Knowing in Performing – Ringvorlesungen 2018/19


Artistic Research an der mdw


Knowing in PerformingFoto: ©Marko Ciciliani

Die neue Vorlesungsreihe "Knowing in Performing" an der mdw präsentiert und befragt die transdisziplinären Dynamiken von "Artistic Research" mit einem speziellen Fokus auf Musik und darstellende Kunst.

Der dritte Termin der Ringvorlesung findet am Dienstag, 15. Jänner 2019 um 18.00 Uhr mit einer Lecture-Performance von Johannes Kreidler von der Hochschule für Musik und Theater Hamburg statt.

Johannes KreidlerFoto: Johannes Kreidler ©Falk Wenzel

Zeit und Ort
Dienstag, 15. Jänner 2019, 18.00 – 20.00 Uhr
Fanny Hensel-Saal
mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Anton-von-Webern Platz 1, 1030 Wien
 

15. Jänner 2019 – Johannes Kreidler: Kein Konzept ohne Konzeptualismus: Konzeptmusik als Herausforderung für Hören und Verstehen


Abstract

In den vergangenen Jahren sind in der Neuen Musik konzeptuelle Ansätze verstärkt aufgekommen. Nicht der Klang allein, sondern ein Konzept bestimmt auch ein Stück, d.h. oft sind begleitende Informationen Teil der Sache, entsprechend der Einsatz auch von Text, Video, Performance. Wie verhalten sich dabei Hören, Wissen, Verstehen, Interpretieren? Die Lecture-Performance zeigt Praxis und Theorie der Konzeptmusik.


Johannes KreidlerCurriculum Vitae

Johannes Kreidler (1980) ist Komponist, Konzept- und Medienkünstler. Er studierte in Freiburg und Den Haag Komposition, elektronische Musik und Musiktheorie, u.a. bei Mathias Spahlinger. Er unterrichtet an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. 2012 erhielt er den Kranichsteiner Musikpreis.

Aufführungen auf Festivals wie den Donaueschinger Musiktagen, den Wittener Tagen für Neue Kammermusik, den Darmstädter Ferienkursen, MaerzMusik Berlin, Ultraschall Berlin, Eclat Stuttgart, Wien Modern, dem Ultima Festival Oslo, Musica Strasbourg, der Gaudeamus Music Week, Warschauer Herbst, Huddersfield Contemporary Music Festival und der Biennale Venedig. Im Wolke-Verlag sind die Bücher erschienen "Loadbang. Programming Electronic Music in Puredata" (2009), "Musik mit Musik – Texte 2005-2011" (2012) und "Sätze über musikalische Konzeptkunst. Texte 2012 – 2018" (2018).


Dienstag, 15. Jänner 2019, 18.00 – 20.00 Uhr
mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Fanny Hensel-Saal
Anton-von-Webern-Platz 1, 1030 Wien

Foto: ©Esther Kochte

13. November 2018 – Barbara Lüneburg: TransCoding – Von Intellektuellenkunst zu partizipativer Kultur


Abstract

Der K-Pop Künstler PSY und die Gendertheoretikerin Judith Butler, zeitgenössische Musik und Popkultur – wie kann das überhaupt zusammengehen? Mit dem künstlerischen Forschungsprojekt TransCoding – From 'Highbrow Art' to Participatory Culture (PEEK AR259-G21), gefördert vom österreichischen Wissenschaftsfonds, hat die Künstlerin und Forscherin Barbara Lüneburg versucht, hierauf eine Antwort zu finden. TransCoding befasste sich mit partizipativer Kultur im Rahmen von Social Media und Kunst. Lüneburg ermutigte Partizipation in verschiedenen Mulitmedia-Kunstwerken und einen Diskurs über neue Kunst, indem sie eine Online-Community aktiv über Web 2.0 in den künstlerischen Prozess involvierte. Ihre Hauptzielgruppe war dabei ein junges internetaffines Publikum, das daran interessiert war, sich selbst kreativ auszudrücken, eher von der Popularkultur kam und normalerweise keine Multimediaperformance aus der klassischen Kunstmusik besuchen würde.

Die Performance "Slices of Life" (2016/17) für Violine, Video und Soundtrack, die Barbara Lüneburg im Rahmen ihres Vortrags aufführen wird, entstand dabei innerhalb des Projekts. Das Thema von Slices of Life ist "Identität" und die vielen Facetten, die Identität annehmen kann. Über seine Social Media Kanäle initialisierte das TransCoding-Team eine Reihe von "Calls for Entries", über die eine internationale Online-Community künstlerische Beiträge in Form von Texten, Bildern, Klängen und Kompositionen zum Kunstwerk beitragen konnte. Gleichzeitig bot diese Form der Partizipation die Möglichkeit, sich mit dem Thema "Identität" für sich selbst und für TransCoding auf künstlerische, soziale und interaktive Art und Weise auseinanderzusetzen.

