Alfred Smudits:
Mediamorphosen des Kulturschaffens

Kunst und Kommunikationstechnologien im Wandel
Schriftenreihe "Musik und Gesellschaft", Band 27
Braumüller-Verlag, Wien 2002
Seit Beginn der 1990er Jahre hat eine wahre Hausse eingesetzt, was Publikationen zur Kommunikations- und Mediengeschichte, aber auch zur Medientheorie betrifft. Diese Tatsache des wachsenden Interesses an Medientheorie und an der historischen Entwicklung von Kommunikation und Medien ist wohl weitestgehend durch die Faszination zu erklären, die die neuen digitalen Medien ausüben und geht einher mit einem wachsenden Problembewusstsein für die Interdependenz von Kultur und Technik.

In bezug auf die medienhistorischen Arbeiten gibt es sowohl umfassende historische Darstellungen, aber auch spezielle Teilbereiche, die einer gründlichen Analyse unterzogen werden. So findet man Sammelbände, in denen die Entwicklung einzelner Medien - von der Schrift über die Fotografie zum Computer - sowohl aus technischer, wie soziokultureller Sicht behandelt werden ebenso wie mehr oder weniger groß angelegte Monografien zur Entwicklung einzelner Medien oder der Medien schlechthin im soziokulturellen Kontext.
Bei den medientheoretischen Arbeiten handelt es sich zum Teil um Überblicksdarstellungen, in denen einzelne Ansätze - von Benjamin bis Baudrillard - referiert werden, zum Teil um Neuauflagen von 'Klassikern' der Medientheorie, wie etwa Marshall McLuhan oder Harold Innis, oder aber um Versuche zur Entwicklung eines eigenen Ansatzes, wobei zumeist die Digitalisierung im Zentrum des Interesses steht. Meiner Wahrnehmung nach ist allerdings bislang kein neueres medientheoretisches Konzept vorgelegt worden, das diese neueste kommunikationstechnologische Entwicklung in einem größeren kulturhistorischen Kontext hinreichend zu erklären imstande wäre. Ohne hier ins Detail gehen zu können, sei dennoch die These gewagt, dass bei vielen vor allem postmodernen Theorieansätzen offensichtliche analytische Mängel durch poetische Formulierungen, deren empirische Referenz dann im Unklaren bleibt, übertüncht werden.
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In der vorliegenden Arbeit wird versucht, den Ansprüchen einer zeitgemäßen, also disziplinäre Grenzen überwindenden 'Kunst-Soziologie' gerecht zu werden. Gleichzeitig erwies es sich als notwendig, ein medientheoretisches Konzept zu entwickeln, das einerseits begrifflich präzise ist und andererseits allgemein genug, um auf verschiedene kommunikationstechnologische Entwicklungsphasen gleichermaßen angewandt werden zu können. Ausgehend vor allem von kunst- und mediensoziologischen Konzepten - wobei sich 'klassische' als brauchbarer erwiesen als so manch neuere - wird im ersten Teil der Arbeit ein theoretischer Ansatz entwickelt, bei dem Kommunikationstechnologien als Produktivkräfte aufgefasst werden. Die technische Entwicklung wird als ein wesentlicher Bestimmungsfaktor herausgearbeitet, der auf das Kulturschaffen gleichwertig neben sozialen, ökonomischen und politischen Faktoren wirkt. Dieses Konzept, das eine Produktivkrafttheorie der Medien in bezug auf Kunst und Kulturschaffen darstellt, hat meiner Wahrnehmung nach Neuheitswert und - beinahe wichtiger - Erklärungswert. Es erweist sich z.B. fruchtbar zum besseren Verständnis von Phänomenen wie dem des Fortschritts in der Kunst, der Bedeutung des Urheberrechts, der Etablierung von vermittelnden Institutionen (vom Verlagswesen bis zur globalen Kulturindustrie), des sich wandelnden Status von Kulturschaffenden, ja der gesellschaftlichen Funktion von Kunst überhaupt.

Basierend auf dieser Produktivkrafttheorie der Medien wird im zweiten Teil der Arbeit die historische Entwicklung des Kulturschaffens unter dem Einfluss jeweils historisch neuer Kommunikationstechnologien nachgezeichnet, wobei versucht wird, den Konnex zwischen Theorie und Empirie immer wieder herzustellen. Es werden mehrere voneinander unterscheidbare Entwicklungsstufen identifiziert, die als Ergebnisse von Mediamorphosen, d.h. von umfassenden und unumkehrbaren Veränderungen des Kulturschaffens unter dem Einfluss jeweils historisch neuer Kommunikationstechnologien zu verstehen sind:
  • die erste graphische Mediamorphose (mit der Erfindung der Schrift)
  • die zweite graphische Mediamorphose (mit der Erfindung des Buchdrucks)
  • die erste technische, die chemisch-mechanische Mediamorphose (mit der Erfindung von Photographie und Grammophon)
  • die zweite technische, die elektronische Mediamorphose (mit der Erfindung von elektronischer Signalaufzeichnung und -übertragung) und
  • die dritte technische, die digitale Mediamorphose (mit der Erfindung des Computers).
Zur digitalen Mediamorphose ist zu bemerken, dass erst im Zuge dieser Arbeit die Überzeugung sich verfestigte, dass es sich hier um eine eigenständige Mediamorphose und nicht bloß um eine Weiterentwicklung der elektronischen Mediamorphose handelt, vor allem, weil der digitale Kode gänzlich anders funktioniert als jeder analoge elektronische Kode. Welche Entwicklungen die digitale Mediamorphose, an deren Beginn wir ja erst stehen, noch mit sich bringen wird ist nicht absehbar, die bereits bemerkbaren allerdings sind gravierend: das Berufsbild und das Berufsfeld der Kulturschaffenden sind ebenso betroffen wie die Distribution kultureller Güter, die Einkommensmöglichkeiten der Kulturschaffenden ebenso wie das Urheberrecht, die Produktionsbedingungen der Kulturschaffenden ebenso wie die der Kulturindustrien usw.usf. Bei den konkreten Ausführungen zur digitalen Mediamorphose habe ich mich allerdings angesichts der diesbezüglich rasanten Entwicklung um Vorsicht und Zurückhaltung bemüht, nicht zuletzt deshalb, weil es mir eben in erster Linie nicht darum gegangen ist, mich mit der aktuellsten Entwicklung zu beschäftigen und vielleicht spektakuläre aber sehr spekulative Thesen vorzulegen, sondern darum, eine brauchbare und möglichst allgemeine Theorie zum Verständnis des Verhältnisses von Kommunikationstechnologien und Kulturschaffen zu erarbeiten. In Bezug auf die digitale Mediamorphose sehe ich die wesentliche Intention der Arbeit daher vor allem darin, zur Anwendung der 'Produktivkrafttheorie der Medien' anzuregen.

Zuletzt eine 'ideologische' Bemerkung: Wem der Ansatz einer 'Produktivkrafttheorie' von der Terminologie her zu materialistisch, zu wenig 'postmodern', vielleicht gar 'marxistisch' vorkommt, letzteres ein Kriterium, das nach 1989 für viele ein Grund zur Diskreditierung ist, dem halte ich entgegen, dass es mir nicht um die Stellungnahme für eine ideologische Position, sondern um die Entwicklung eines Instruments zur möglichst adäquaten Erfassung von Realität geht, um das Aufzeigen intersubjektiv überprüfbarer Tatbestände. An diesem Kriterium lasse ich meine Überlegungen gerne messen.
(aus dem Vorwort)