Foto von Raffaela Gmeiner Privat

Raffaela Gmeiner wurde 1991 in Wien geboren, studierte Musikwissenschaft, Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Wien sowie Konzertfach Jazzvioline und Instrumental- und Gesangspädagogik am Vienna Music Institut (Conservatory of
Contemporary Music), und nun Musiksoziologie an der Universität für Musik und darstellenden Kunst Wien. Akademische Auslandsaufenthalte erfolgten in Frankreich, Dänemark und Uganda. Raffaela Gmeiner arbeitete als Wissenschaftlerin und/oder
Lehrbeauftrage an unterschiedlichen Universitäten: Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, Universität Wien u.a. für das EU Horizon 2020 Project CICERONE (Creative Industries Cultural Economy pROduction Network), Donau-Universität Krems. Zurzeit ist sie als freischaffende Musikerin und DJane tätig und spielt als Solokünstlerin und mit Ensembleprojekten auf nationalen und internationalen Bühnen.

 

Musik zwischen Virtualität und Materialität.
Die Bedeutung von Livemusik und physischen Tonträgern im Zeitalter von Onlinemedien & Digitalisierung
Fachbereich Musiksoziologie
1. Betreuer Univ.Prof. Dr. Michael Huber – mdw, Institut für musikpädagogische Forschung und Praxis
2. Betreuerin: Assoz. Prof. Mag. Dr. Gerit Götzenbrucker, Privatdoz. – Uni Wien Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft

 

Die musiksoziologische Dissertation beschäftigt sich mit der Bedeutung von physischen Tonträgern und Livemusik im Zeitalter von Digitalisierung und Onlinemedien. Anhand von aktuellen musikwirtschaftlichen Statistiken zeigt sich, dass Musik heute hauptsächlich mittels Online-Streaming-Technologie rezipiert wird. Gleichzeitig steigen die Einnahmen für Livemusikveranstaltungen und auch die Vinylschallplatte hat wieder ein Revival. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob es hier einen Zusammenhang gibt und welche Bedeutung nun den Dimensionen Materialität, Zeit, Ort und Einmaligkeit bei der Musikrezeption zukommen. Was macht Musik heute wertvoll und besonders, wenn man jederzeit an jedem Ort so viele Titel wie noch nie hören kann?
Den theoretischen Rahmen bieten Ansätze aus Soziologie-, Medien-, und Kommunikationswissenschaft, um der interdisziplinären, komplexen Fragestellung gerecht zu werden: der musiksoziologische Mediamarphosenansatz, Walter Benjamins Kunstwerkaufsatz, Erving Goffman und Daniel Houbens Reflexion zu Ko-Präsenz und Ko-Referenz, Pierre Bourdieus Habitusbegriff sowie Gerhard Schulzes Erlebnisgesellschaft.
Der Hauptteil der Arbeit besteht aus einer empirischen Studie, bei der qualitative Leitfaden-Interviews in Kombination mit materieller Kulturanalyse zum Einsatz kamen.
Die Ergebnisse werden in vier großen Kapiteln dargelegt: 1) Musik und Materialität 2) Authentizität und Echtheit, 3) das Livekonzert als soziales Erlebnis und 4) Live is Live, die Bedeutung der Dimension Zeit. Mithilfe der Daten konnten zahlreiche Modelle entwickelt werden, z.B. gemeinsame Teilatmosphären bei Onlinekonzerten oder eine Matrix, welche das Verhältnis von zeitlicher Qualität zu materieller Quantität abbildet. Ebenso wurden wissenschaftliche Modelle für das Gemeinschaftsgefühl, Interaktionsschemata und Indikatorensystem im Darbietungskontext entwickelt. Die Ergebnisse sind vielfältig und zeigen bspw., dass physische Tonträger und Livemusik aufgrund erhöhter Achtsamkeit, Erlebnisorientiertheit, Einbindung zahlreicher Sinnesebenen, Eskapismus vom Alltag, Authentizität aber auch Bedürfnis nach gemeinschaftlichem Erleben in bestimmten Situationen präferiert werden. Ebenso hat sich die Bedeutung der Vinylschallplatte verändert: Während sie vor 50 Jahren der herkömmlichste Tonträger für Musikrezeption war, ist sie heute Zeichen von Nostalgie, Achtsamkeit, Lifestyle und Ästhetik.