Was macht einen Song-Contest-Song aus?
In der Woche vor dem Eurovision Song Contest war der Popularmusikforscher und forensische Musikwissenschaftler Joe Bennett auf Einladung von Ralf von Appen zu Gast an der mdw. Im Rahmen eines Seminars zum Song Contest untersuchte Bennett gemeinsam mit den Studierenden Linda Oppelmayer, Mariella Ackerl und Leonie Bauer die musikalische Sprache des Wettbewerbs. Das Projekt kombinierte genaues Hinhören mit der Analyse langfristiger Daten und der Frage, wie Popmusik auf kulturellen und technologischen Wandel reagiert.
Ein Treffpunkt für die Popularmusikforschung
Das Forschungsteam konzentrierte sich auf die musikalischen und textlichen Merkmale der Song-Contest-Beiträge. Dabei knüpfte es an Bennetts frühere Arbeiten an und führte die Analyse bis zu den jüngsten Ausgaben des Wettbewerbs weiter. Diese Zusammenarbeit beschränkte sich jedoch nicht nur auf den Seminarraum, denn im Laufe der Woche präsentierten Bennett und die Studierenden ihre Forschung gemeinsam bei zwei Veranstaltungen. Eine davon fand an der Universität Wien am Institut für Europäische Ethnologie statt. Die zweite war Teil von Alle Neun in Contest, einem Wettbewerb, an dem aufstrebende Bands sowie Singer-Songwriter_innen teilnehmen, die von allen neun österreichischen Universitäten und Hochschulen mit musikalischem Schwerpunkt nominiert wurden. Im Rahmen der Veranstaltung stellten die Forschungsgruppen des Seminars ihre jeweiligen Song-Contest-Projekte vor – und brachten damit wissenschaftliche Perspektiven auf den Wettbewerb mit Live-Musik zusammen.

Für Bennett bot der Wien-Aufenthalt nicht nur die Gelegenheit, ein bereits laufendes Forschungsprojekt weiterzuführen, sondern auch den Austausch innerhalb einer Universitätsgemeinschaft, die sich intensiv mit der wissenschaftlichen Erforschung von Popularmusik beschäftigt. Wien und die mdw seien ausgesprochen gastfreundlich gewesen, so Bennett. Besonders hob er die Offenheit der Universität für internationale Zusammenarbeit hervor.
Bennett war besonders beeindruckt von der institutionellen Anerkennung, die der Popularmusik an der mdw zuteilwird. Während die höhere Musikausbildung historisch gesehen von einer starken klassischen Tradition geprägt ist, argumentierte er, dass Popularmusik als kulturell und künstlerisch bedeutsame Form die gleiche Aufmerksamkeit verdiene. „Ich bewundere die mdw sehr dafür, dass sie bereit ist, diesen Schritt zu gehen und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Popularmusik zu fördern“, so Bennett. Während seines Aufenthalts nahm Bennett außerdem an einer akademischen Veranstaltung zur forensischen Musikwissenschaft teil, bei der er mit Studierenden der mdw über musikalische Ähnlichkeiten und Urheberrecht diskutierte. Die daraus entstandene Diskussion sei, so Bennett im Rückblick, gleichermaßen engagiert wie fachlich fundiert gewesen.
Ein unerwartetes Ergebnis beim Song Contest
Obwohl sich Bennett bereits viele Jahre mit dem Eurovision Song Contest beschäftigt, konnte ihn der Wettbewerb 2026 trotzdem noch überraschen. Seit 2011 begleitet er den Song Contest mit einem Live-Musikwissenschaftsblog, in dem er unter anderem Akkorde, Tempo und Songstrukturen analysiert. Seit jüngstem versucht er zudem, vorherzusagen, wer gewinnen wird – mithilfe musikalischer Analysen, Wettquoten, eigener Einschätzung und, wie er offen zugibt, auch unter Einbeziehung geopolitischer Faktoren.
