Sustainability Science/Nachhaltigkeitswissenschaften im Zeichen einer künstlerisch-orientierten Transdisziplinarität

Aufbauend auf die ab den 1970er Jahren entstandene interdisziplinäre Umweltforschung entwickelte sich in den 1990er Jahren im Kontext der UN-Agenda 21 und des globalen Leitbilds einer nachhaltigen Entwicklung eine breitere, sozial- und naturwissenschaftlich arbeitende Nachhaltigkeitsforschung. Unter dem Label „Sustainability Science/Nachhaltigkeitswissenschaften“ wurden ab den 2000er Jahren Forschung und Lehre zur Nachhaltigkeit in Instituten, Forschungsprogrammen, Studiengängen, Fachzeitschriften etc. konsolidiert. Neben Multidisziplinarität (Beteiligung unterschiedlicher Disziplinen) und Interdisziplinarität (Zusammenarbeit zwischen Disziplinen) gewannen Transdisziplinarität (Kooperationen zwischen Wissenschaft und Praxis) und gestaltende Lösungsorientierung statt primär analytischer Problemorientierung an Bedeutung. Trotz dieser Weiterentwicklungen und des Einbezugs unterschiedlicher Wissensformen bleiben Aspekte wie die multisensorische Erfahrungswirklichkeit von Menschen, verkörpertes Wissen oder Imaginationsfähigkeit weniger bearbeitet. Die jüngere Perspektive einer sensorisch-ästhetischen Nachhaltigkeitsforschung, die mit Ansätzen der sensorischen Ethnographie, kunstbasierter Methoden und der künstlerischen Forschung arbeitet und auf praxisorientierte Wissenschaft-Kunst-Kooperationen zielt, kann einen ergänzenden Beitrag zur Gestaltung nachhaltiger Zukünfte leisten.

 

Harald Heinrichs

ist Soziologe und Professor für Nachhaltigkeit und Politik an der School of Sustainability der Leuphana Universität Lüneburg. In Forschung und Lehre experimentiert er u.a. auch mit kunstbasierten Ansätzen, um Denk-, Erfahrungs- und Handlungsmöglichkeiten für zukunftsfähige Entwicklungen zu erweitern, und kooperiert mit Kunst- und Kulturschaffenden.