In der Kunst sind mehrere Superlative nebeneinander möglich, und so mag es gleich zu Beginn dem Autor dieser Zeilen nicht verübelt werden, dass er diese Konzertreihe für die wichtigste im Wiener Konzertleben hält. Denn hier wird erfahrbar, dass in der Tat eine ganze, vollgültige Epoche der Musikgeschichte existiert, die sich in der Konzertreihe bisher mit der Aufführung von rund 100 zugehörigen Komponist_innen niederschlägt, von denen hier stellvertretend nur Arnold Schönberg, Viktor Ullmann, Erwin Schulhoff, Egon Wellesz, Erich Zeisl, Ursula Mamlok, Vítězslava Kaprálová, Ruth Schönthal und Marcel Rubin genannt seien.

© Maria Noi

Diese Epoche ist künstlerisch keinesfalls eine Randerscheinung, aber im Bewusstsein der Öffentlichkeit mangels entsprechender Verbreitung durch den Musikbetrieb nicht präsent: Sie existiert – und doch nicht. Man möchte also meinen, die Musikgeschichte müsste neu geschrieben werden, doch ist sie nur eine andere, als wir sie uns vorstellen. Diese Musik entstand als ein weiterer Entwicklungsschritt, ließ vorhergehende Strömungen hinter sich, eröffnete neue, und wurde zu einer eigenständigen Epoche, die dann durch die brutale Gewalt der NS-Diktatur aus bekannten Gründen zerstückelt und weit länger verschüttet wurde, als die NS-Zeit andauerte.

Das Exilarte Zentrum, gegründet von Gerold Gruber auf Initiative von der Gesandten des Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten (BMEIA) Waltraud Dennhardt-Herzog, eröffnete am 14. November 2006, dem 100. Geburtstag von Alma Rosé, mit einem Konzert zu ihrem Andenken die Konzertreihe, die seit der Saison 2015/2016 unter dem Namen Echo des Unerhörten geführt wird.

Von Beginn an war damit selbstverständlich, dass sich die Arbeit des Zentrums neben dem Aufspüren, Sammeln, Erschließen sowie der historischen, wissenschaftlichen und musikalischen Erforschung, der Publikation und editorischen Publikationsvorbereitung, auch und im Besonderen über die Aufführung der Musik verfolgter Komponist_innen definiert. Die Reihe mit jährlich sechs bis acht Konzerten ist damit Ziel, Bestätigung und Hörbarmachung umfassender wissenschaftlicher Arbeit, die sich bislang in mehr als 200 Konzerten niederschlägt.

Anlässlich eines Symposiums zu Erich Wolfgang Korngold im Jahr 2007 begann eine enge Zusammenarbeit mit Michael Haas, der bereits in den 1990er-Jahren für die Decca-Reihe „Entartete Musik“ verantwortlich zeichnete und die Arbeit von Exilarte entscheidend prägte. Ab 2007/08 wurde die Konzertreihe maßgeblich von Ulrike Anton, der jetzigen Direktorin des Arnold Schönberg Center, als Interpretin und Entwicklerin getragen. Produktive Partnerschaften mit dem Forum Voix Étouffées von Amaury du Closel sowie dem Zentrum für Verfemte Musik von Volker Ahmels an der hmt (Hochschule für Musik und Theater Rostock) führten 2009 zum Golden Star Award der Europäischen Union und 2010 zum Kunstpreis der Bank Austria.

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2016 wurde Exilarte ein Forschungszentrum der mdw. Damit erweiterte sich das Spektrum der Arbeit: Nachlässe mussten nicht mehr an die Wiener Bibliotheken weitergegeben werden, sondern finden seitdem im eigenen Archiv Platz, das bereits über 40 Nachlässe verzeichnet. Die Sammlung ist dabei nicht auf einen Wien-Bezug der Komponist_innen beschränkt. Die Forschungstätigkeit spiegelt sich von Beginn an in der Konzertreihe wider, die nach Jahren im Radiokulturhaus nun im Kleinen Ehrbarsaal ihren festen Platz hat.

Nach zwei Jahrzehnten kontinuierlicher Konzerttätigkeit und mehr als 200 realisierten Konzerten hat sich die Reihe nachhaltig als unentbehrliche Institution des Wiener Musiklebens etabliert.

So furchtbar die Taten der NS-Diktatur waren, und so ignorant die Zeit nach dem 2. Weltkrieg, gelingt es der Konzertreihe Echo des Unerhörten dazu stets, die Kompositionen nicht aus einer Opferrolle heraus zu betrachten, sondern sie, trotz historischer Kontextualisierung, als rein musikalische Erscheinungen lebendig werden zu lassen, als Werke einer phänomenalen Epoche, die trotz unmöglichster Umstände ihre künstlerische Existenz durchgesetzt hat und zweifellos weiter durchsetzen wird.

Was ohne Übertreibung gesagt werden kann, ist, dass wir heute weit weniger Dominanz der Spielplan-Schlachtrösser in Oper und Konzert zu gewärtigen hätten, hätte es diesen Zivilisations- und Kulturbruch nicht gegeben. Ob diese abgewürgte Erneuerung durch eine neue Epoche – deren Zeuge man in jedem Konzert der Reihe Echo des Unerhörten werden kann – der vielbeschworenen Krise der Musik mehr entgegensetzen könnte, mag Spekulation sein und ist aufgrund der Komplexität dieser Krise schwer einzuschätzen. Wenn man aber nur im April letzten Jahres die Violinsonate von Wilhelm Grosz gehört hat (wiederum stellvertretend für eine immer noch unüberschaubare Menge von unbekannten Meisterwerken), kann man mindestens davon ausgehen, dass die Redundanz der Programme weit geringer wäre und Kompositionen der Spätromantik und des Beginns des 20. Jahrhunderts heute musikalisch in anderem Licht erscheinen würden.

Eine weitere und unmittelbare Auswirkung dieser Konzertreihe ist die unschätzbare Möglichkeit für Studierende der mdw, bei diesen Entdeckungen mitzuwirken und diese Epoche musikalisch und künstlerisch im Wege der Interpretation zu entwickeln. Gibt es für das Standardrepertoire durch persönliche Vorbilder und zahl- und wahllos jederzeit verfügbare Aufnahmen einen zunehmend eng gesteckten künstlerischen Rahmen, bietet eine neu zu entdeckende Epoche die große Aufgabe und befreiende Möglichkeit, sich, auf sich allein gestellt, nur mit dem Notentext selbst auseinandersetzen zu müssen, und eine eigene, ausschließlich auf diesem beruhende Anschauung zu entfalten.

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So entsteht, wie in jedem Konzert zu beobachten ist, eine frische und individuelle Lesart, die zu einer Aufführungspraxis führen und wiederum eine neue Perspektive auf die Spätromantik und frühe Moderne ermöglichen wird. Dass daraus ein künstlerischer Impuls wie einst bei der Wiederentdeckung der Alten Musik wird, kann nur gehofft werden.

Schon dies ist Grund genug zu bekräftigen, dass wir es bei Echo des Unerhörten mit der wichtigsten Konzertreihe Wiens zu tun haben, für die nunmehr ein vielstimmiges ad multos annos angestimmt sei, und deren Fehlen Wiens Musikleben entscheidend ärmer machen würde.

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