DEMAGOGIE - Populismus kritisieren

Der Begriff ‚Demagogie‘ hat eine wechselvolle Geschichte und ist eng verknüpft mit den Evolutionen demokratischer Staatlichkeit seit der Attischen Polis: Bezeichnet ‚Demagogie‘ zunächst das grundsätzliche Prinzip eines Sprechens des Einen für die Vielen, so erfolgt erst spät eine Konkretisierung im Bild der charismatischen Hetze, die gesellschaftliche Krisenmomente zuspitzt, funktionalisiert oder überhaupt erst konkretisiert. Ausgehend von der Annahme, dass demagogische Momente grundlegend sind für demokratische Kommunikation, will mein Vortrag den Begriff auf dem Umweg über seine Geschichte formalisieren und ein Modell von Demagogik entwickeln, das Praktiken und Taktiken hinter der Figur der: Demagog:in beschreibbar macht. Demagogik ist raumeinnehmend und bildgebend, indem sie ein personales Interface für distribuierte, komplexe Entscheidungsprozesse anbietet: Demagogen entscheiden nicht, sie figurieren Entscheiden.Demagogen sprechen auf der Agora, der Sammelstelle des Demos von Athen; Demagogos ist, wer hier seine Stimme erhebt und den Demos in Bewegung setzt. Die attische Figur des demagogos ist auf das Prinzip der gleichen Rede, isegoria bezogen: ein Handlungsmodell von Öffentlichkeit, das (anders als der schillernde Begriff ‚Parrhesia‘) für die Philosophie der Moderne nie besonders interessant geworden ist. Das Recht jedes Bürgers, öffentlich vorzutreten und zu sprechen, konkretisiert die Agora als Ort der politischen Szene. Doch Attische Demagogie ist exklusiv. Ihre Agora ist ein Erscheinungsraum, in dem Frauen, Kinder, Metöken und Sklaven nicht vorkommen. Dass ‚Agora‘ zuallererst der Markplatz ist, auf dem Demos und Bevölkerung, die aus der Fremde und die von hier, politische und oiko-nomische Handlungsweisen sich mischen, ist in dieser Redeordnung irrelevant. Zurückgelesen auf den ökonomisch-politischen Doppelsinn der Agora impliziert das ison (‚gleich-‘) in isegoria eine grundsätzliche Verunsicherung. Isegoria ist nicht nur das gleiche Rechts aller auf öffentliches Zuwortkommen, sondern auch das Rederecht in einer Gruppe aus Gleichen. Insofern aber impliziert sie Abschließung und Grenzziehung, gar eine Form von Gleichschaltung, die jene ausschließt, die sich dem gemeinsamen Prinzip des je personalen Redens nicht zuordnen.Das vorgeschlagene Modell von Demagogik als Sprechweise und Verfahren greift diese Verunsicherung auf: Demagogik, so die Argumentation, setzt Grenzräume als Erscheinungsräume voraus, von denen aus sie (teichoskopisch) von einem Außerhalb berichtet und ein angesprochenes Wir stabilisiert. Insofern ist Demagogik ein szenologisches Prinzip.

Hauptgebäude
Bauteil K
Obergeschoss
Raum K0101

Vortragende*r: Julia Stenzel

Programm

Julia Stenzel ist derzeit Vertretungsprofessorin für Theaterwissenschaft an der LMU München und seit 2012 Juniorprofessorin für Theaterwissenschaft an der JGU Mainz. 2019 war sie als Gastprofessorin für Religion und Gesellschaft am FIW Bonn tätig. In ihrer Habilitation (München, 2017) befasste sie sich mit der Transformation des Attischen Theaters im langen 19. Jh. Sie wurde 2007 an der LMU München promoviert, wo sie 2003 ihr Studium abschloss. Stenzel ist Alumna des Jungen Kollegs der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, dem sie 2016 als Sprecherin vorstand. Zusammen mit Jan Mohr (Mediävistik, LMU München) leitet sie seit 2017 ein DFG-Forschungsprojekts zu Oberammergau und seinem Passionsspiel. 2019 kuratierte sie zusammen mit der Michael Cacoyannis Foundation, Athen, unter dem Titel ‚Ancient Theatre and the Political‘ ein internationales wissenschaftlich-künstlerisches Forum. Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Theater, Religion und Gesellschaft in globaler Perspektive, Theater - Medien - Theorie, Modelle der Theaterhistoriographie; Theater, Literatur und Philosophie im europäischen 19. Jh., Pluralisierung der Antike in der Moderne, Theatralität des Mittelalters und Medievalism. Derzeit Vorbereitung eines Forschungsprogramms zu Demagogik als räumlicher und körperlicher Praxis sowie zur Verflechtungsgeschichte religiöser und ästhetischer Erscheinungsräume in Europa und Iran.



 

 

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