In ihrem Vortrag wird Barbara Lüneburg die Kunstproduktion von TransCoding im Rahmen partizipativer Kultur über soziale Medien reflektieren, Fragen von Autorität und geteilter Urheber_innenschaft kritisch beleuchten, den Einfluß des Projektes auf die beteiligten Künstler_innen und die Community nachspüren sowie der der Frage nach Wissenproduktion und -verbreitung in künstlerischer Forschung und insbesondere durch Performancekunst und Social Media nachgehen.


Barbara LüneburgCurriculum Vitae

Prof.in Dr.in Barbara Lüneburg ist eine international anerkannte Geigerin und Forscherin. Ihre künstlerischen Hauptarbeitsfelder sind klassische zeitgenössische Kunstmusik und Multimedia Art. Von 2014-2018 leitete sie das künstlerische Forschungsprojekt "TransCoding – From 'Highbrow Art' to Participatory Culture" und komponierte unter Partizipation einer Online-Community das halbstündige Kunstwerk "Slices of Life" zum Thema "Identität".

Im Mai 2018 erschien ihre Monografie zum Projekt bei transcript, Bielefeld. Lüneburgs Schwerpunkt in der Forschung liegt in der Performancepraxis. Seit Oktober 2018 ist sie Professorin für künstlerische Forschung an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz, wo sie die wissenschaftliche und künstlerische Doktoratsschule leitet.


Dienstag, 13. November 2018, 18.00 – 20.00 Uhr
mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Fanny Hensel-Saal
Anton-von-Webern-Platz 1, 1030 Wien

Foto: ©Bostjan Lah

23. Oktober 2018 – Paulo de Assis: Logik des Experimentierens: Musikperformance als künstlerische Forschung neu denken


Abstract

Die Performance westlicher notierter Kunstmusik wird gemeinhin mit den Begriffen der Aufführung, Rezitation, Übermittlung, Reproduktion oder Interpretation assoziiert und beruht auf der Grundlage eines weithin akzeptierten, etablierten Musiktextes sowie auf einer Reihe von fixen Konventionen, welche die Kommunikation zwischen Komponist_in, Performer_in und Publikum regeln. Aus dieser Perspektive bedeutet Performance den Moment der konkreten akustischen Repräsentation einer schon bekannten Klangstruktur. In diesem Vortrag wird eine andere Sicht der Dinge vorgeschlagen, die Performance zu allererst als Raum der Problematisierung und nicht der Repräsentation verstanden wissen will. Der Vortrag wird einen kritischen Standpunkt gegenüber der Diversität verfügbarer musikalischer Quellen und Materialien einnehmen, indem deren erkenntnistheoretische Komplexität und ihr Potenzial für produktive Rekonfigurationen hervorgehoben und neue Weisen eines kreativen Umgangs mit ihnen vorgestellt werden.

Über das Konzept des Kunstwerks hinausgehend erlaubt es diese neue Perspektive, ein neues Bild von Musikwerken zu konstruieren, welches auf den Begriffen der Assemblage und des Diagramms beruht, sowie innovative, praxisbasierte Methodologien vorzuschlagen, die archivarische und musikologische Forschung in den schöpferischen Prozess hin bis zur Performance integrieren. Ein solcherart erneuertes Verständnis von Kunstwerken spricht in der Folge auch eine neue Art von Performer_innen an, die sich von autoritären Texten und Traditionen emanzipieren und für die kritische Rekonfiguration vergangener musikalischer Gegenstände offen sind. Anstatt Aufführende_r oder Interpret_in wird der/die Performer_in ein_e "Betreiber_in" (operator), wobei unerwartete Kräfteassemblagen und Materialien zu Tage treten. Über repräsentative Performanceweisen hinausgehend – seien sie Mainstream oder historisch informierte Performancepraktiken – adressiert dieser Vortrag einen ontologischen, methodologischen und ethischen Raum für experimentelle Performancepraktiken und präsentiert eine neue Art von Performance, unterstützt durch sorgfältige Forschung und motiviert durch leidenschaftliche Vorstellungskraft.


Paulo de AssisCurriculum Vitae

Paulo de Assis ist experimenteller Künstler, Pianist und künstlerisch Forschender mit transdisziplinären Interessen in Komposition, poststrukturalistischer Philosophie, psychoanalytischer Theorie sowie Epistemologie. Research Fellow am Orpheus Institut in Gent (BE) und Forschungsleiter des EU Projekts "Experimentation versus Interpretation: Exploring New Paths in Music Performance".

