Einleitung

 


If we take to heart the fact that we make places, things, and selves, but not under conditions of our own choosing, then it is easier to take the risk of conceiving change as something both short of and longer than a single cataclysmic event. Indeed, the chronicles of revolutions all show how persistent small changes, and altogether unexpected consolidations, added up to enough weight, over time and space, to cause a break with the old order.
Ruth Wilson Gilmore1

»Drag« habe keine eindeutig verortbare Herkunft, heißt es oft.2 Die sogenannte Küchenetymologie von Gender Bending hingegen verweist aufs vorbürgerliche europäische Theater — darauf, wie junge Schauspieler in Frauenrollen die Schleppen ihrer Kostüme hinter sich herziehen.3 Dragging ist also bestimmt von Widerstrebendem: vom Verweis auf volatile Bedeutungszusammenhänge und auf einen physischen Pullback — auf Geflügeltes und Gravitationales gewissermaßen. In Dirty Dragging geht es um bewegte Körper, denen etwas anhaftet, ohne dass sich die Genealogie des Mitgeschleppten eindeutig bestimmen ließe. Mein Titel ist fortgesetzte Metapher unvorhersehbaren, nomadischen Mitschleppens und erweitert das herkömmliche Begriffsverständnis von Drag als »exaggerated gender display«.4 Im Gegensatz zum elisabethanischen Stage-Dragging werde ich hier alle möglichen minderen, transgressiven, in Kontexten politischer Gewalt situierten Auftrittsformen untersuchen. Ich möchte erkunden, was sich auf letztlich unkontrollierbare, widersprüchliche Weise beim Mitschleppen solcher Kontexte verfangen kann, um in veränderter, mit anderem verflochtener Form anderswo wieder aufzutauchen. Dirty bezeichnet dabei weniger das Dargestellte als letztlich ›dreckige‹ Formen der Darstellung, die das Verständnis von einer konturierten, abgeschlossenen Figur unterlaufen und dadurch die Frage nach dem kollektiven Auftreten ins Spiel bringen.5

Vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen möchte ich entsprechend die master trope der performativitätstheoretischen Geschlechterforschung reformulieren, die Auseinandersetzung mit Drag in andere Kontexte übersetzen und das widersprüchliche Spiel mit referenziellem Exzess auch auf seine destruktive Seite hin ausloten. Gerade die Trans Studies haben Drag in den letzten Jahren kritisch reperspektiviert, auf veränderte biopolitische Subjektivierungsbedingungen verwiesen und den Akzent vom Undoing aufs Verflüssigen, Liquidieren, überkommener Klassifikationen — auf »politics of transitivity«6 — verschoben. Daran knüpft Dirty Dragging an. Weil das Transgressive nicht ausschließlich als Queering — als »subversive repetition within signifying practices of gender«7 — gelesen werden kann, beschäftige ich mich aus global- beziehungsweise aus verflechtungsgeschichtlicher Perspektive8 mit konträren Mobilisierungen des Performativen.Dirty Dragging reagiert durch entsprechende Quellenlektüren hindurch auf Katastrophen der Gegenwart und ihre Begleiterscheinungen: die autoritär-›broligarchische‹ Wende postdemokratischer, ressentimentaler Politikformen, die sich wahlweise vor allem gegen ›Genderismus‹ oder globalisierte Migration von unten richten, die Zerstörung regulierender Infrastrukturen durch die wirtschaftslibertäre Rechte und die Entstehung neuer Kriegsregime, die die globale Faschisierung des von Naomi Klein so genannten »predatory disaster capitalism«9 ankündigen. Begleitet nun wird die neuerliche Konjunktur identitärer Trennungen von karnevalesken Politikdarstellungen innerhalb der heutigen medialen Aufmerksamkeitsökonomien.10 Gerade diese Instrumentalisierung transgressiver Darstellungen von rechts fordert dazu heraus, auch die historische Perspektive zu erweitern.

Exemplarisch zeigt sich das an geschichtlichen Ausformungen von ›racial­ized Drag‹.11 Sowohl im Kontext der modernen Geschichte von physiognomischem Rassismus und kolonialer Überausbeutung als auch von unterschiedlichen Rezeptionen der frühen globalisierten, visuell geprägten Massenkultur verortet, macht etwa Blackface als »racial impersonation«12 die grotesk-­clowneske Entstellung der schwarzen Gesichtsmaske zum Zeichen von Exzess und wird entsprechend politisch besetzt. Ist Drag bislang vor allem mit queerem, subversivem Gender Bending assoziiert, geht es hier also zugleich um invektive Auftrittsformen. Auf der Straße, im Karneval, in der Propaganda, auf der Bühne oder in der Wissenschaft und wiederum ›out of doors‹ untersucht Dirty Dragging die Ambivalenz mimetischer »Messiness«13 in historischen Gewaltzusammenhängen, um auch jene Auftrittsformen genauer bestimmen zu können, die trotz allem das Potenzial haben, widerständige Affekte gegen Politiken des Teilens und Herrschens zu triggern.

