LEITPRINZIPIEN


Das MMRC erkennt unterschiedliche Zugänge zur Erforschung von Musik und Minderheiten an. Aktuell orientiert sich das Forschungszentrum an diesen Leitprinzipien:

Engaged ethnomusicology

Es gibt unterschiedliche Definitionen von Engaged/Applied Ethnomusicology. Am MMRC sehen wir Engaged Ethnomusicology als philosophischen Ansatz in der Erforschung von Musik und Kultur, der soziale Verantwortung und soziale Gerechtigkeit als wesentliche Ziele verfolgt. In der Praxis sucht eine derart engagierte Forschung nach Möglichkeiten, auch außerhalb des universitären Bereiches eine Zuhörer_innenschaft zu finden. Sie möchte zur Verringerung von Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Gewalt durch den Einsatz von kulturellen Ausdrucksformen, insbesondere Musik, beitragen. So ermöglicht Engaged Ethnomusikology die Förderung dessen, was von allem Anfang an das Anliegen der ethnomusikolgischen Minderheitenforschung war: Diskriminierungen zu bekämpfen, Respekt zu fördern und die Gesellschaft insgesamt durch die Erforschung von Musik zu beeinflussen. Das MMRC beabsichtigt, in einem breiteren sozialen Bereich zu agieren, in Bezug zu den Dynamiken in der österreichischen Gesellschaft insgesamt und auch auf internationaler Ebene – in Richtung verschiedener sozialer Akteur_innen wie Politiker_innen und Entscheidungsträger_innen und ebenso einer breiteren Öffentlichkeit.


Dialogische Wissensproduktion

Während das angesprochene Prinzip die Frage stellt, wer von ethnomusikologischem Wissen profitiert, stellt sich als nächste Frage, wie dieses Wissen produziert werden soll. In dieser Hinsicht ist die ethnomusikologische Methodik spezifisch: Etnomusikolog_innen arbeiten mit Menschen und mit deren Musik, um einerseits zu verstehen, wie diese Musik funktioniert, und andererseits, und um Wissen darüber zu produzieren. Das MMRC versteht Feldforschung als einen Prozess, der unterschiedliche mitgebrachte knowledges umfasst – das Wissen der Forschungspartner_innen ebenso wie jenes der Forscher_innen. In einem kollaborativen Ansatz bringen alle beteiligten Personen zum Ausdruck, was sie beizutragen bereit sind. Unterschiedliche Perspektiven auf Wissensproduktion werden unter Einbeziehung aller Akteur_innen verhandelt. In diesem Sinne bleiben die Ergebnisse und Formate, die aus dem Forschungsprozess resultieren, Gegenstand kontinuierlicher Auseinandersetzung. Dies ist die Vision des MMRC hin zu dialogischen Wegen der Wissensproduktion mit dem Ziel, die hierarchische Unterscheidung zwischen Forscher_innen und „Forschungsobjekten“ zu verwischen und letztendlich aufzulösen.


Machtungleichgewichten entgegenwirken

Es besteht das Bewusstsein, dass es Strukturen gibt, die Machtungleichgewichte und Hegemonie erzeugen und aufrechterhalten, beispielsweise struktureller Rassismus, Kolonialismus und Heteronormativität, auch in musikalischen Zusammenhängen. Das Forschungszentrum denkt ethnomusikologische Theorien und Methoden neu, um Zugänge, die solche Strukturen stützen, sichtbar zu machen und zu vermeiden. Wissenschaft wird in enger Zusammenarbeit mit Aktivist_innen und Communities gesehen, indem von diesen Themen vorgeschlagen und gemeinsam neue Lesarten davon entworfen werden. In der Forschung des Zentrums wollen wir unsichtbare Normen aufdecken, die sich aus hegemonialen Konzepten ableiten, und uns damit befassen, wie sie in musikalische Praktiken eingebettet sind.