Der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender waren vom 21. bis 23. Oktober des vergangenen Jahres vom österreichischen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen eingeladen. Es war der erste Staatsbesuch eines deutschen Bundespräsidenten seit 28 Jahren in der Republik Österreich. Die Reise stand im Zeichen der engen Verbundenheit und Freundschaft der beiden Länder und ihrer vielseitigen Beziehungen. Auf dem Programm standen unter anderem die Eröffnung des Neubaus der deutschen Botschaft in Wien, eine Kranzniederlegung an der Shoah-Namensmauern-Gedenkstätte, ein Staatsbankett, die Besichtigung der Baustelle des Brenner Basistunnels und der Besuch des Max Reinhardt Seminars, des Instituts für Schauspiel und Schauspielregie der mdw.

Nach mehreren Wochen der Planung zwischen dem Max Reinhardt Seminar und der deutschen Botschaft Wien, dem Bundespräsidialamt Berlin, dem deutschen Bundeskriminalamt und der österreichischen Polizei besuchten Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender das Seminar. Mit ihnen reiste eine mehr als 20-köpfige Delegation, welcher der Tenor Jonas Kaufmann, der Schauspieler Philipp Hochmair und die deutsche Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend Karin Prien, angehörten. mdw-Rektorin Ulrike Sych und Alexandra Althoff, Institutsleiterin des Max Reinhardt Seminars, empfingen den Bundespräsidenten im Palais Cumberland in Penzing. Nach der Eintragung in das Gästebuch des Seminars neben der Büste Max Reinhardts besichtigte die Delegation das Seminar und erfuhr einiges zu seiner Geschichte. „Es ist eine große Freude, dass das Max Reinhardt Seminar der mdw als Ort der Verbundenheit zwischen Deutschland und Österreich ausgewählt wurde und dass ein Austausch mit unseren Studierenden, also der neuen Generation von Kulturschaffenden, im Zentrum dieses Besuchs steht“, bedankte sich Alexandra Althoff bei Frank-Walter Steinmeier.

Der spannende Höhepunkt war die Aufführung eines Ausschnitts aus der Diplominszenierung Keine Hoffnung, Baby! des Regiestudenten Jakob Leanda Wernisch mit Schauspielstudierenden des Seminars (Diyar Agit, Julius Béla Dörner, Crispin Hausmann, Antonie Lawrenz, Bernadette Leopold, Emma Meyer, Elena Pfeiler) auf der Neuen Studiobühne. Jakob Leanda Wernisch war neben der Regie auch für den Text verantwortlich und so war ein Gespräch zwischen ihm, den mitwirkenden Schauspielstudierenden, Philipp Hochmair, Elke Büdenbender und Frank-Walter Steinmeier der krönende Abschluss des Besuchs. Die Inszenierung befasst sich mit zentralen Themen wie Wirtschaftsentwicklung, Klimakrise, Krieg und dem daraus resultierenden Untergang unserer Welt. Auf der Suche nach etwas Ewigem entschieden sich bei Wernisch drei Paare in den letzten Stunden vor der Apokalypse ausgerechnet zu heiraten. In der Diskussion widmeten sich der Bundespräsident und seine Frau den Fragen des Stücks, seiner Entwicklung und der Herangehensweise des Regisseurs/Autors. Großes Interesse zeigten sie an der aktuellen Ausbildung am Max Reinhardt Seminar, auch im Vergleich zur Zeit von Philipp Hochmair, der in den 90er-Jahren am Seminar studierte.

Im Gegensatz zu früheren autoritären Hierarchien verteidigten Studierende entschieden respektvolle, kollegiale und partizipative Prozesse, ob im Verhältnis von Regie und Ensemble oder auch von Lehrenden und Studierenden. Karin Prien meinte anerkennend zu den Studierenden, dass man von ihnen viel über Führung lernen könne. Die angeregte Diskussion reichte von den Herausforderungen einen der begehrten Studienplätze zu erhalten, die unterschiedlichen Werdegänge der Studierenden, das Absolvent_innenvorspiel bis hin zu den Zukunftsperspektiven der Studierenden. Jakob Leanda Wernisch meinte dazu rückblickend: „Es war besonders, an einem Projekt über unser Verzweifeln am Weltgeschehen zu arbeiten und plötzlich von dem Staatsbesuch von Frank-Walter Steinmeier überrascht zu werden. So war ich bei der Präsentation des Stückausschnittes gerade an den Reaktionen der Delegation interessiert. Wo wurde gelacht? Wo gerade nicht? Die Delegation schien sich ohnehin als einzelner Organismus zu verhalten, mit solcher Effizienz betrat sie das Seminar, nahmen die dutzenden Beamt_innen und Journalist_innen ihren Posten ein. Ich hatte mir vor unserem Gespräch mit dem Bundespräsidenten und Elke Büdenbender noch nie die Frage gestellt, was ein Staatsbesuch einem abverlangt, doch wie scheinbar ungezwungen die beiden Interesse aufbringen konnten, auch komplexere Themen nicht ausgespart wurden, obwohl wir selbstverständlich nur ein Punkt auf einer langen Tagesordnung waren, das begeisterte mich. Und so schnell die Delegation gekommen war, so verließ sie das Seminar pünktlich wieder.“