Die zwei Sätze des Titels stammen aus einem Text Ilse Aichingers, der Nichte der kinobegeisterten Pianistin und Klavierpädagogin Erna Kremer und geben einen ebenso knappen wie treffenden Einblick in deren Schicksal nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland. Mehrfach finden sich in Aichingers Werk Bezüge auf ihre Tante:

„Sie war die jüngste Schwester meiner Mutter. Sie lebte, wie wir alle, in der Wohnung meiner Großmutter in der Hohlweggasse, nahe dem Gürtel, stadtauswärts. Sie unterrichtete […] bis zum März 1938, Klavier an der Musikakademie in Wien. […] Aber wenn auch die letzten Privatschüler […] gegangen waren, drängte es sie fort. Sie wollte ins Kino […].“ 1

© mdw Archiv
Herkunft und Ausbildung

1896 als Tochter einer assimilierten jüdischen Familie in Lemberg geboren, wuchs Kremer in Sarajevo auf, bis ihr Vater – ein Offizier und Beamter des Kriegsministeriums – 1905 nach Wien versetzt wurde. Während Religion in der Familie keine Rolle spielte, wurde hoher Wert auf Bildung gelegt und den Kindern sämtliche Bildungswege offengelassen. Ebenso wie ihre Geschwister erhielt Kremer ersten Klavierunterricht durch ihre Mutter. Im Alter von zehn Jahren begann sie mit dem Besuch eines Vorbereitungskurses ihre pianistische Ausbildung an der mdw. 1914 beendete sie ihr Klavierstudium mit Ablegung der Reifeprüfung mit vorzüglichem Erfolg und wurde mit dem Akademiediplom und einer Prämie ausgezeichnet. Anschließend belegte sie den „Lehrerbildungskurs“, für dessen Abschluss sie 1915 ebenfalls eine Prämie erhielt, und besuchte im Studienjahr 1915/16 die Meisterschule für Klavier bei Emil Sauer.

Künstlerische und pädagogische Karriere

Erste Belege für öffentliche Auftritte als Solistin, Klavierbegleiterin und Kammermusikerin datieren auf den Anfang der 1920er-Jahre, in einer Zeitungskritik findet sich auch der Hinweis auf eine Tournee in Schweden. Spätestens ab 1923 leitete Kremer eine Klavier-Hauptfachklasse am Neuen Wiener Konservatorium, parallel dazu gab sie Privatstunden. Auch wenn ihr in einer Konzertkritik prophezeit worden war „Die Künstlerin wird bald als eine Klaviervirtuosin von kontinentalem Range bekannt sein.“2 blieb ihr eine internationale Karriere verwehrt. Seit Anfang der 1930er-Jahre trat Kremer im Rundfunk auf und erlangte so nationale Bekanntheit. 1934 erfolgte ihre Bestellung zur Leitung einer Klavier-Nebenfachklasse an der mdw, an der sie eine Vielzahl von Studierenden – bis zu 70 Personen im Semester – unterrichtete.

© mdw Archiv
Verfolgung und Ermordung

Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde Erna Kremer nach dem „Anschluss“ jegliche berufliche Lebensgrundlage entzogen; die 1919 erfolgte Konversion zum katholischen Glauben war dabei ohne Bedeutung. Zu den zahlreichen Restriktionen, denen die als jüdisch definierte Bevölkerung ausgesetzt war, zählte auch das Verbot des Besuchs von Kinos. Als Kremer im November 1940 an eine Freundin schrieb „Ja, der Kummer und die Sorgen werden immer größer und haben jedes erträgliche Maß längst überschritten.“3, lebte sie bereits mit ihrem Bruder und ihrer Mutter in einer Sammelwohnung im dritten Wiener Gemeindebezirk. Vermutlich Anfang Mai 1942 wurde die Familie in ein Sammellager überführt und gemeinsam mit etwa 1.000 weiteren Jüdinnen und Juden am 6. Mai 1942 in das weißrussische Maly Trostinec deportiert und unmittelbar nach der Ankunft am 11. Mai in einem nahe gelegenen Waldstück ermordet.

Ilse Aichinger sah ihre Tante zuletzt in Wien, als Erna Kremer auf einem offenen Lastwagen zum Bahnhof gebracht wurde.

„Ihr Kino war das Fasankino, es war fast immer das Fasankino, in das sie ging. Sie kam fröstelnd nach Hause und erklärte meistens, es hätte gezogen und man könne sich dort den Tod holen. Aber sie ließ ihr Fasankino nicht, und sie holte sich dort nicht den Tod. Den holte sie sich und der holte sie gemeinsam mit meiner Großmutter im Vernichtungslager Minsk, in das sie deportiert wurden. Es wäre besser gewesen, sie hätte ihn sich im Fasankino geholt, denn sie liebte es.“ 4

Weitere Infos zu Erna Kremer auf der Web-Wissensressource spiel|mach|t|raum.

  1. Ilse Aichinger, „Stadtauswärts: Die Klavierspielerin“, in: Film und Verhängnis. Blitzlichter auf ein Leben, S. 11.
  2. Linzer Volksblatt, 25. 5. 1922, S. 4.
  3. Brief von Erna Kremer vom 30. 11. 1940, Deutsches Literaturarchiv Marbach.
  4. Ilse Aichinger, „Stadtauswärts: Die Klavierspielerin“, in: Film und Verhängnis. Blitzlichter auf ein Leben, S. 13.
Comments are closed.