Neben seiner künstlerischen Praxis ist er Vorsitzender der internationalen Konferenzreihe Deleuze and Artistic Research (DARE) sowie Herausgeber der Buchreihe Transversality (Leuven University Press) und Artistic Research (Rowman & Littlefield International).


Dienstag, 23. Oktober 2018, 18.00 – 20.00 Uhr
mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Fanny Hensel-Saal
Anton-von-Webern-Platz 1, 1030 Wien

Foto: ©Lucia D'Errico

 



Koordinationsteam


Projektteam: Johannes Kretz, Therese Kaufmann, Annegret Huber, Doris Ingrisch, Johannes Meissl, Susanne V. Granzer, Gesine Schröder, Tasos Zembylas

Organisation: Michaela Baumgartner, baumgartner@mdw.ac.at

Koordination: Karoline Feyertag

Kontakt: knowinginperforming@mdw.ac.at


Über Knowing in Performing


Artistic Research oder künstlerische Forschung hat sich in den letzten drei Jahrzehnten zu einem bedeutenden Player in der Wissensproduktion entwickelt. Sowohl das steigende Interesse der Kunst an epistemologischen Fragen als auch die wissenschaftliche Befragung künstlerischer Praktiken unterstützen und initiieren Forschungsprozesse zur Wissensgenerierung. Kunst wird dabei zugleich als Gegenstand und Medium der Forschung betrachtet. Seit geraumer Zeit bringt sich Kunst in den allgemeinen Diskurs über Wissensregime und Forschungsmodelle ein. Dabei spielt die Integration von verschiedenen non-verbalen Wissensformen – "tacit knowledge", "Embodiment", emotionale Intelligenz sowie prozessorientiertes Handlungswissen und auditives Wissen – bei der transdisziplinären Annäherung von Kunst und Wissenschaft eine zentrale Rolle und dient der Entwicklung neuer Methodologien in beiden Bereichen gleichermaßen.

Die Vorlesungsreihe "Knowing in Performing" untersucht mit einem speziellen Fokus auf die darstellende Kunst dieses dynamische, sich ständig erneuernde Spannungsfeld. Mit einem besonderen Augenmerk auf verschiedene Implementierungsmodelle von künstlerischer Forschung in Curricula und Studienprogrammen an Kunstuniversitäten werden sieben Vortragende an sechs Terminen die internationalen Politiken der Institutionalisierung kritisch analysieren und eine Diskussion über die Möglichkeiten und Bedingungen eröffnen, wie aktuelle Praktiken und Diskurse Eingang in zukünftige Lehr- und Forschungspläne finden können.


Semesterprogramm


Die Vorlesungsreihe begann am 23. Oktober 2018 mit dem Pianisten und künstlerisch Forschenden Paulo de Assis, der zurzeit Leiter der Forschungseinheit MusicExperimentX am Orpheus Institut in Gent ist.

Am 13. November 2018 fand die Musikperformance und Vorlesung der Professorin für Artistic Research an der Anton Bruckner Privatuniversität Linz, Barbara Lüneburg, statt. Die Violonistin und künstlerisch Forschende führte die Musikkomposition "Slices of Life" auf und stellte ihr PEEK-Forschungsprojekt "Transcoding – From 'Highbrow Art' to Participatory Culture" vor.

Das Wintersemester endet am 15. Jänner 2019 mit einer Lecture-Performance des Pianisten, Konzeptmusikers und künstlerisch Forschenden Johannes Kreidler zur Theorie der Konzeptmusik mit dem Titel "Kein Konzept ohne Konzeptualismus. Konzeptmusik als Herausforderung für Hören und Verstehen".

Das Sommersemester startet am 12. März 2019 mit einem Vortrag von Darla M. Crispin, Vizerektorin für Forschung und künstlerische Entwicklung und Direktorin des Arne Nordheim Zentrums für Artistic Research (NordART) an der Norwegischen Musikakademie in Oslo.

Am 9. April 2019 findet die Performance-Lecture "Performing Citizenship. Heterotopien der Forschung zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft" der deutschen Performerin, Philosophin und künstlerisch Forschenden Sibylle Peters statt. 

Schließlich beendet die emeritierte mdw-Professorin, Schauspielerin und Performerin Susanne V. Granzer gemeinsam mit dem an der Universität Wien und an der Universität für angewandte Kunst Wien lehrenden Philosophen und künstlerisch Forschenden Arno Böhler die Ringvorlesung am 14. Mai 2019 mit einer Lecture-Performance zum Thema "Künstlerische Forschung – Kulturelle Differenzen".