An der Südspitze Afrikas, in der Mitte Europas und im Süden der USA situiert, erinnern die einzelnen Kapitel daran, wie Leute mit kreolisierten performativen Kulturtechniken Trennungspolitiken auf der Straße widerstreiten, wie der Faschismus queeres wie kreolisiertes Dragging zu bannen sucht und wie schließlich karnevaleske Erscheinungsformen von fraternalen Vigilantes, neuen patriarchalen Eliten, aber eben auch von unten immer wieder anders mobilisierbar sind. Dirty Dragging konstelliert also gegensätzliche Auftrittsformen, die sich als mimetisches Mitschleppen sozialer Verflechtungen beschreiben lassen. Dabei wird transgressives In-Erscheinung-Treten sowohl zum Instrument kollektiven Widerstreits und der Selbstbehauptung als auch des ­Othering, der Abwertung, des Terrors oder der Machtdemonstration. Anhand der inszenierten Alltagsfotografie einer Drag Queen zu Zeiten der Forced Removals während der südafrikanischen Apartheid und anhand des Karnevals von Cape Town, im Bezug auf eine Studioaufnahme von Eva Braun im Männeranzug, mit geschwärztem Gesicht, mit Blick auf alpine Perchtenzügen, Terrorspektakel des frühen Ku Klux Klan und den Mardi Gras von New Orleans wird es in Dirty Dragging um das Spektrum transgressiver Mimesis gehen: von existenziellen Drag-Szenen bis zum karnevalesken Maskengebrauch. An widersprüchlichen Ausformungen von Drag im erweiterten Sinn möchte ich zeigen, wie Auftrittsformen komplizitär oder hegemonial besetzt und dennoch kollektiv immer wieder neu von jenen mobilisiert werden können, die sich ›so‹ nicht regieren lassen wollen.14

Was also bedeutet die Verknüpfung von Drag und Blackface im Karneval der Subalternen zu Zeiten der Apartheid?15 Wie wiederum wird diese Verknüpfung im NS antisemitisch aufgeladen? Wie kann der Südstaatenkarneval in den USA zugleich zum Regierungsinstrument und zum queeren Refugium werden? Und wie verhalten sich karnevaleske Artikulationen von Kolonialismen und Rassismen zu einem queeren Verständnis von Drag? Anhand ausgewählter Quellenlektüren gehe ich unterschiedlichen (post-)kolonialen Kontexten nach, deren Regime jeweils scheitern, zusammenbrechen, auf Dauer nicht funktionieren und doch fortlebende Gewalt- und Widerstandsformen nach sich ziehen. Die etymologische Erzählung von theatralem Dragging auf vorbürgerlichen europäischen Bühnen und deren Referenz auf nichtrepräsentative mimetische Auftrittsformen ruft die Ära kolonialer Expansion bereits ins Gedächtnis. Gegenstand von Dirty Dragging sind nun jene Auftrittsformen, die als Effekte dieser Expansion gelesen werden können. Untersuchen möchte ich verwandte, gleichwohl unterschiedliche politische Kontexte des Teilens und Herrschens mit je spezifischen arbiträren Ausgrenzungen und Besonderungen — Kontexte, die zwischenzeitlich als erledigt galten und in historischen Studien eher getrennt verhandelt werden, aber in Konstellation gebracht das transozeanische Widerspiel zwischen Kreolisierungs- und Entkreolisierungsprozessen16 verdeutlichen: Apartheid, NS und Jim Crow-Segregation nach dem 1865 endenden Bürgerkrieg und der darauffolgenden Abschaffung systematisierter Versklavung in den USA.

Warum gerade diese Konstellation? Das südafrikanische Apartheidregime (1948—1994), das sich zum einen im Rekurs auf nationalsozialistische und US-amerikanische Exklusionspolitiken, zum anderen auf der Grundlage historisch einander überlagernder Kolonialpolitiken gegen Kreolisierungsentwicklungen formiert, funktioniert als modernes Social Engineering. Es korrespondiert mit zeitgleichen rassistischen Gentrifizierungen andernorts und nimmt als biopolitisches Modell heutige Formen der Securitization, der Überausbeutung und der Zwangsvertreibung vorweg;17 zugleich aber macht schon sein ­komplexes Klassifikationssystem Vorstellungen von einem vermeintlich immergleichen binären Rassismus hinterfragbar. Das gilt auf andere Weise auch für den NS (1933—1945); denn hier verschränkt sich Antisemitismus als Bestimmungsmoment nationalsozialistischer Propaganda und koloniale Exotisierung mit dem Angriff auf die frühe, ihrerseits bereits kreolisierte, US-amerikanisch geprägte Popkultur und auf deren globale Strahlkraft. Am NS wird also die Verbindung von Antisemitismus, Kolonialrassismus und Dekreolisierung lesbar.18 Die segregierten Verhältnisse im Süden der USA nach dem Zusammenbruch des Plantagensystems in den 1860er-Jahren wiederum prägen genau jene Trennungen, die heute den Blick auf andere geografische und historische Zusammenhänge oft strukturieren, erweisen sich aber bei genauerem Hinsehen als ungleich komplizierter.

Hier setzt dieser Diskussionsvorschlag an und verschiebt die Perspektive. Den Entanglements transgressiver Auftrittsformen gehe ich an heterogenen Quellen nach, befrage deren jeweiligen Umgebungsbezug und die Metamorphosen von anderswo mitgeschleppter körperlicher Repertoires oder Masken — mithin je spezifische performative Transpositionen.19 Die daraus resultierende Reperspektivierung von Drag lässt sich mit dem kulturwissenschaftlichen Shift von der dekonstruktiven, negativen Bezogenheit auf Identitätskategorien in der frühen Queer Theory zur heutigen Beschäftigung mit situiertem Umgebungswissen, mit dem Wissen um die politische Bedingtheit des eigenen Auftretens, um Vergesellschaftungsfragen und ihre verflechtungsgeschichtlichen Bedingungen assoziieren.20 Dabei wird das Spannungsgefüge zwischen genealogisch Unverortbarem und dem Verweis auf erschwerte Bewegungsbedingungen, das meine Lesart von Dragging bestimmt, in eine doppelte Perspektive übersetzt. Es geht sowohl um die konkrete Situiertheit öffentlichen In-Erscheinung-Tretens als auch um die darin aufscheinenden globalen Fluchtlinien;21 denn die hier versammelten historischen Erkundungen sind der Frage nach den unabsehbaren Möglichkeiten zukünftiger politischer Bezugnahmen angesichts des Fortlebens unterschiedlicher Gewaltregime gewidmet.