In diesem Jahr lag er mit seiner Prognose allerdings daneben. Bangaranga gefiel Bennett schon seit der Veröffentlichung, doch dass ein derart unkonventioneller Beitrag unter die Top drei kommen – geschweige denn gewinnen – würde, hatte er nicht erwartet. „Eine großartige Hookline, wirklich eine fantastische Performance“, erklärte er. „Aber ich hätte einfach nicht gedacht, dass die Song-Contest-Voter_innen auf etwas derart Ungewöhnliches anspringen würden.“

Für Bennett zeigte das Ergebnis auch, dass sich der Eurovision Song Contest nicht allein über die Komposition verstehen lässt. Der Siegerauftritt verband eine einprägsame Hookline mit einer starken Choreografie und einer markanten visuellen Identität. Im Gespräch mit den Studierenden beschrieb er den Beitrag als geradezu „wie für TikTok gemacht“. Das zentrale Wort ist sprachübergreifend leicht auszusprechen, während die Tanzchoreografie und sofort wiedererkennbare Ästhetik perfekt in eine Kultur passen, in der Musik zunehmend über visuelle und kurze Formate konsumiert wird.
Darin zeigt sich ein Grundprinzip von Bennetts Arbeit: Die Art und Weise, wie Musik verbreitet wird, wirkt sich auf die Musik selbst aus. TikTok belohnt Unmittelbarkeit und ermutigt Songwriter_innen, Hooks früher einzuführen und auf langatmige instrumentale Intros zu verzichten. Der Song Contest liefert dafür eine besonders aufschlussreiche Fallstudie, da es sich, wie Bennett betonte, nicht einfach um eine Sammlung von Songs, sondern um eine Fernsehsendung handelt. Jeder Beitrag muss innerhalb eines dreiminütigen Slots funktionieren und zugleich eine überzeugende Abfolge visueller Bilder erzeugen.
„Man kann die Performance und die visuelle Inszenierung nicht voneinander trennen“, betont Bennett. Das Publikum erlebt keine abstrakte Komposition, sondern gleichzeitig Live-Gesang, Choreografie, Kostüme, Kameraführung und Bühnenbild.
Zwischen nationaler Identität und universellem Pop
Auch die Beiträge der Ausgabe 2026 zeigten unterschiedliche Wege, mit kultureller Identität umzugehen. Australien und Finnland nannte Bennett als Beispiele für Beiträge, die auf einen weitgehend universellen europäischen Popsound setzten. Solche Songs verzichten auf allzu eindeutige nationale Bezüge in Musik und visueller Gestaltung und orientieren sich stattdessen an den glatt produzierten Konventionen des zeitgenössischen Euro-Pop.
Die Republik Moldau wählte die entgegengesetzte Strategie. Bennett lobte Viva Moldova als „temperamentvolles Stück harmlosen Patriotismus“. Die Performance verband zeitgenössische musikalische Elemente mit Sportbekleidung und traditioneller Tracht und machte nationale Identität zu einem ausdrücklich sichtbaren Teil des Auftritts. Für Bennett sind beide Strategien typisch für den Eurovision Song Contest: Ein Land kann seine nationale Identität zugunsten eines möglichst universellen Auftritts in den Hintergrund rücken – oder sie zum Mittelpunkt von Text, Sound und Bühneninszenierung machen. Der Song Contest belohnt dabei häufig die Extreme: Wer sich für eine bestimmte Richtung entscheidet, zieht sie meist konsequent durch.
Song-Contest-Forschung von 2010 bis 2026
Die Zusammenarbeit an der mdw knüpfte an ein Projekt an, das Bennett ursprünglich im Jahr 2020 mit einem Forschungsteam und Fördermitteln im Zusammenhang mit dem Netflix-Film Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga durchgeführt hatte. Die erste Studie untersuchte Beiträge von 2010 bis 2019 und entwickelte eine Systematik zur Analyse wiederkehrender musikalischer und textlicher Merkmale.
