Was bedeutet Ambiguität für die IGP? Ein Bericht vom Symposium Embracing Ambiguity
Wir leben in einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen, die nicht selten mit Krisen Hand in Hand gehen. Diese Diagnose überrascht heute kaum noch. Weitaus spannender und zugleich anspruchsvoller ist die Frage, wie ein gelungener Umgang mit diesen Veränderungen aussehen kann. Dieser Gedanke bildete den Ausgangspunkt des Symposiums Embracing Ambiguity. Zur Rolle der Instrumental- und Gesangspädagogik in Musikpädagogik, Bildungspolitik und Gesellschaft, das am 29. und 30. Mai 2026 an der mdw stattfand.
Bereits der Titel Embracing Ambiguity war Denkanstoß und Einladung zugleich: Die mit Veränderungen einhergehenden Ambiguitäten nicht als etwas grundsätzlich zu Überwindendes zu begreifen, sondern sie auszuhalten – sie im übertragenen Sinne vielleicht sogar zu „umarmen“ – anstatt sie vorschnell aufzulösen oder zu verdrängen. Was das für eine künstlerisch-pädagogische Disziplin bedeuten kann und welche Implikationen daraus für Studium, Beruf und Forschung erwachsen – genau über diese Fragen dachten insgesamt sieben Vortragende, 15 Diskutant_innen sowie gut 120 internationale Teilnehmer_innen im schönen Ambiente des Neuen Konzertsaals am Rennweg 8 sowie online nach. Für eine stimmungsvolle Eröffnung sorgten ein musikalischer Empfang der Teilnehmer_innen sowie mehrere im Foyer aufgestellte iPads, die die Gäste dazu einluden, Einblicke in den Berufsalltag von Instrumental- und Gesangslehrenden aus unterschiedlichen Arbeitskontexten zu gewinnen.
Mehrdeutigkeit umarmen – aber warum und wie eigentlich?
Im Laufe des Symposiums wurden die gegenwärtigen Veränderungen und Herausforderungen der Instrumental- und Gesangspädagogik aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Den pointierten Auftakt dafür bildete die Keynote des Kulturwissenschaftlers Martin Zierold, der in Form eines bewusst provokanten Gedankenexperiments fragte, was geschehen würde, wenn sich die Instrumental- und Gesangspädagogik als Disziplin auflösen würde. Schnell wurde klar, dass Veränderung eine Voraussetzung dafür darstellt, dass eine Disziplin oder Institution lebendig bleibt. Ausgehend von dieser Überlegung stellte Zierold die Instrumental- und Gesangspädagogik vor die Frage, ob sie sich gegenwärtig an einem Wendepunkt befindet. Zugleich betonte er, dass Erfolg und Veränderung untrennbar miteinander verbunden seien: Von Erfolg lasse sich überhaupt erst sprechen, wenn Handlungen und Bestrebungen weitreichende Folgen entfalten – auch wenn diese neue Herausforderungen mit sich bringen. An diesen Gedanken knüpfte im weiteren Verlauf des Symposiums auch die Diskussion um die berufliche Professionalisierung an.
Wolfgang Lessing stellte in seinem Vortrag die verbreitete Vorstellung einer geradlinigen Professionalisierung infrage. Ein besonderer Fokus lag auf dem Wandel dessen, was als professionelles Wissen in der IGP gilt. Während früher von der Musik und dem Instrument ausgegangen wurde, rücken heutzutage die Vielfalt musikalischer Praktiken sowie die Individualität der Lernenden stärker in den Mittelpunkt: „Jede Person“, „jede Musik“ und „jedes Instrument“ erweitern den gegenwärtigen Blick auf das Berufsfeld.
Die Bedeutung einer kollaborativen Haltung betonte in ihrem Vortrag Bianka Wüstenhube. Trotz einer fortschreitenden fachlichen Spezialisierung plädierte sie dafür, die gemeinsamen Wurzeln der musikpädagogischen Disziplinen nicht aus den Augen zu verlieren. Wüstenhube warnte zugleich vor Konkurrenzdenken sowie hierarchischen Zuschreibungen zwischen den einzelnen Fachbereichen der „großen musikpädagogischen Familie“.
Michael Göllner und Natalia Ardila-Mantilla traten in ihrem gemeinsamen Vortrag einen Schritt zurück und betrachteten die Disziplin sowie ihre Entwicklung von einem klar umrissenen „Lehrgebäude“ zu einem stetig erweiterten, zunehmend instabilen „Wolkenhaus“. In Anlehnung an den Soziologen Andreas Reckwitz deuteten sie dieses als Ausdruck eines modernen Fortschrittsnarrativs, das in der Gegenwart an Selbstverständlichkeit verliert und unweigerlich auch Verluste mit sich bringt. Der Metapher eines geschlossenen Gebäudes stellten sie den Blick auf unterschiedliche Spannungsfelder gegenüber, hinsichtlich derer Ambiguität erkennbar wird. Sie plädierten dafür, die Ermöglichung musikalischer Bildung als gemeinsame Aufgaben von Schule, Musikschule, Musikuniversität sowie Bildungs- und Kulturpolitik zu begreifen und die damit verbundenen diskursiven Arenen fest im Blick zu behalten.