Um der Komplexität der genannten Konstellationen gerecht zu werden, möchte ich hier zunächst die südafrikanische, ihrerseits Theorieansätze aus der Karibik entwendende Kreolisierungsforschung mit queertheoretischen Ansätzen verknüpfen; dezidiert praxeologisch orientiert, befragt etwa Zimitri Erasmus mit Sylvia Wynter bestehende Kategorienbildungen in Auseinandersetzung mit Kolonialgeschichte.22 Darin korrespondiert ihr Ansatz auch mit Auseinandersetzungen um die Gedankenfigur des Nomadischen.23 Nach Schnittstellen kritischer Theorieproduktion fragend, möchte ich daran weiterarbeiten, um als disparat wahrgenommene Denkentwürfe im Verlauf des Buchs engzuführen. Zugleich an der Geschlechter- als Drag-Forschung fortschreibend, lassen sich so nicht zuletzt die Fluchtlinien zwischen Auseinandersetzungen um Kolonial- und Antisemitismuskritik ausloten.

Untergründig läuft in Dirty Dragging dabei die Frage nach der gegenwärtigen Relevanz der gewählten Konstellationen mit. Die historischen Schauplatzwechsel, so die Hoffnung, können Verfremdungseffekte hinsichtlich des aktuellen Gebrauchs von Begriffen und Gedankenfiguren produzieren und in diesem Sinn als »Krisenexperimente«24 fungieren. Das zeigt sich etwa am Apartheidbegriff. Heute ist Apartheid eine Kategorie des Völkerrechts,25 ein Synonym für institutionalisierte rassistische Trennung, und wird gerade in Südafrika entsprechend auf andere politische Kontexte übertragen. Im deutschsprachigen Diskursraum, in dem ich primär verortet bin, hingegen ist Apartheid ein Trigger-­Begriff aktueller Auseinandersetzungen um Israel-Palästina und die gegen internationales Recht verstoßenden territorialpolitischen Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Nahen Osten. Die Kritik an der Kriegs- und Zwangsvertreibungspolitik in Gaza seit dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 wiederum, die die Klage Südafrikas gegen den Staat Israel vor dem Internationalen Gerichtshof dezidiert als genozidal einstuft, wird gerade im deutschsprachigen Kontext immer wieder als Antisemitismus umdefiniert und dies von rechts instrumentalisiert.26 Zugleich blenden dekoloniale Diskurszusammenhänge die Auseinandersetzung mit der hiesigen soziozidalen Geschichte des Antisemitismus, der industriellen Vernichtungspolitik der Nazis, und deren Nachleben oft aus. Das alles ist nicht Gegenstand dieses Buchs, gehört aber zu seinem diskurspolitischen Hintergrund. Denn dessen wachsendes Spaltungspotenzial erschwert momentane Versuche, den destruktiven Entwicklungen der Gegenwart kollektiv und international etwas entgegenzusetzen. Insofern motiviert dieser Hintergrund die hier vorgenommenen historischen Terrain- und Perspektivwechsel.

Dabei beschäftigt sich Dirty Dragging in Detailanalysen mit Auftrittsformen, über die jeweils unterschiedliche Exklusionspolitiken und entsprechende Subjektivierungsformen verhandelt werden.27 Die so konstelliert gestifteten Verbindungen und Bezugnahmen sind nicht einfach autobiografisch lesbar,28 sondern einer spezifischen (theorie-)politischen Positionalität geschuldet. Ich versuche, Material aus historisch und geografisch unterschiedlich situierten Gewaltkontexten zu konfrontieren und zusammenzubringen, um im Blick auf deren Differenzen wie Korrespondenzen über die Tragfähigkeit analytischer Kategoriebildungen und Herangehensweisen nachzudenken. Zwar sind meine Fragen von konkreten Lebens- und Arbeitskontexten geprägt; sie sind also durchaus symp­tomatisch — reflektieren nicht zuletzt spezifisch verortete, freilich auch biografisch relevante Diskursverschiebungen und -widersprüche in der Kolonial-, NS- und Rassismusforschung, die etwa Charlotte Wiedemann in Den Schmerz der andern begreifen anspricht.29 Mein Anliegen aber ist nicht bloß Ausdruck meiner Situiertheit, sondern dem Versuch geschuldet, angesichts der verstörenden globalen Faschisierungsentwicklungen über Bande, am historischen Material, nicht in den Beschränkungen lokaler Exzeptionalismen ­steckenzubleiben, sondern zwischen jeweils anderswo ­entwickelten ­Perspektiven zu vermitteln und so potenzielle politische Allianzen ins Gedächtnis zu rufen.30

*

Ausgangspunkt von Dirty Dragging sind Lektüren von Archivbildern, die sich während unterschiedlicher Forschungsreisen unter anderem nach Cape Town, Gastein und New Orleans angesammelt haben. Insofern ist das transponierende Mitschleppen sowohl Gegenstand als auch Teil des Forschungs­designs. Die verwendeten Bilder sind visuelle Fundstücke, die bestimmte Bewegungsrepertoires in Szene setzen, still stellen und oft mit der Hyper­visibilisierung von Devianzzuschreibungen spielen.31 Nachträglich kuratiert und analysiert, wird an ihrer Beschreibung die Differenz zum Gewesenen markiert. So verdeutlicht die Starrheit und Stummheit dieser Bilder32 sowohl die mediale Differenz zwischen Auftreten und Fotografie als auch die Abgründe zwischen Material und Lektüre, zwischen unterschiedlichen historischen und geografischen Verortungen — aber eben auch die Möglichkeit nachträglicher, anders situierter Bezugnahme. Manchmal lässt sich die Herkunftsgeschichte des vor allem fotografischen Materials nicht mehr genauer erschließen. Einige Bilder zeigen Leute, von denen keine Namen, keine Stimmen archiviert sind. Über Repertoire und Situierung provozieren gerade diese Bilder dazu, die mitgeschleppten Kontexte und deren Übertragung in die hier gewählte Kon­stellation zu reflektieren, weil sie sich nicht ›autobiografisch‹ erklären lassen. Zugleich zeugen sie davon, wie sich ihr Nachleben der Kontrolle durch jene Regimes, unter denen sie entstanden sind, auch wieder entzieht.