Bennett war davon ausgegangen, dass das Projekt nach der Veröffentlichung der ursprünglichen Forschungsergebnisse abgeschlossen sei. Das Interesse der mdw-Studierenden bot jedoch nun die Gelegenheit, das Projekt zu erweitern und zu ergänzen – so wurde nun der Zeitraum bis zum Jahr 2026 untersucht. Die Forschenden analysierten insgesamt 422 Song-Contest-Beiträge und verglichen die neueren Songs mit ausgewählten Beiträgen aus den britischen, deutschen, französischen und italienischen Single-Charts. Im Mittelpunkt standen Fragen wie: Hat der Song Contest einen eigenen musikalischen Stil entwickelt? Welche wiederkehrenden Songtypen lassen sich erkennen? Und wie haben sich die musikalischen Merkmale des Wettbewerbs im Laufe der Zeit verändert?
Jeder Beitrag wurde anhand eines einheitlichen Kriterienkatalogs untersucht: Tempo, Tonart und Tonalität, Tonartwechsel, thematischer Schwerpunkt des Textes, Besetzung der Stimmen und musikalischer Archetyp. Zu den Archetypen zählten Euro-Pop, Ethno-Pop, Pop-Hymne, Ballade, Schlager und Chanson sowie die breiter gefasste Kategorie „Nischengenres“ für Stile wie Rock, Metal, Electro und Reggaeton. Auch die Songtexte wurden nach Themen eingeordnet, darunter Liebe, Selbstbehauptung, Zusammenhalt, Musik und Tanz. Bei den Liebesliedern wurde zusätzlich nach verschiedenen Phasen unterschieden: der Suche nach Liebe, dem Feiern einer Beziehung, Beziehungskrisen und Liebeskummer nach einer Trennung.
Der Song-Contest-Sound im Wandel
Einige Ergebnisse bestätigten die Beständigkeit bekannter Song-Contest-Konventionen, während andere auf einen Wandel hindeuteten. Euro-Pop bleibt mit 28,6 Prozent der Songs die größte Kategorie. Pop-Hymnen machen 20,6 Prozent aus, Balladen 18,7 Prozent, gefolgt von Ethno-Pop mit 13,7 Prozent und Nischengenres mit 13,2 Prozent. Im gesamten Untersuchungszeitraum nahmen sowohl Euro-Pop als auch Ethno-Pop zu, während Pop-Hymnen etwas seltener wurden.
Im Vergleich zu den ausgewählten Mainstream-Charts weist der Eurovision Song Contest eine deutlich größere stilistische Vielfalt auf. Ethno-Pop spielt im Wettbewerb eine besonders bedeutende Rolle, ist in der Chartstichprobe jedoch fast nicht vertreten. Die Forschenden führen das zum Teil auf das nationale Branding zurück, insbesondere bei Beiträgen aus Süd- und Osteuropa, die kulturelle und musikalische Bezüge zu ihren Herkunftsländern aufgreifen.
Auch bei der Tonalität zeigt sich ein bemerkenswerter Unterschied. Die meisten Song-Contest-Beiträge standen in Moll. Besonders 2023, 2024 und 2026 verzeichneten die Forschenden einen regelrechten „Moll-Boom“. 2026 war der Gegensatz besonders deutlich: Während die Song-Contest-Songs überwiegend in Moll komponiert waren, standen die meisten Songs der untersuchten Chart-Auswahl in Dur. Auch musikalische Modi wie Dorisch, Mixolydisch und Phrygisch kamen im Song-Contest-Korpus vor, insbesondere im Ethno-Pop.
Der längere Untersuchungszeitraum machte auch Veränderungen bei den Themen der Songtexte sichtbar. Bennett hob den Rückgang des „Winter-Liebessongs“ hervor – jener Songs über Einsamkeit, Reue oder Liebeskummer, die in den 2010er-Jahren häufiger vertreten waren als in den 2020er-Jahren. Die Tempodaten wiederum zeigen, dass die Songs in den vergangenen Jahren deutlich schneller geworden sind.