Zwischen Forschung und Berufsalltag
Einen weiteren wichtigen Bezugspunkt des Symposiums bildete der Blick auf aktuelle Forschungsprojekte aus instrumental- und gesangspädagogischen Berufsfeldern:
Carmen Heß und Kerstin Weuthen blickten auf den Berufsalltag von Musikschullehrkräften in Deutschland und präsentierten Ergebnisse des Forschungsprojekts MiKADO-Musik1. Auf Grundlage qualitativer Interviews zeigten sie, inwiefern ihre Arbeit einen Balanceakt zwischen künstlerischem Anspruch, pädagogischer Verantwortung, den Bedürfnissen der Schüler_innen und gesellschaftlichen Erwartungen darstellt. Dabei wurde eine zentrale Ambivalenz sichtbar: Gerade das Engagement, das den Beruf für viele besonders erfüllend macht, kann unter prekären Rahmenbedingungen zugleich zur Belastung werden.
Michael Göllner richtete den Blick auf eine österreichische Teilstudie des MiKADO-Forschungsprojekts. Anhand von Interviews mit Musikschullehrkräften in Niederösterreich zeigte er, wie Lehrende zwischen der Rolle als Türöffner_in und Aspekten des Gatekeepings changieren, wenn sie die Studien- und Berufswahl ihrer Schüler_innen begleiten. Den Übergang von der Musikschule in ein Musikstudium deutete er dabei als Statuspassage und plädierte dafür, diese Übergangsarbeit zwischen Ermöglichung, Gatekeeping und sozialer Öffnung stärker anzuerkennen und gezielt zu unterstützen. Dies könne zu mehr Bildungsgerechtigkeit und einer sozial offenen musikalischen Nachwuchsförderung beitragen.
Auch Natalia Ardila-Mantilla thematisierte die oft unsichtbare Vermittlungsarbeit von Instrumental- und Gesangspädagog_innen und bezog sich dabei auf Ergebnisse der qualitativen AnmuT-Studie2. Anknüpfend an die von Peter Röbkes im Fachdiskurs etablierte Metapher der „eierlegenden Wollmilchsau“ hinterfragte sie das Bild der dauerhaft überforderten Lehrkraft und schlug stattdessen die Metapher der „Träger_innen des Gefüges“ vor. Diese leisten eine systemstabilisierende Arbeit, die eine professionelle Kernkompetenz darstelle, bislang jedoch kaum strukturell unterstützt werde.
Im Dialog
Das Symposium lebte vom Austausch: Die Fragestellungen der Vorträge wurden während der beiden Tage in zahlreichen Kleingruppen, Podiumsdiskussionen und Round Tables aus unterschiedlichen Blickwinkeln diskutiert und weitergedacht. Expert_innen aus verschiedenen musikpädagogischen Arbeitskontexten reflektierten gemeinsam über curriculare Entwicklungen, die Zukunft der Instrumental- und Gesangspädagogik sowie das Berufsverständnis und den künstlerischen Anspruch von Instrumental- und Gesangslehrenden. Ein weiterer Schwerpunkt galt Musikschulen als Institutionen. Mehrmals wurde deutlich, dass sich ihr gesellschaftlicher Auftrag ständig erweitert, während bestehende gesetzliche und organisatorische Strukturen diesem Wandel nur begrenzt folgen. Diskutiert wurden neue Organisationsformen und Kooperationen, Fragen der politischen Interessenvertretung sowie die Rolle der Musikschule als generationenübergreifender Begegnungsort. Dabei kristallisierten sich zentrale Spannungsfelder heraus: zwischen Bildungsauftrag und Flexibilität, institutioneller Stabilität und Innovationsfähigkeit sowie künstlerischer Praxis und bildungs- bzw. kulturpolitischer Verantwortung.
Ambiguität als Chance?
Die Tagung Embracing Ambiguity machte deutlich, dass sich die Instrumental- und Gesangspädagogik in einem Transformationsprozess befindet. Ihre Weiterentwicklung erscheint angesichts gesellschaftlicher Veränderungen unerlässlich – im Studium, im Beruf und in der Bildungspolitik. Mich persönlich haben die Vorträge, Diskussionen und auch die produktiven Meinungsverschiedenheiten optimistisch gestimmt. Sie zeigten eindrücklich, wie groß die Bereitschaft der „großen musikpädagogischen Familie“ ist, sich den vielfältigen Herausforderungen der Gegenwart zu stellen – in der Vielfalt der Zugänge ebenso wie in Offenheit und Reflektiertheit. Auch hier ließe sich, wenn man will von Ambiguität sprechen – das allerdings wäre dann tatsächlich eine, die man gerne „umarmt“.
Einzelne Stränge der mit dem Symposium eröffneten Diskussion werden im Wintersemester 2026/27 weiterverfolgt und am 13. November 2026 im Rahmen der vom Fachbereich IGP veranstalteten Reihe IGP – Impulse, Gedanken, Perspektiven weitergeführt. Dazu schon jetzt eine herzliche Einladung!