Anders als die frühere poststrukturalistische Forschung zu den Allegorien des Lesens akzentuieren meine physischen Auftrittsformen gewidmeten Bildlektüren auch das Begehren, to touch across time, wie es Carolyn Dinshaw mit Blick auf historiografisches Arbeiten formuliert.33 Dieses Begehren erfordert ein queeres, verschränktes Zeitlichkeitsverständnis, das dem linearen, genealogischen Denken eine Vorstellung von Temporal Drag, so unter anderem Elisabeth Freeman, entgegensetzt.34 Die Konstellierung der Schauplätze in Dirty Dragging übersetzt das Begehren to touch across auch ins Räumliche, indem es von der paradoxalen Gegenwart einer im Bild festgehaltenen Bewegung ausgeht, auf verkörpertes Repertoire und dessen Relation zur Umgebung hindeutet und nicht zuletzt über das Ensemble der Bilder statt unmittelbarer Nähe — etwa zu meiner Positionalität — transozeanische Fluchtlinien skizziert.

Das Buch operiert weder chronologisch noch unternimmt es den Versuch, die Heterogenität des Materials zu glätten, einem Dragging-Narrativ zu unterwerfen. Vielmehr werden in drei Kapiteln, die die Perspektiven zunehmend verschränken, spezifische Situierungen des Auftretens und deren Fluchtlinien ausgelotet. Die einzelnen Kapitel sind jeweils in zwei komplementäre, mit Verben überschriebene und damit die praxeologische Perspektive unterstreichende Teile gegliedert, die die Ambivalenz von dem, was ich hier als Dragging bezeichne, in mein Schreiben übertragen. Einstieg und Ausklang akzentuieren oft als komplizitär gelesene, ambivalente, unheroische Auftrittsformen. Sie liefern den Ausblick auf die Möglichkeit anderer als der herrschenden Verhältnisse — »gesturing toward a scene located elsewhere«, wie es Elizabeth Maddock Dillon im Blick auf »people out of doors«35 einer transatlantisch nachlebenden kolonialen Welt formuliert. Gerade solche Formen öffentlichen Erscheinens ermöglichen es vielleicht in der Tat, den decreolizing trajectories36 zu begegnen, die auch heute den rechten Diskurs bestimmen.

Dirty Dragging beginnt dort, wo sich unterschiedliche Kolonialgeschichten überlagern, um deren Fortleben im Kontext der Apartheid zu untersuchen. Gerade mit Blick auf das südafrikanische Kap nämlich lässt sich das Nachdenken über Queering und Kreolisierung verflechten. Im ersten Kapitel geht es daher zunächst um das Theoriepotenzial einer Aufnahme, einer getanzten Drag-Szene, in der früheren Hafengegend von Cape Town (I. Apartheid). Sie ermöglicht es, Dragging als ›mindere‹, in diesem Sinn dreckige mimetische Auftrittsform vorzustellen, weil sie den bewegten Körper nicht auf dessen individualisierte Repräsentationsfunktion reduziert.37 So macht sie auf das Potenzial des Auftretens aufmerksam, sich zum politischen und historischen Kontext in Beziehung zu setzen:auf das Potenzial von Dragging als einer performativen Praxis, die um die mitgeschleppte Umgebung weiß und sich den trennungspolitischen Territorialansprüchen durch das Apartheidregime widersetzt. Die Szene verweist, wie sich zeigen wird, von Drag im engeren Sinn auch auf einen spezifischen, zeitgenössische massenkulturelle Darstellungsformen in den Karneval übersetzenden, ›indigenisierenden‹ Gebrauch von Blackface und macht diesen im Kontext sich überlagernder Kolonialgeschichten lesbar.38 Entsprechend erweitert dieses Kapitel den Drag-Begriff über dessen geschlechterpolitische Dimension hinaus. Dabei arbeitet es wie gesagt mit andernorts oft ausgeblendet bleibenden südafrikanischen Beiträgen zur aktuellen Kreolisierungsdebatte; denn diese Beiträge ermöglichen produktive Denkbewegungen, die weiterführen als die ›Anwendung‹ queerer oder dekolonialer Theorien aus dem Globalen Norden auf die früher so genannte Peripherie. So wird das Südafrika-Kapitel auch zur Grundlage der folgenden Lektüren, ›kreolisiert‹ mithin die Perspektive auf Dragging unter NS und Jim Crow.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Kehrseite der zunächst akzentuierten Auftrittsformen: mit der Abwertung entsprechender Darstellungen im Zusammenhang faschistisch-identitärer Differenzproduktion (II. NS). Ich gehe Bildern nach, die ›die anderen‹ mittels Entstellung — in Drag, in Blackface — fingieren, effeminieren und über antisemitisch aufgeladene Äquivalenzketten des vermeintlich Dreckigen operieren. Dabei versucht dieses Kapitel, die Divergenz zwischen dem Angriff auf die zeitgenössisch globalisierte Massenkultur durch die Nazis und deren exotisierenden, kolonialrassistischen Spektakeln darzulegen. So erst lassen sich die widersprüchlichen Voraussetzungen volksgemeinschaftlicher Fiktionen, deren männerbündische Darstellungen etwa in propagandistischen Massenspielen und deren volkskundlich fabulierte Genealogien genauer bestimmen. Im zweiten Kapitel geht es also um nationalsozialistische Erfindungen von Fremdem und Eigenem unter dem Eindruck einer schon kreolisierten Massenkultur.39 Hier zeigen sich die Fallstricke heute nachlebender essenzialistischer Behauptungen — der Berufung auf Blutsverwandtschaft oder auf die Verwurzelung im Boden; zugleich aber deutet das Kapitel auf bislang eher unterbelichtete Allianzpotenziale und korrespondierende Kulturtechniken von Leuten hin, die mit Zwangsmigration konfrontiert beziehungsweise als entwurzelt, als herkunftslos markiert sind.

