch über die Musiker_innen von Open Obdach sagen, einem Musikprojekt in Kooperation mit Fonds Soziales Wien Obdach, das ehemals obdachlose Menschen und Studierende zum gemeinsamen Musizieren zusammenbringt.

Das musikalische Programm wurde schließlich durch einen Talk vertieft. Unter dem Motto „Proberäume der Demokratie“ sprachen Ursula Berner, Axel Petri-Preis, Hanns Stekel und Anna Dempsey unter der Gesprächsleitung von Miriam Damev (Stadtzeitung Der Falter) darüber, welche Rolle Musik gerade auch in schwierigen Zeiten für gesellschaftlichen Zusammenhalt spielen kann. In diesem Rahmen stellte Hanns Stekel das Community Music Center vor, eine Initiative der Johann Sebastian Bach Musikschule Wien in Zusammenarbeit mit dem Fachbereich Musik im Dialog.
Mich persönlich hat der gemeinsame Nachmittag sehr berührt: Begegnung, Austausch und gemeinschaftliche künstlerische Aktivitäten sind Ausdruck dessen, was uns als Gesellschaft stärkt und zusammenbringt – und die Grätzl Töne bewiesen diese verbindende Wirkung und die vermittelnde Kraft von Musik sehr eindrucksvoll.