Jeff Beal bewegt sich seit Jahrzehnten zwischen Filmstudio und Konzertsaal. Mit Arbeiten für Produktionen wie House of Cards wurde der US-amerikanische Komponist international bekannt. Am 13. April gab der fünffache Emmy-Preisträger eine Masterclass für Studierende der mdw. Im Gespräch spricht er über künstlerische Prozesse, Inspiration und darüber, wie seine MS-Erkrankung sein Verständnis von Musik verändert hat.

© Stephan Polzer

Sie haben als Jazzmusiker begonnen. Wie wirkt sich das heute noch auf Ihre tägliche Arbeit aus?
Ich glaube, das geht auf die Zeit zurück, als ich sehr jung angefangen habe, auf der Trompete zu improvisieren. Damals habe ich meine musikalische Stimme entdeckt. Ich liebe es, zu improvisieren. Auch wenn meine Musik heute oft nicht improvisiert klingt, beginnt sie genau dort. So komponiert man schließlich – man erfindet etwas im Moment. Was ich daran auch schätze, sind diese kleinen, unerwarteten Dinge, die passieren können. Manchmal denkt man, etwas könnte ein Fehler sein, aber oft sind genau diese unerwarteten Momente die interessantesten. Ich mag Überraschungen in der Musik, weil sie das Hören spannend machen. Jazz als musikalische Sprache ist also ein wichtiger Teil meines Stils. Sie fließt in gewisser Weise in alles ein, was ich mache.

Sie schreiben sowohl Musik für Film als auch für den Konzertsaal. Fühlen Sie sich dabei als derselbe Komponist oder eher wie zwei unterschiedliche Persönlichkeiten?
Es gibt Komponist_innen, deren Konzertmusik völlig anders klingt als ihre Filmmusik. Für mich ist beides miteinander verbunden. Natürlich kann ich in den unterschiedlichen Formaten verschiedene Dinge machen, aber ich habe nie eine wirkliche Trennung zwischen beidem empfunden. Im Gegenteil: Je älter ich werde, desto freier fühle ich mich, mir keine Gedanken mehr darüber zu machen, woher eine Idee kommt oder was sie inspiriert hat. Manchmal inspiriert ein Stück Filmmusik etwas, das ich dann in meiner Konzertmusik weiterverwende, oder umgekehrt. Dinge, an denen ich in einem klassischen Werk arbeite, können später auch wieder in meine Filmmusik einfließen.

Wenn Sie ein neues Projekt beginnen, was steht für Sie am Anfang? Haben Sie eine klare Vorstellung oder schauen Sie eher, was passiert?
Ich weiß nicht, was es werden wird, und genau das gefällt mir. Ich kann sehr gut mit Unsicherheit umgehen. Manche Komponist_innen planen ein Stück komplett im Voraus, und auch ich glaube, dass Struktur wichtig ist … Wenn ich ein längeres Werk schreibe, soll es natürlich tragen, das ist wie bei einem Gebäude, das stabil stehen muss. Aber mir ist es lieber, wenn ich diese Struktur während des Prozesses entdecke. Für mich ist das inspirierender.

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Apropos Inspiration: In einem Ihrer Videos auf Social Media erwähnten Sie das Zitat „Good artists borrow, but great artists steal“ („Gute Künstler_innen leihen sich etwas aus, aber großartige Künstler_innen stehlen“) – was bedeutet dieser Spruch für Sie?
„Stehlen“ klingt natürlich erst einmal kriminell, aber so ist es nicht gemeint. Es heißt, dass man etwas, das man an einem anderen Kunstwerk bewundert, so aufnimmt und verinnerlicht, dass man es für sich übernimmt. Man versteht es so gut, dass man, wenn man es weiterführt, etwas Neues daraus entstehen lässt. Wenn man nur „borgt“, imitiert oder kopiert man im Grunde. Ich möchte nicht kopieren, aber ich lasse mich gern inspirieren. Oft denkt man zunächst, man würde etwas imitieren, aber je länger man daran arbeitet, desto mehr merkt man, dass es eigentlich nur ein Ausgangspunkt war, der einen in eine neue Richtung führt.

Sie gehen sehr offen mit Ihrer Multiple-Sklerose-Erkrankung um. Hat diese Erfahrung Ihre Beziehung zur Musik beeinflusst?
Ich denke, sie hat sie vertieft. Die Diagnose hat mich sehr viel dankbarer gemacht. Ich bin jetzt 62 und habe die Krankheit seit fast 19 Jahren. Wenn man mir damals gesagt hätte, dass ich heute noch aktiv Musik mache, wäre ich wahrscheinlich sehr glücklich und überrascht gewesen. Das Leben mit MS ist nicht einfach, ich spüre die Auswirkungen jeden Tag. Aber Musik ist das, was ich liebe, und ich weiß, dass es meinem Körper und Geist guttut, weiterhin zu komponieren und zu musizieren. Musik stimuliert viele Bereiche des Gehirns, sie ist sehr komplex. Besonders wenn man spielt, ist eigentlich der ganze Körper beteiligt.

Wie hat sich Ihr Blick auf Ihre Arbeit und Identität als Musiker durch die Diagnose verändert?
Ich wollte mich nie als Opfer sehen. Ich glaube, eines der wichtigsten Dinge ist, welche Geschichte man sich selbst erzählt. Das hat einen großen Einfluss auf die eigene Gesundheit, auch mental. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, mir eine hoffnungsvolle Geschichte zu erzählen, keine tragische. Ich war in meinen Vierzigern, als ich die Diagnose bekommen habe – das ist bei MS nicht ungewöhnlich. Es hat mir geholfen, früher als vielleicht andere zu akzeptieren, dass wir alle körperliche Grenzen haben und dass sich unsere Körper verändern. Die Diagnose hat meinen Blick für das geschärft, was wirklich zählt.

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Sie geben heute eine Masterclass für Studierende der mdw. Gibt es etwas, worauf Sie bei jungen Musiker_innen besonders achten?
Ich denke, Neugier und Eigeninitiative sind entscheidend. Wenn du Komponist_in bist, kannst du nicht unbedingt darauf warten, dass dir jemand einen Auftrag gibt. Du musst einfach machen. Ich versuche also, junge Künstler_innen wirklich dazu zu ermutigen – besonders, wenn sie an einer großartigen Universität wie dieser sind, mit so vielen Möglichkeiten –, diese Zeit zu nutzen, um so viel Musik wie möglich zu schreiben und sie aufzunehmen. Denn irgendwann, wenn man hier fertig ist und in die Welt hinausgeht, muss man etwas haben, das man herzeigen kann.

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