Das dritte Kapitel verschränkt schließlich die Analyse von terroristischen, regierungspolitischen und sich der herrschenden Segregation entziehenden Auftrittsformen (III. Jim Crow). Hier wird das Nachdenken über die konträren Mobilisierungen des Performativen zusammengeführt, denen die ersten beiden Kapitel noch aus gegensätzlichen Blickwinkeln gewidmet sind. Die Beziehung von irregulärer Gewalt, hegemonialer Politik und Karnevaleskem adressierend, geht es nun um gegensätzliche maskierte südstaatliche Meuten in Drag und um die transozeanischen Verflechtungen, die ihre Auftrittsformen mitschleppen.40 Das Kapitel handelt von marodierenden Vigilantes, den öffentlichen Raum spektakulär besetzenden High Societies im Elitenkarneval und lose durch die Back Streets tanzenden Leuten im kreolisierten Mardi Gras von New Orleans.Als Hafenstadt nämlich verbindet New Orleans nicht nur den US-Süden mit dem Norden, sondern auch die USA über die Karibik mit dem Kap. Durch die Arbeit am Material hindurch fragt das Kapitel sowohl nach globalgeschichtlichen Bezügen als auch nach der Aktualität der jeweiligen karnevalesken Auftrittsformen und nimmt dabei auf die politische Gegenwart und deren mediales Gefüge Bezug. Hierzu greife ich schließlich das vorher diskutierte Material erneut auf, um es zunehmend zu verflechten, mithin um Dragging in seiner Ambivalenz und seiner Potenzialität lesbar zu machen und so bislang ausgeblendete diachrone wie synchrone Fluchtlinien ins Spiel zu bringen.

Durch die Geschichte von Terror und Kontrolle hindurch komme ich entsprechend — mit offenem Ausgang, also dezidiert ohne einen zusammenfassenden Schluss zu liefern — wiederum bei widerstreitenden Formen des dirty Dragging an. Unter den gegebenen Bedingungen rufen sie, wie sich schließlich zeigen wird, trotz allem das Glück anderer Beziehungsweisen41 auf — auch über den lokalen Kontext hinaus. Dieses von Saidiya Hartman in verwandtem Zusammenhang so genannte, temporär aufscheinende, hydraartige Performing (an) Otherwise setzt den Widerstreit gegen die Verhältnisse immer wieder neu in Szene.42 Ein nichtidentitäres, ansteckendes Wissen über inszenierte ›Oddkinships‹43 vor Augen führend, schleppt es nichtgenealogische Beziehungsweisen mit. So trägt es dazu bei, die Möglichkeit zukünftiger, bislang unvorstellbarer, multidirektionaler Bezugnahmen aufeinander erinnerbar zu halten, um die Verhältnisse vielleicht irgendwann doch noch zum Tanzen zu bringen.

Endnoten


  1. Gilmore, Golden Gulag, 2007: 242.↩︎

  2. Vgl. Baroni, Drag, 2012: 191. Zur Etymologie von Drag vgl. auch McGlotten, Dragging, 2021: 7-8; Senelick, Changing Room, 2000: 279. Zur neuerlichen Konjunktur der Drag-Forschung vgl. Heller, Queering Drag, 2020; Khubchandani, Decolonize Drag, 2023; Schrödl/Striewski, Drag, 2025 sowie — in Verbindung mit Dirty Dragging — Annuß/Weiner, Facing Drag, 2025.↩︎

  3. Zur Etymologie des Hörensagens vgl. Förstermann, Volksetymologie, 1852.↩︎

  4. So Lorber, Preface, 2004: xv. ↩︎

  5. Siehe Vorüberlegungen in Annuß, Dirty, 2022; Alienating, 2023. Zum performativen Verflechten vgl., anders akzentuiert, auch Fischer-Lichte et al., Interweaving Performance Cultures, 2014.↩︎

  6. Zum Transbegriff als »fleshly insistence of transitivity« siehe Halberstam, Trans*, 2018: 136. Vgl. zur Ablösung von Drag durch pharmakologisches Transing Preciado, Testo Junkie, 2013, »The Drag King Plan of Action«: 364-380; siehe auch Letter, 2018; Apartment, 2020; Learning, 2020. Zur Trans-Kritik an der binären Rahmung von Drag-Konzepten vgl. aus unterschiedlichen Perspektiven Heller, Queering Drag, 2020; Stokoe, Reframing Drag, 2020; zur Kritik der Kritik Stryker, (De)Subjugated Knowledges, 2006. ↩︎

  7. Butler, Gender Trouble, 1990: 146 — auf Esther Newtons Mother Camp. Female Impersonators in America (1979) verweisend; zur zeitgenössischen materialistischen Kritik vgl. Annuß, Umbruch, 1996/The Butler-Boom, 1998. Butler selbst revidiert ihre Perspektive im Vorwort von 1999: xxiii; siehe auch Bodies That Still Matter, 2021: 191. Zum queeren Gestus von Drag vgl. Heller, Queering Drag, 2020: 33; als »collapsing of a border-line« vgl. Weiner, Out of Line, 2019: 52. Zur vorbürgerlichen Etymologie von »queer« vgl. Oxford English Dictionary, 2014; zur korrespondierenden Umschreibung transversaler Perspektiven Muñoz, Disidentifications, 1999: 31; Lorey, Demokratie, 2021. Zur US-aktivistischen Begriffsgeschichte in den 1990er-Jahren und deren internationaler Ausstrahlung vgl. Bala/Tellis, Global Trajectories, 2015; globale queertheoretische Perspektiven zusammenfassend: Laufenberg, Queere Theorien, 2022: 209-242; zur Kritik Hoad, Mythology, 2015. ↩︎