„Was mich an dieser Forschung besonders fasziniert, ist die Verbindung von messbaren Datentrends mit soziokulturellen Beobachtungen“, erklärt Bennett. Das Tempo liefert objektiv erfassbare Daten, während Liedtexte und musikalische Archetypen zeigen, wie das Songwriting auf sich wandelnde kulturelle Vorlieben reagiert.
Die Zusammenarbeit brachte Bennett auch dazu, Teile seiner ursprünglichen Systematik zu überdenken. Insbesondere der Austausch mit Studierenden und Forschenden der mdw eröffnete ihm einen differenzierteren Blick auf den Schlager. Statt ihn als starren oder überholten Stil zu begreifen, der vor allem in der Mitte des 20. Jahrhunderts verankert ist, konnte er sich mit der langen Geschichte des Schlagers vertraut machen und erkennen, dass er sich als eine lebendige musikalische Tradition ständig weiterentwickelt.
Die Studie geht dabei nicht davon aus, dass sich jeder Song-Contest-Song eindeutig einer einzigen Kategorie zuordnen lässt. Die Grenze zwischen Pop-Hymne und Ballade war etwa nicht immer klar umrissen, und ein speziell für den Song Contest entwickeltes Klassifikationssystem ließ sich nicht ohne Weiteres auf Mainstream-Pop übertragen. Gerade diese methodischen Schwierigkeiten erwiesen sich jedoch als aufschlussreich. Sie deuten darauf hin, dass der Song Contest in einer eigenen musikalischen Umgebung stattfindet, mit Konventionen, die sich deutlich genug vom Mainstream-Pop unterscheiden, um die Frage aufzuwerfen, ob der Wettbewerb womöglich selbst als eigenes Genre verstanden werden kann.

Aufmerksames Hinhören: Bennetts forensische Arbeit
Die analytische Perspektive, mit der Bennett auf den Eurovision Song Contest blickt, prägt auch seine Arbeit als forensischer Musikwissenschaftler. Neben seiner Tätigkeit als Professor am Berklee College of Music, wo er Songwriting und Musikurheberrecht unterrichtet, arbeitet er als musikwissenschaftlicher Berater. Seine Aufgabe besteht darin, festzustellen, ob Ähnlichkeiten zwischen Songs aus urheberrechtlicher Sicht problematisch sein könnten. Zu seinen Kunden zählen Künstler_innen, Verlage, Plattenlabels, Werbeagenturen und Unternehmen, die Musik für Film und Fernsehen produzieren. Ein_e Komponist_in möchte vielleicht einen vertrauten Stil oder eine bestimmte Stimmung aufgreifen, ohne dabei geschütztes musikalisches Material zu stark zu übernehmen; die forensische Musikwissenschaft hilft dabei, die Grenze zwischen Inspiration und unzulässigem Plagiat auszuloten.
Trotz des fachspezifischen Charakters dieser Arbeit versteht Bennett sie als Teil eines umfassenderen Engagements, die Musikanalyse zugänglich zu machen. In seiner Lehre, bei öffentlichen Vorträgen, in sozialen Medien, Podcasts und seiner BBC-Sendung Midnight Musicology vermittelt er Methoden, mit denen sich nachvollziehen lässt, wie Songs aufgebaut sind.
Ob es nun um einen potenziellen Urheberrechtskonflikt geht oder um die Frage, warum eine Song-Contest-Performance Millionen von Zuschauer_innen begeistert – die Methode bleibt dieselbe: genau hinhören, musikalische Details erkennen und die kulturellen Bedingungen berücksichtigen, in denen Musik entsteht und konsumiert wird. Die Zusammenarbeit an der mdw hat gezeigt, wie produktiv dieser Ansatz sein kann: Indem Daten, kritisches Hören und internationale Perspektiven zusammenkommen, lässt sich besser verstehen, welche Songs die Popkultur unserer Gegenwart prägen.