{"id":9843,"date":"2024-02-27T11:29:32","date_gmt":"2024-02-27T10:29:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=9843"},"modified":"2024-02-27T11:30:24","modified_gmt":"2024-02-27T10:30:24","slug":"musik-als-erinnerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/02\/27\/musik-als-erinnerung\/","title":{"rendered":"Musik als Erinnerung"},"content":{"rendered":"Am Institut f\u00fcr Musikwissenschaft und Interpretationsforschung fand im Wintersemester 2023\/24 eine Ringvorlesung statt, die sich dem Thema Musik als Erinnerung widmete. Expert_innen unterschiedlicher Forschungsdisziplinen thematisierten auf Einladung von Melanie Unseld und Nikolaus Urbanek vielf\u00e4ltige Ph\u00e4nomene von Musik als Erinnerung, um hierbei sowohl an interdisziplin\u00e4re Diskurse der Erinnerungs- und Ged\u00e4chtnisforschung anzukn\u00fcpfen, als auch die Eigenheiten der Musik in ihrer Spezifik zu Wort kommen zu lassen.<\/p>\n<p>Als gemeinhin fl\u00fcchtigste der K\u00fcnste angesehen, ist Musik stets unmittelbar dem Vergessen anheimgegeben \u2013 bereits im Erklingen ist ihr Verklingen angelegt. Offenbar gerade deshalb spielt Erinnerung im Bereich des Musikalischen eine gro\u00dfe Rolle, zahlreiche Praktiken und Techniken wurden entwickelt, um Musik zu erinnern: von oralen Memorier- und Tradierungsk\u00fcnsten bis zu diversen Aufschreibe- und Aufzeichnungssystemen. Was aufbewahrt wird, wer f\u00fcr wen und f\u00fcr welches Wieder-H\u00f6ren aufbewahrt, ist dabei identit\u00e4tsstiftend: Praktiken des Erinnerns erz\u00e4hlen immer auch von Relevanz und Bedeutung, von Verdr\u00e4ngung und \u00dcberschreibung. Musik als Erinnerung zu denken, ber\u00fchrt mithin zahlreiche grunds\u00e4tzliche Fragen von Musikh\u00f6ren und Musikmachen, von Identit\u00e4t und Selbstbildung, von Kanonisierung und Repertoire, von Archiv und kulturellem Ged\u00e4chtnis, aber auch von Vergessen, Verklingen und Verlust. Seit Maurice Halbwachs hat sich in den Kultur-, Geistes-, Sozial- und Neurowissenschaften eine interdisziplin\u00e4re Erinnerungsforschung ausdifferenziert, an die es in Hinblick auf Spezifika des Musikalischen anzukn\u00fcpfen gilt.<\/p>\n<h5>Erinnerung in der Musik<\/h5>\n<p>Figuren erinnernden H\u00f6rens spielen, \u00fcber zeitliche und \u00e4sthetische Grenzen hinweg, in vielen musikalischen Kulturen eine wichtige Rolle: Refrain, Rondo, Reprise, Sampling, Mash-up, Variationen, Leitmotivtechnik, Call-and-Response oder Musiker_innen \u2013 gleich ob improvisierend, komponierend oder interpretierend, samplend oder sammelnd. Dies betrifft Kompositionstechniken ebenso wie Praktiken des Musikmachens, die auf den singenden und musizierenden K\u00f6rper bezogen sind, und wird paradigmatisch in eigenen musikalischen Memoriertechniken greifbar, die nicht nur auf orale Traditionen beschr\u00e4nkt sind.