  8. Vgl. Conrad, Globalgeschichte, 2013/What Is Global History?, 2016; Osterhammel, Verwandlung der Welt, 2020.↩︎

  9. Klein, The Shock Doctrine, 2007. ›Anti-Genderismus‹ und autoritäre Wende des Neoliberalismus rejustieren möglicherweise auch bisherige Kritiken an Homonationalismus und Pinkwashing (Farris, In the Name, 2017; Puar, Terrorist Assemblages, 2007); vgl. hierzu Raz Weiners aktuelles Forschungsprojekt The Pink Wash-Out (mdw) sowie On Arab Masquerades and Necropolitics, 2025. Siehe zum gegenwärtigen Backlash und seiner Karnevalisierung bereits Annuß, Affekt und Gefolgschaft, 2023; Populismus und Kritik, 2024; Notes on Facing Drag, 2025. Zur aktuellen Reperspektivierung von Faschismus vgl. Toscano, Late Fascism, 2023.↩︎

  10. Zum Karnevalesken als Transgressionspraxis, die die zeitliche Begrenzung des Karnevals überschreitet, vgl. Godet, Behind the Masks, 2020: 3. Vgl. auch Nyong’os Unterscheidung zwischen Karneval und dem kommodifiziert Karnevaleskem der Minstrel Shows (Amalgamation Waltz, 2009: 108).↩︎

  11. Vgl. Lott, Blackface from Time to Time, 2025; anknüpfend an Sieg, Ethnic Drag, 2009. Als »›racial cross-dressing‹« bezeichnet auch Chude-Sokei Blackface in The Last »Darky«, 2006: 38. Die Figur sei »metonymic, not metaphoric, (…) a doppelganger, but one which haunted whiteness, not blackness.« (33) Zur frühen Verknüpfung von Drag und Blackface vgl. Johnson, Gender Trumps Race?, 2009.↩︎

  12. Gubar, Racechanges, 1997: 56.↩︎

  13. Balke, Mimesis zur Einführung, 2018: 16.↩︎

  14. Zur Ambivalenz von Drag vgl. bereits die Einleitung von Schacht/Underwood in The Drag Queen Anthology, 2004: 1-17. Zur Komplizitätsforschung vgl. Lebovic, Complicity and Dissent, 2019.↩︎

  15. Zum gendertheoretischen Reflexionspotenzial des Karnevals vgl. Simões De Araújo, Carnival, Carnival, 2023: 201.↩︎

  16. Zum Kreolisierungsdiskurs vgl. Glissant, Introduction, 1996; Poetics of Relation, 1997, *1990; im südafrikanischen Kontext: Erasmus, Creolization, 2011; im europäischen: Rodríguez/Tate, Creolizing Europe, 2015 (Introduction); Gutiérrez Rodríguez, Archipelago, 2015; Hall, Créolité, 2015; im deutschsprachigen: Müller/Ueckmann, Kreolisierung Revisited, 2013; Jour Fixe Initiative Berlin, Kreolische Konstellationen, 2023; siehe auch Stam/Shohat, Race in Translation, 2012: 299; im frankofonen Zusammenhang: Vergès, Creolization and Resistance, 2015. Das Verhältnis von Kreolisierung, multidirektionalen Adaptionsprozessen und moderner Gouvernementalität adressieren, den einseitigen Fokus auf das Plantagensystem und entsprechende Romantisierungen des Vormodernen in bestehenden Kreolisierungsstudien kritisierend, Crichlow/Northover, Globalization, 2009.

    Vgl. auch Samir Amin zum »right to be similar« (Specters of Capitalism, 1998: 42) sowie verwandte Überlegungen zur Transkulturalisierung, etwa die Arbeiten von Fernando Ortiz, 1995. Zur Ablösung des Ähnlichkeits- durch das Identitätsdenken und die Hypostase von Differenzen in der bürgerlich-europäischen Kultur vgl. — die kolonialen Implikationen aussparend — auch Foucault, Ordnung der Dinge, 1974 (*1966), hier: 82. Zur Kritik an postkolonialen Alteritätsbehauptungen und den Fallstricken von Umkehrdiskursen vgl. Koschorke, Ähnlichkeit, 2015, in Bhatti/Kimmich, Ähnlichkeit; Kimmich, Ins Ungefähre, 2017.↩︎

  17. So auch Gilroy mit Blick auf Südafrika: »The appeal of security and the related appearance of gated and secured residential spaces are two components of this larger change. The proliferation of service work and the reappearance of a caste of servile, insecure, and underpaid domestic laborers, carers, cleaners, deliverers, ­messengers, attendants, and guards are surely others. The segmentation and casualization of employment, health, and dwelling are the foundations on which these aspects of the privatization and destruction of the civic order have come to rest.« (Postcolonial Melancholia, 2005: 45) ↩︎

  18. Zur deutschen Kolonialgeschichte im früheren Deutsch-Südwest, dem heutigen Namibia, und dem soziozidalen Einsatz der Schutztruppe gegen die lokale Bevölkerung — Herero, Nama und San, vgl. Zimmerer/Zeller, Völkermord, 2003. Zur daraus resultierenden Form einer Art Militär-Dragging der Herero vgl. Henrichsen/Selmici, Schwarzkommando, 1995.↩︎

