Exilarte, das Zentrum für verfolgte Musik an der mdw, feiert in diesem Jahr sein 20-jähriges Bestehen – zunächst als Verein, seit 2016 institutionell eingegliedert in die Universität. Ein Gespräch mit dem Leiter Gerold W. Gruber anlässlich des Jubiläums über das Erreichte – und darüber, was künftig noch umgesetzt werden soll.

Wenn man heute durch die großzügig ausgestatteten Räumlichkeiten von Exilarte in der Lothringerstraße geht, ist die starke Präsenz zu spüren, die dem Zentrum für verfolgte Musik hier an der mdw eingeräumt wird. Es wirkt, als würde das Haus geschlossen hinter dem Thema stehen – nicht nur ideell, sondern auch organisatorisch und institutionell, angelegt auf eine nachhaltige Verankerung an einem prominenten, bedeutenden Ort.

Gerold Gruber (GG): Ja, genau das ist das Entscheidende, und eine solche Präsenz war nicht immer selbstverständlich. Wir haben 2006 mit großer Euphorie begonnen, getragen von einer klaren inhaltlichen Überzeugung, aber als kleiner Verein unter vergleichsweise schwierigen Rahmenbedingungen. Der Wendepunkt kam 2016 mit der neuen Rektorin: Ulrike Sych hat mich sofort nach ihrer Ernennung zu einem Gespräch eingeladen und den neuen Status von Exilarte als eigenes Zentrum an der mdw vorgeschlagen. Erst ab diesem Moment wurde aus vielen einzelnen Initiativen ein dauerhaft verankertes, international sichtbares und aktiv arbeitendes Exilmusikzentrum.

Sie haben über die Jahre ein umfangreiches Archiv aufgebaut, verfolgen aber etliche Aktivitäten, die die Materialien und Dokumente nach außen tragen. Wo liegen die Schwerpunkte der Arbeit?

GG: Natürlich bilden die Nachlässe das Herzstück unserer Arbeit – inzwischen sprechen wir von über 40 verschieden großen Beständen. Es war aber von Beginn an klar, dass wir diese Materialien nicht im Verborgenen belassen wollen. Forschung, Vermittlung und Öffentlichkeit sind gleichrangige Aufgaben. Ausstellungen, Konzerte, Symposien und Publikationen sind daher keine Begleiterscheinungen, sondern integraler Bestandteil unseres Selbstverständnisses.

Gerold Gruber © Maria Noi

Wie groß sind die Bestände insgesamt, wie kann man sich deren Umfang konkret vorstellen?

GG: Derzeit sind etwa 20 bis 25 Prozent unserer Magazinkapazität belegt. Die Magazine sind klimatisiert, gesichert und technisch auf dem neuesten Stand. Hinzu kommt die besondere Lage im Haus des Akademietheaters, wo rund um die Uhr Sicherheitspersonal präsent ist. Diese infrastrukturelle Absicherung ist keine Nebensache, sondern Voraussetzung für eine langfristige Verantwortung.

Welche Zuwächse gab es in letzter Zeit?

GG: Zuletzt sind wieder sehr umfangreiche und international relevante Nachlässe hinzugekommen. Etwa der Erich-Zeisl-Bestand mit mehr als 5.000 Briefen oder der Nachlass von Ernst Toch. Dass wir immer wieder Material aus internationalen Institutionen wie der UCLA (University of California, Los Angeles) erhalten, zeigt, wie sehr unsere Arbeit auch außerhalb Österreichs wahrgenommen und als sinnvoll erachtet wird.

War es ursprünglich für Sie absehbar, dass das Archiv von Exilarte derart umfangreich werden sollte?

GG: Nein, eigentlich überhaupt nicht. Ursprünglich hatten wir angenommen, dass zwei Nachlässe pro Jahr zu uns kommen würden und hätten das bereits als großen Erfolg angesehen. Inzwischen übernehmen wir im Durchschnitt vier bis fünf jährlich, mit sehr unterschiedlichem Umfang – von einer einzelnen Box bis zu sechzig Boxen. Dieses Wachstum zeigt einerseits den enormen historischen Bedarf, andererseits das Vertrauen, das uns mittlerweile entgegengebracht wird.

Inwieweit ermöglicht die Beschäftigung mit den von Ihnen verwahrten Nachlässen auch eine Neubewertung verfolgter Musikschaffender?

GG: Über viele Jahrzehnte war der Blick der Musikwissenschaft auf einige wenige kanonische Linien der Musikgeschichte verengt. Erst nach und nach kann man die enorme stilistische Vielfalt insbesondere in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erkennen. Viele dieser Komponist_innen waren zu ihrer Zeit hoch angesehen, präsent in Konzertsälen und Opernhäusern, und wurden später aus politischen und biografischen Gründen systematisch verdrängt. Diese Leerstelle wirkt bis heute nach und prägt unser heutiges Musikverständnis.

Was sind für Sie diesbezüglich repräsentative Beispiele?

GG: Hans Gál etwa. Seine Opern standen in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren selbstverständlich neben Werken von Alexander Zemlinsky oder Franz Schreker auf den Spielplänen. Oder Hans Winterberg: Erst durch editorische Arbeit, Aufführungen und Aufnahmen wird heute sichtbar, welche Qualität und Eigenständigkeit sein Werk besitzt. Ähnliche Prozesse beobachten wir bei vielen weiteren Namen, die lange Zeit kaum präsent waren.

Die Dauerausstellung Wenn ich komponiere, bin ich wieder in Wien ist seit 2017 im Exilarte Zentrum zu sehen und zeigt eine Vielzahl an Lebensgeschichten von Künstler_innen, die Österreich im Nationalsozialismus verlassen mussten und zum Teil als Lehrende oder Studierende genau an jenem Ort tätig waren, wo sich heute das Zentrum befindet. © Stephan Polzer

Welche Rolle spielen Verlage, Musiker_innen sowie externe Partner_innen in diesem Prozess?