<\/p>\n<h5>Speichermedien und Speicherorte<\/h5>\n<p>Um Musik erinnern zu k\u00f6nnen, bedarf es eines Speichermediums. Dabei bedingen die einzelnen Medien unterschiedliche Formen musikbezogenen Erinnerns, wodurch die Frage aufgeworfen wird, welche Musik mithilfe welcher Medien auf welche Weise erinnert werden kann. Als konkrete Speicherorte fungieren Museen, Archive, Bibliotheken, Datenbanken u.v.m., die mentale Codes erinnernder Gesellschaften (re)produzieren, sodass von ihnen eine besondere identit\u00e4tsbildende und -stabilisierende Kraft ausgeht. Auf diese Weise formieren sich Wissensordnungen, die zur Grundlage von Kanonisierungsprozessen und Ph\u00e4nomenen von Erinnerungskultur werden. Vorhandene, fehlende, verlorene bzw. verlassene Speichermedien und Speicherorte haben gro\u00dfen Einfluss darauf, was wir (nicht) h\u00f6ren, welche Musik uns (nicht) umgibt.<\/p>\n<h5>Kollektive Erinnerung qua Musik: Identit\u00e4t und Geschichte<\/h5>\n<p>Musikalische Erfahrung stellt einen wichtigen Aspekt menschlicher Identit\u00e4tsbildung dar. Individuelle musikalische Erinnerungen (im Sinne einer subjektiven H\u00f6rbiografie) scheinen auch dann noch tief verwurzelt zu sein, wenn Demenz andere Formen des Erinnerns auszul\u00f6schen beginnt. Musik ist damit ein wichtiger Impuls f\u00fcr Selbstbildungsprozesse. Zugleich ist sie ein bestimmendes Medium und h\u00e4lt hohes identifikatorisches Potenzial bereit, wenn es um emotionale Vergemeinschaftung und kollektive Identit\u00e4ten geht. Nicht zuletzt kann Musikgeschichte an Grundfragen von Geschichte und Ged\u00e4chtnis partizipieren: Von Oral History bis memoriksensibler Quellenkritik, aus postkolonialer Perspektive oder entlang einer Geschlechtergeschichte \u2013 die Historiografie befasst sich mit zahlreichen Ph\u00e4nomenen, deren Relevanz f\u00fcr die Musikgeschichte spezifisch auszuloten und mit der Spezifik von H\u00f6rwissen in Verbindung zu bringen sind. So vielf\u00e4ltig die Fragen sind, die an musikbezogene Ph\u00e4nomene des Erinnerns (und Vergessens) herangetragen werden k\u00f6nnen, so eng verbunden sind diese mit Grundsatzfragen von Temporalit\u00e4t. Dabei kann Musik, die gerne als Zeitkunst verstanden wird, sehr unterschiedliche Konzepte von Zeitlichkeit vertreten, kann Zeitlichkeit(en) erfahrbar machen oder kann auf Zeitwahrnehmungen reagieren und vieles mehr. Das Ph\u00e4nomen des Erinnerns greift dabei nicht nur in die Vergangenheit zur\u00fcck, sondern konstituiert sich in der Gegenwart, genauer noch: in den jeweiligen Momenten von Gegenwart.<\/p>\n<p>Vortragende der Ringvorlesung waren Ariane Je\u00dfulat (Universit\u00e4t der K\u00fcnste Berlin), Tobias Robert Klein (Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin), Martin Zierold (Hochschule f\u00fcr Musik und Theater Hamburg), Marie Louise Herzfeld-Schild (mdw), Carolin Stahrenberg (Anton Bruckner Privatuniversit\u00e4t Linz), Anja-Xiaoxing Cui (Universit\u00e4t Wien), Ralf von Appen (mdw) sowie beim abschlie\u00dfenden Roundtable Kerstin Klenke (\u00d6AW), Benedikt Lodes (Musiksammlung der \u00d6sterreichischen Nationalbibliothek) und Rebecca Wolf (Staatliches Institut f\u00fcr Musikforschung, Berlin). Eine Publikation der einzelnen Vortr\u00e4ge ist geplant.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Institut f\u00fcr Musikwissenschaft und Interpretationsforschung fand im Wintersemester 2023\/24 eine Ringvorlesung statt, die sich dem Thema Musik als Erinnerung widmete. 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