  19. Braidotti bestimmt Transposition als »cross-boundary or transversal transfer, in the sense of a leap from one code, field or axis into another (…). Central to ­transpositions is the notion of material embodiment (…).« (Transpositions, 2006: 5). Zum Repertoire als verkörperter Wissensvermittlung durch »performances, gestures, orality, movement, dance, singing — in short, all those acts usually thought of as ephemeral, nonreproducible knowledge«, mithin im Unterschied zu den »supposedly enduring materials« des Archivs, siehe Taylor, Archive, 2003, hier: 19-20.↩︎

  20. Von »Umgebungswissen« spricht Sprenger in Epistemologien des Umgebens, 2019; ich beziehe mich hier allerdings mit Sánchez Cedillo (Dieser Krieg, 2023: 15) auf ­Guattaris Bestimmung von drei verflochtenen Ökologien — Umwelt, Soziales/Gesellschaft und Subjektivierung: Die drei Ökologien, 2012. Zur feministischen Auseinandersetzung mit der Situiertheit von Wissen vgl. Haraway, Situated Knowledges, 1988.

    Meine Perspektive ist auch bestimmt von der deutschsprachigen Diskussion um die Bedingungen des Auftretens sowie um den theatralen Chor als aus der Umgebung kommender Begleitfigur mit ihrem Potenzial der Raumspende; vgl. Haß, Kraftfeld Chor, 2020: 10, 16; Woher kommt der Chor, 2012; Without Beginning or End, 2023; Kirsch, Chor-Denken, 2020; Menke/Vogel, Flucht, 2018; Vogel/Wild, Auftreten, 2014; Vogel, Aus dem Grund, 2018; siehe darüber hinaus Matzke et al., Auftritte, 2015; van Eikels, Die Kunst des Kollektiven, 2013 sowie die von mir (mit-)herausgegebenen Special Issues: Choral Figurations (Germanic Review 98.2, 2023), kollektiv auftreten (Forum Modernes Theater 28.1, 2013); Volksfiguren (Maske & Kothurn 2, 2014)

    Zu vergesellschaftungstheoretischen Reperspektivierungen des Environmentalen vgl. Altvater, Kapital und Anthropozän, 2017; Darian-Smith, Global Burning, 2022; Hörl, The Environmentalitarian Situation, 2018; Malm, How to Blow Up a Pipeline, 2020; Corona, 2022; Moore, Capitalism in the Web of Life, 2015. ↩︎

  21. Zur Flucht- als Deterritorialisierungslinie vgl. im Gegensatz zu genealogischen Stammbäumen Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus, 1992: 19; Glissant, Poetics of Relation, 1997: 28.↩︎

  22. Vgl. Erasmus, Coloured by History, 2001; Contact Theory, 2010; Creolization, 2011; Nation, 2015; Race Otherwise, 2017; »Race«, 2018; Who Was Here First?, 2020; Caribbean Critical Thought, 2025.↩︎

  23. Vgl. Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus, 1992; anknüpfend Braidotti, Nomadic Theory, 2011.↩︎

  24. Siehe Garfinkel, Ethnomethodology, 1967.↩︎

  25. »›The crime of apartheid‹ means inhumane acts (…) committed in the context of an institutionalized regime of systematic oppression and domination by one racial group over any other racial group or groups and committed with the intention of maintaining that regime«, so das Rome Statute, Article 7h, des International Criminal Court von 2002 (https://legal.un.org/icc/statute/99_corr/cstatute.htm; 11. September 2024). Dem geht bereits eine völkerrechtliche Auseinandersetzung voraus: »Als Apartheid wird jede institutionalisierte Form einer Politik der Rassentrennung zur Unterdrückung einer Rasse durch eine andere bezeichnet« (Triffterer, Bestandsaufnahme zum Völkerrecht, 1995: 191). Zur südstaatlichen US-Segregation als spatial apartheid vgl. Regis, Second Lines, 1999: 475. Die Aushöhlung des Begriffs durch solche Transpositionen kritisiert demgegenüber Posel, The Apartheid Project, 2011.↩︎

  26. Zur rechtlichen Problematik vgl. Genozid in Gaza? Fragen und Antworten zum rechtlichen Hintergrund und aktuellen Entwicklungen, ein laufend aktualisiertes Papier des European Center for Constitutional and Human Rights (https://www.ecchr.eu/fall/keine-deutschen-waffen-nach-israel/). Siehe auch die juristischen Ausführungen von Wolfgang Kaleck im Rahmen der Bundespressekonferenz vom 29. November 2024 (www.nachdenkseiten.de/?p=125587; 12. September 2024). Zur Frage der Instrumentalisierung von Antisemitismusvorwürfen vor allem im deutschsprachigen Kontext vgl. Frey, Gegen Antisemitismus und seine Instrumentalisierung (https://www.jacobin.de/artikel/antisemitismus-instrumentalisierung-nahostkonflikt-isreal-palastina); Ullrich et al., Was ist Antisemitismus?, 2024. ↩︎

  27. Zur Differenz zwischen Identität und Subjektivierung siehe Braidotti: »Whereas identity is a bounded, ego-indexed habit of fixing and capitalizing on one’s selfhood, subjectivity is a socially mediated process of relations and negotiations with multiple others and with multilayered social structures.« (Nomadic Theory, 2011: 4) Zur Selbstregierungskunst als Subjektivierungsform vgl. Foucaults Geschichte der Gouvernementalität (2004), zum Neoliberalismus bereits Vorlesung 10 in Band II: Die Geburt der Biopolitik, 2004: 331-366; siehe auch Kritik des Regierens, 2010; Die Regierung der Lebenden, 2014; vgl. zudem die Einleitung von Bröckling et al., Gouvernementalität, 2000.↩︎

