Durch das Exilarte Zentrum kommen die passionierten Kammermusikerinnen des Ineo Quartet erstmals mit verfemter Musik in Kontakt. Heute sind die Streichquartette von Julius Bürger oder Hans Gál nicht mehr aus ihrem Repertoire wegzudenken.
Liuba und Nadia Kalmykova kommen aus einer Musikerfamilie aus St. Petersburg. Die Mutter ist Pianistin und gibt den musikbegeisterten Zwillingen bereits mit drei Jahren ihren ersten Unterricht am Klavier. „Die Beschäftigung mit Musik war für uns ganz natürlich. Das Klavier war einfach da und wir konnten jederzeit darauf spielen.“ Drei Jahre später wechseln die Mädchen zur Geige und erhalten ihren ersten Unterricht in der örtlichen Musikschule.

Mit zwölf Jahren ziehen Liuba und Nadia mit ihren Eltern nach Norwegen. Ein bedeutender Einschnitt, denn in dem nördlichen Dorf, in dem die Eltern eine Anstellung erhalten, gibt es keine Geigenlehrer_innen. Um den talentierten Kindern weiterhin Geigenunterricht zu ermöglichen, nimmt der Vater wöchentlich drei Stunden Fahrt auf sich. „Wir wollten die Musik nicht aufgeben. Mit dem zusätzlichen Orchesterunterricht haben wir schließlich den ganzen Tag dort verbracht“, erklärt Nadia. „Es war eine schwierige Zeit für uns in dem fremden Land. Die Musik hat uns gerettet.“ Im Alter von 14 Jahren werden die Mädchen zu einem Vorbereitungskurs an der Norwegischen Musikhochschule in Oslo aufgenommen und müssen fortan sogar noch längere Distanzen auf sich nehmen. „Einmal im Monat sind wir nach Oslo zum Unterricht geflogen, bis wir mit 16 Jahren schließlich – vorerst alleine – in die Hauptstadt gezogen sind“, erinnert sich Liuba. Sie absolvieren die örtliche Highschool und nehmen weiter Geigenunterricht am Barratt-Due-Musikinstitut.
Als ich zur Kammermusik kam, ergab plötzlich alles, was ich zuvor gelernt hatte, Sinn. Ich begann zu erfahren, wie ich mich auf einer tieferen Ebene mit Musik verbinden konnte.
Nadia Kalmykova
Mit 19 Jahren zieht es die Geschwister nach Wien, wo sie ihr Geigenstudium an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien bei Pavel Vernikov fortsetzen. „Wir wollten immer in Wien studieren, weil wir die Wiener Musiktradition verehren. Ausschlaggebend war schlussendlich aber, dass wir bei Pavel Vernikov studieren wollten. Wir haben ihm viel zu verdanken“, erklärt Liuba. Mit 24 Jahren wechseln die Schwestern für ihr Kammermusikstudium an die mdw und erhalten von da an Unterricht bei ihrem Mentor Johannes Meissl. „Wir wussten, wenn wir Kammermusik machen möchten, müssen wir an die mdw. Aufgrund der sehr guten Betreuung und der steten Inspiration durch die Lehrenden, sind wir sogar noch für einen postgradualen Universitätslehrgang geblieben.“

2017 gründen Liuba und Nadia gemeinsam mit zwei weiteren Musikerinnen das erfolgreiche Selini Quartet, das fünf Jahre später als Ineo Quartet in veränderter Besetzung weitergeführt werden soll. Es folgen zahlreiche Auftritte an renommierten nationalen und internationalen Häusern, Festivalteilnahmen, unter anderem bei den Salzburger Festspielen, dem Grafenegg Festival oder dem Ickinger Frühling sowie mehrfache Wettbewerbserfolge, darunter der erste Preis des mdw great talent awards im Jahr 2020 sowie Preise bei der Prague Spring International Music Competition und der Karel Szymanowski International Music Competition.
So etwas wie das Exilarte Zentrum gibt es an anderen Hochschulen nicht. Das ist etwas ganz Besonderes.
Liuba Kalmykova

Durch das Exilarte Zentrum für verfolgte Musik kommen die jungen Musikerinnen noch während ihres Studiums mit Werken von Komponistinnen und Komponisten in Kontakt, die im sogenannten „Dritten Reich“ als „entartet“ galten. Gerold Gruber, Leiter des Exilarte Zentrums, unterstützt die Geigerinnen in der Auswahl der Stücke sowie in der Erarbeitung. „Diese Stücke zu spielen, ist nicht nur für uns spannend, sondern auch für das Publikum. Da die Werke unbekannt sind, müssen wir sie so gut wie möglich erarbeiten und präsentieren“, erklärt Nadia. Besonders faszinierend ist für die beiden Ausnahmemusikerinnen die Beschäftigung mit der Geschichte hinter dem Werk. „Wenn man die Hintergründe kennt, weiß man auch, warum man es macht. Es gibt der Musik Bedeutung.“
2020 wird das Selini Quartet ausgewählt, die österreichische Musikszene drei Jahre lang weltweit im Rahmen des Programms NASOM – New Austrian Sound of Music zu vertreten. Im Zuge dessen unternehmen sie 2022 eine Amerikareise, auf der sie Werke aus den Exilarte-Nachlässen präsentieren und teilweise sogar auf Nachfahr_innen und Zeitgenoss_innen der verfolgten Komponist_innen treffen. Besonders ans Herz gewachsen ist den beiden mdw-Absolventinnen das 3. Streichquartett von Viktor Ullmann, das sie im Zuge eigener Recherchen entdeckt haben. „Es ist ein sehr emotionales Stück, Ullmann hat es im Konzentrationslager Theresienstadt geschrieben. Obwohl es nur 15 Minuten dauert, gibt es sehr viele Kontraste, dazu ist es von einer erstaunlichen Reichhaltigkeit.“ Die Interpretation des Ineo Quartet ist Anfang März im Rahmen eines Festivals in Prag zu hören. Ebenfalls auf dem Programm stehen dabei Werke von Ullmanns Zeitgenossen Pavel Haas und Erwin Schulhoff.
Wir durften eine handgeschriebene Partitur von Julius Bürger für einen Verlag überarbeiten. Das war sehr spannend für uns.
Liuba Kalmykova
Dass es den Schwestern wichtig ist, sich immer wieder weiterzuentwickeln, beweist die aktuelle Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponist_innen. „Besonders spannend ist es, an einer Uraufführung zu arbeiten“, weiß Nadia Kalmykova. „Es gibt immer wieder neues Repertoire zu entdecken.“ Am wichtigsten sei es jedoch, die Augen offen zu halten, so Liuba, und immer weiter nach Neuem zu suchen. „Man muss herausfinden, was einen wirklich interessiert und nicht nur das nachmachen, was man vorgezeigt bekommt.“