Mit einem Performance-Workshop am Karlsplatz, der in Kooperation mit der Klima Biennale Wien stattfand, startete das Mentoring-Programm Arts of Change in sein siebtes Jahr.

Arts of Change – Change of Arts ist ein interuniversitäres Projekt, das seit 2019 von allen sechs staatlichen Kunstuniversitäten Österreichs getragen wird. Organisiert wird das Programm derzeit vom Koordinationsstelle für Nachhaltigkeit der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Der vorliegende Beitrag gibt Einblicke in die Veranstaltungen im öffentlichen Raum, die im Rahmen des Projekts entstanden, und lädt Musikschaffende sowie Performer_innen dazu ein, das Potenzial transdisziplinärer künstlerischer Praxis für soziale Nachhaltigkeit zu erforschen.

© Adela Zlamalova

Wind, Wasser, Sand und einige Steine, die rund 60 flügelförmige Kissen sowie zwei überdimensionale, lungenförmige Decken davon abhalten, davonzufliegen. Diese Elemente prägen eine temporäre Landschaftsinstallation auf dem Karlsplatz, einem der größten öffentlichen Plätze Wiens. Was auf den ersten Blick an eine Strandlandschaft erinnert, wird zum Ausgangspunkt für Begegnung, Reflexion und gemeinsames Handeln. Die Installation bildete den Rahmen für den Auftakt der siebten Ausgabe des jährlichen Mentoring-Programms Arts of Change des österreichischen Vereins forum n.

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Im Jahr 2026 widmet sich das Programm dem Thema, wie Fürsorge und gesellschaftliches Handeln durch künstlerische Praxis gestärkt werden können. Im Laufe des Frühjahrs entwickelten wir gemeinsam die Textilinstallation und den partizipativen Workshop Whatever Happens to the Wings. In einer Reihe von Performances erkundeten wir das Potenzial der Installation als Plattform für kollektive Heilung und gemeinschaftliches Erleben. Das Projekt entstand dank der Zusammenarbeit eines interdisziplinären Teams: der Kunstvermittlerin Julia Herzog und der bildenden Künstlerin Tereza Sýkorová.

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Haptik und Symbole eines geschützten Raums

Whatever Happens to the Wings verbindet zwei Dimensionen des Heilungsprozesses. Die Installation besteht aus 60 schmetterlingsflügelartigen Kissen und zwei großformatigen Decken, deren Form an die menschliche Lunge erinnert. Die materielle Fragilität dieser Textilarbeiten bringt jenes häufig traumabedingte Gefühl der Verletzlichkeit zum Ausdruck, das als Reaktion auf hohen Druck im unmittelbaren Umfeld entstehen kann. Da den menschlichen Lungen oft zugeschrieben wird, intensive emotionale und körperliche Belastungen zu tragen, wurden die Decken bewusst in ihrer Form gestaltet, um auf diese zentralen und lebenswichtigen Organe des menschlichen Körpers zu verweisen. Die schmetterlingsförmigen Flügel hingegen stehen für Leichtigkeit in ihrer reinsten Form.

Die Installation entstand aus dem Wunsch heraus, einen Raum zu schaffen, der innere Bewegung mit körperlicher Erfahrung, Selbstreflexion und Veränderung verbindet. Textilien sind dafür besonders geeignet: Sie sind weich und haptisch erfahrbar, tragen die Spuren der Zeit, der Berührungen und Körper mit Erinnerungen. Als Metaphern für Fürsorge stehen sie für Schutz, Reparatur und Heilung. Sie erinnern uns daran, dass Wunden nicht verschwinden müssen, sondern sich verwandeln können. Auch das Loslassen verstehen wir hier als einen Akt der Fürsorge und des Vertrauens. Wie der sogenannte Schmetterlingseffekt zeigt, können selbst kleine Veränderungen langfristig weitreichende und ungeahnte Folgen haben. Deshalb waren der großzügige Sitzbereich und die sinnliche Qualität der Stoffobjekte zentrale Elemente, um die Teilnehmenden aktiv in den Raum einzubeziehen.

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Räumliche Beziehungen und öffentliche Interaktionen

Während des Workshops wurden die Teilnehmenden immer wieder dazu eingeladen, die Installation mitzugestalten und die Anordnung der Flügel zu verändern. Zu Beginn hörten wir gemeinsam das Klangstück Let go on Everything, komponiert von Tereza Sýkorová und gesungen von Francesca Brigandi. Die Komposition führte die Teilnehmenden behutsam in einen Zustand der Selbstreflexion und verband das innere Emfinden mit der unmittelbaren Präsenz des Wassers am Karlsplatz. Anschließend begleiteten wir die Teilnehmenden durch eine Schreibübung: Auf schmetterlingsförmigen Papierbögen hielten sie fest, was sie loslassen wollten. Den Abschluss bildete ein gemeinsames Ritual: Die Papierschmetterlinge wurden auf die Wasseroberfläche gelegt und langsam davontreiben gelassen. Manche Schriftzüge lösten sich auf, andere blieben sichtbar. Einige Schmetterlinge sanken, andere ruhten auf dem Wasser. Obwohl die Installation mitten in einem stark besuchten öffentlichen Raum aufgebaut war, entstand eine Atmosphäre bemerkenswerter Intimität und Konzentration. Ohne ihre Gedanken aussprechen zu müssen, teilten die Teilnehmenden einen gemeinsamen Prozess des Loslassens. Dieses stille Miteinander schuf Verbundenheit; viele verließen den Workshop sichtbar ruhig, gelassen und zufrieden.

Während des gesamten Workshops war es uns ein zentrales Anliegen, einen Rahmen zu schaffen, in dem sich alle Teilnehmenden sicher fühlen und sich auf Selbstreflexionsprozesse einlassen konnten. Unsere Erfahrungen in der Kunstvermittlung zeigen, dass kreative Praxis ihr heilendes Potenzial besonders dann entfalten kann, wenn Beobachtung sowie das bewusste Schaffen und Einnehmen eines geschützten Raums im Gleichgewicht stehen.

© Adela Zlamalova

In einem geschützten Raum können Zuhören, gegenseitige Unterstützung ohne Stigmatisierung, Verbundenheit, kollektives Bewusstsein sowie nonverbale Ausdrucksformen innere Veränderungsprozesse anstoßen. Diese Prinzipien bilden das Fundament des Programms Arts of Change. Neben Transdisziplinarität und Solidarität verfolgt es das Ziel, soziale Nachhaltigkeit, Inklusion und Zusammenarbeit durch künstlerische Praxis nachhaltig zu fördern.

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