  28. Vgl. de Mans Kritik nachträglicher, Evidenz stiftender Identifizierungen im Prozess des Verstehens, die er als autobiografisch bezeichnet (Autobiography, 1979). ↩︎

  29. Vgl. Wiedemann, Schmerz, 2022; siehe auch Bruns’ Vorschlag, »to associate different forms of racism as closely connected« (Antisemitism, 2022: 47), und Rothberg, Multidirectional Memory, 2009.↩︎

  30. Zur internationalistischen Erweiterung feministisch-materialistischer Kritik (Casale, Subjekt, 2014; Fraser, Progressive Neoliberalism, 2016; Klinger, Troubled Times, 2014; Lorey, Von den Kämpfen aus, 2011; Roldán Mendívil/Sarbo, Diversität, 2022; Soiland, Verhältnisse 2012) siehe etwa die breite Rezeption von Gago, Feminist International, 2020; Gago et al., 8M, 2018.↩︎

  31. Dort, wo sie für den Argumentationsgang notwendig sind, werden mithin auch invektive Bilder gezeigt und diskutiert; das impliziert die Gefahr, Besonderungen zu verdoppeln; vgl. Axster, Koloniales Spektakel, 2014; Hartman, Scenes of ­Subjection, 1997: 3; Schaffer, Ambivalenzen der Sichtbarkeit, 2008. Die ausgewählten Bilder nicht zu zeigen aber würde zugleich bedeuten, ihre Gemachtheit nicht offenzulegen, ihnen damit eine potenzierte Wirkmacht zuzuschreiben und der Gegenseite das Feld zu überlassen. Zum historischen Gepäck des Sammelns und der Archive vgl. Azoulay, Potential History, 2019.↩︎

  32. Zur ›Stummheit der Fotografie‹ vgl. Krauss, Das Photographische, 1998: 15.↩︎

  33. Zur allegorischen Temporalität und den Allegorien des Lesens vgl. de Man, Allegories, 1982. Über »a desire for bodies to touch across time«, schreibt Dinshaw in Getting Medieval, 1999: 3; siehe auch Dinshaw et al., Theorizing Queer Temporalities, 2007: 178. Mit Blick auf den Tanz als ›schlepping the traces of the past‹ vgl. Foellmer (What Remains of the Witness?, 2017).↩︎

  34. Vgl. Freeman, Time Binds, 2010; mit unterschiedlichen Akzentuierungen auch Boudry/­Lorenz, Temporal Drag, 2011; Dinshaw et al., Theorizing Queer Temporalities, 2007; Edelman, No Future, 2004; Ehrentraut, Transtemporal Making Out, 2025; ­Farrier, Playing with Time, 2015; Hacker, Queere Zeitlichkeit, 2018, Muñoz, Cruising Utopia, 2009, sowie, die Korrespondenzen zum benjaminschen Geschichtsverständnis (Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, 1991, I.2: 691-704) betonend: ­Ferguson, Aberrations in Black, 2004; siehe auch Queer of Color Critique, 2015. Die Verwandtschaft mit Glissants Vorstellung von karnevalesker Zeitlichkeit zeigt sich in Poetics of Relation, 1997: 64; siehe auch Nyong’o, Amalgamation Waltz, 2009: 135-165 (Carnivalizing Time). Zur »imperial time« als Gegenmodell vgl. McClintock, Imperial Leather, 1995: 10.↩︎

  35. Dillon, New World Drama, 2014: 50, 13. Zur relationalen Bestimmung des ›Anderswo‹ vgl. Plath, Hier und anderswo, 2017: 520.↩︎

  36. So Gordon, Creolizing Political Theory, 2014: 195; körperliches Auftreten akzentuierend: 175.↩︎

  37. Vgl. zur ›minderen Mimesis‹ Balke, Ähnlichkeit und Entstellung, 2015; Mimesis, 2018; mit Linseisen, Mimesis Expanded, 2022. Zur exzessiven Dimension des Mimetischen siehe bereits Benjamin, Über das mimetische Vermögen, 1991, II.1: 210-213; Lehre vom Ähnlichen: 204-210. ↩︎

  38. Vgl. zum Begriff der Indigenisierung als lokaler Appropriation, auf Sylvia Wynter Bezug nehmend, Erasmus, Caribbean Critical Thought, 2025; zur Kritik an Indigenitätsideologien, Who Was Here First?, 2020.↩︎

  39. Es bringt meine bisher getrennten Arbeiten zu NS und postkolonialen visuellen Politiken zusammen; vgl. exemplarisch Annuß, Stagings, 2009; Afterlives, 2011; Für immer, 2011; Volksschule, 2019.↩︎

  40. »Meute«, aus dem Französischen entlehnt, umschreibt eine bewegte, ungeordnete Ansammlung; zur Figur vgl. Canetti, Masse und Macht, 1980: 99; als »Form gemeinsamer Erregung«: 101. Zum Rhizomatischen der Meuten und ihrer Ansteckungskraft vgl. auch Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus, 1992: 332, 491. ↩︎

  41. Siehe Adamczak, Beziehungsweise Revolution, 2017. ↩︎

  42. »Waywardness (…) is the practice of the social otherwise, the insurgent ground that enables new possibilities and new vocabularies; it is the lived experience of enclosure and segregation, assembling and huddling together.« (Hartman, Wayward Lives, 2020: 227-228) Vgl. zur entsprechenden Metaphorik auch Erasmus, Race Otherwise, 2017. Zur lumpenatlantischen, vielköpfigen Hydra, dem Sternbild der Seefahrenden, vgl. Linebaugh/Rediker, Hydra, 2000: 353. ↩︎

  43. Zu Oddkinships, irregulären Verwandtschaften, siehe Haraway, Staying, 2016.↩︎