GG: Eine zentrale. Ohne engagierte Verlage und ohne Menschen, die sich mit großer Beharrlichkeit in ein Œuvre vertiefen, wäre vieles nicht möglich. Ebenso wichtig ist der sensible Umgang mit Rechts- nachfolger_innen. Diese stehen oft zwischen Stolz, Distanz und Überforderung, wenn sie mit umfangreichen Nachlässen konfrontiert sind, deren Bedeutung ihnen nicht immer bewusst ist.

Viele Materialien scheinen dennoch unwiederbringlich verloren …

GG: Ja. Viele Familien berichten, dass ihre Kinder oder Enkel kein Interesse mehr an diesen Dokumenten haben. Sie können die Sprache nicht lesen, die Notenschrift nicht deuten. Irgendwann wird aus einem Nachlass eine alte Schachtel mit unbekanntem Inhalt. Unsere Aufgabe ist es, rechtzeitig zu handeln, bevor solche Zeugnisse unwiederbringlich verschwinden oder aus Unwissenheit entsorgt werden.

Im Rahmen von wechselnden Ausstellungen bereitet Exilarte immer wieder spannende Themen für das Publikum auf und vermittelt auf diesem Weg die Lebensgeschichten und Werke von verfolgten Künstler_innen. Zuletzt schuf Kuratorin Karin Wagner einen Ort der Erinnerung für den vertriebenen Wiener Komponisten Erich Zeisl mit der Schau Erich Zeisl. Wiens verlorener Sohn in der Fremde. © Stephan Polzer

Warum sprechen wir bei Exilmusik so selten von Komponistinnen?

GG: Die Marginalisierung war hier leider gleich in doppelter Weise wirksam: Zunächst war es für Frauen viel schwerer, überhaupt die Schwelle der Aufmerksamkeit im Musikleben zu überschreiten – dann wurden ihre Nachlässe noch viel leichter vergessen als die von Männern mit vergleichsweise geringer Wirkung in der Öffentlichkeit. Wir verfügen über kleinere Bestände, etwa von Anita Bild oder Felicitas Landesberger, kennen aber zahlreiche weitere Fälle, in denen Materialien verschollen oder unauffindbar sind. Oft wissen wir nur noch aus sekundären Quellen, dass diese Werke existiert haben, ohne Zugang zum eigentlichen Material zu haben.

Welche sonstigen „weißen Flecken“ in der Forschung lassen sich namhaft machen?

GG: Wir sehen bislang eigentlich nur die Spitze des Eisbergs. Besonders Südamerika ist kaum erforscht. Biografien wie jene von Theo Buchwald zeigen, wie stark die Emigrationsbewegungen dort gewirkt haben. Er gründete das Nationalorchester von Lima und prägte das dortige Musikleben über Jahrzehnte hinweg – und er ist hierzulande nahezu unbekannt. Solche Fälle sind keine Ausnahme, sondern symptomatisch.

Inwieweit ist Ihre Arbeit nicht nur wissenschaftlich, sondern auch emotional herausfordernd?

GG: Wir erleben immer wieder berührende Ausnahmesituationen, aber auch unglaublich schöne Momente. Wenn jemand vor einer Stele steht und zu weinen beginnt, weil er sich die Geschichte des eigenen Großvaters erinnert, dann wird sehr unmittelbar klar, warum unsere Arbeit so wichtig ist. Solche Erfahrungen und Begegnungen relativieren viele organisatorische und bürokratische Schwierigkeiten und geben der täglichen Arbeit Sinn und Richtung.

Mit mehr als 100 Konzerten, Ausstellungen und Symposien sowie zahlreichen CD-Produktionen und Publikationen schafft Exilarte nachhaltige Sicht- und Hörbarkeit für jene Stimmen, die durch politische Verfolgung verstummten. © Stephan Polzer

Welche Visionen haben Sie für die kommenden Jahre?

GG: Die zentrale Vision bleibt: retten, sichern, sichtbar und hörbar machen. Das Jubiläumsjahr 2026 erlaubt uns erstmals auch größere Orchesterprojekte, etwa ein Konzert mit den Wiener Symphonikern. Solche Programme haben eine hohe symbolische Kraft, erreichen ein breiteres Publikum und verankern diese Musik wieder im aktuellen Konzertleben.

Wissenschaftliche Arbeit, kuratorische Praxis, internationale Kooperationen und lebendige Konzertkultur sind dabei die Grundpfeiler der Arbeit. © Exilarte Zentrum

Wie steht es um die Digitalisierung der Bestände von Exilarte?

GG: Wir müssen pragmatisch bleiben. Eine vollständige Digitalisierung aller unserer Nachlässe ist derzeit für uns einfach nicht leistbar. Stattdessen reagieren wir bedarfsorientiert und bauen parallel schrittweise eine Datenbank auf. Das ist ein langwieriger, technisch anspruchsvoller Prozess, aber ein notwendiger Schritt in Richtung langfristiger Zugänglichkeit.

Was bildet für Sie persönlich den Kern Ihrer Arbeit?

GG: Ein Gesamtbild zu erzeugen. Nicht nur die Noten zu lagern und zu bewahren, sondern die Lebenszusammenhänge, Netzwerke und Brüche sichtbar zu machen. Exilmusik ist keine Randgeschichte, sondern ein zentrales Kapitel der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, das wir erst allmählich in seiner ganzen Breite verstehen. Und hier liegen noch sehr viele Entdeckungen vor uns.

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