{"id":9737,"date":"2024-02-27T15:28:16","date_gmt":"2024-02-27T14:28:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=9737"},"modified":"2024-02-28T12:09:38","modified_gmt":"2024-02-28T11:09:38","slug":"kann-ki-schon-kunst-fuer-alle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/02\/27\/kann-ki-schon-kunst-fuer-alle\/","title":{"rendered":"Kann KI schon Kunst f\u00fcr alle?"},"content":{"rendered":"<h1>Wie k\u00fcnstliche Intelligenz Kunst und Demokratie ver\u00e4ndert<\/h1>\n<h5>Anl\u00e4sslich des Tages der Menschenrechte fand am 11. Dezember 2023 <a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/menschenrechte\/\">an der mdw eine Veranstaltung<\/a> zum Thema Kunst, KI und Demokratie statt. Die Keynote <i>The machine\u2019s obviously not in the mood* \u2013 Wie k\u00fcnstlich (intelligent) ist Kunst und was bedeutet das f\u00fcr die Demokratie?<\/i> hielt Eugenia Stamboliev, promovierte Medienwissenschaftlerin und Technikphilosophin an der Universit\u00e4t Wien.<\/h5>\n<p>Als 1951 die BBC die erste elektronische Musik in der Computing Machine Laboratory in Manchester dokumentiert, wirken die Aufnahmen spielerisch, und kaum einer ahnt, dass der Computer viel ver\u00e4ndern wird.<span id='easy-footnote-1-9737' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/02\/27\/kann-ki-schon-kunst-fuer-alle\/#easy-footnote-bottom-1-9737' title=' &lt;a&gt;https:\/\/shorturl.at\/fhxLW&lt;\/a&gt; (Zugriff 20.\u200a12.\u200a2024)'><sup>1<\/sup><\/a><\/span> Fast 80 Jahre sp\u00e4ter fragen wir uns noch immer: Kann Computer Kunst? Besonders die neuen KI-Plattformen werfen die Frage neu auf. Gef\u00fcttert mit unz\u00e4hligen Daten und Kunstwerken k\u00f6nnen deren KI-Systeme in Sekunden algorithmische Motive erstellen. Das stellt die Autor_innenschaft infrage und verwischt die Grenzen zwischen Werk und Produkt. Es zeigt die Macht von gro\u00dfen Konzernen wie OpenAI, DALL-E oder Midjourney, die sich zwar Rechte an Resultaten vorbehalten, aber visuelle und demokratische Normen dominieren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_9739\" aria-describedby=\"caption-attachment-9739\" style=\"width: 683px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9739 size-large\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/post-1_image0-2-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"683\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/post-1_image0-2-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/post-1_image0-2-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/post-1_image0-2-768x1151.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/post-1_image0-2-1025x1536.jpg 1025w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/post-1_image0-2-1366x2048.jpg 1366w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/post-1_image0-2-850x1274.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/post-1_image0-2.jpg 1423w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9739\" class=\"wp-caption-text\">Eugenia Stamboliev \u00a9 Stephan Polzer<\/figcaption><\/figure>\n<p>Computerkunst war experimentell, warum malt KI nun Rembrandts? Die K\u00fcnstlerin Vera Moln\u00e1r hat bereits in den 1970ern gezeigt, dass der Computer ein spannendes Medium sein kann, obwohl das lange nicht anerkannt wurde. Brauchen wir also nur Zeit, um die Bedeutung von KI als Kunstproduzent_in zu erkennen? KI-Kunst scheint derzeit andere Sorgen zu haben. Gefangen in einem wiederkehrenden Loop aus \u00e4sthetischen Normen, ist es mittlerweile schwer zwischen KI-Kunst und Werbebild zu unterscheiden. Midjourney und DALL-E sind die bekanntesten bildgenerierenden Plattformen, die zum Chaos beitragen. Mithilfe von generativer KI verarbeiten diese Plattformen Anweisungen oder Prompts (Eingabeaufforderungen) und erstellen neue Motive. Ein Problem hierbei ist, dass sie Datens\u00e4tze aus zig Millionen Quellen verwenden und oft entgegen deren Nutzungsrechte. Dabei wird eine erkennbare KI-\u00c4sthetik produziert, die sich gut verkaufen l\u00e4sst, da wir sie leicht als Kunst erkennen. Es gilt hier klar: Rembrandt vor Malewitsch.<\/p>\n<p>Das KI-Portr\u00e4t <i>Edmond de Belamy<\/i>\u00a0des\u00a0K\u00fcnstlerkollektivs Obvious ist ein gutes Beispiel f\u00fcr die Wirksamkeit der alten Patina. Es wurde 2018 als erstes KI-Bild f\u00fcr \u00fcber vierhunderttausend US-Dollar bei Christie\u2019s versteigert. Mittlerweile zehren die meisten KI-Bilder vom k\u00fcnstlerischen Pathos und einem Kitschfaktor, der oft Kunst und KI gleicherma\u00dfen untergr\u00e4bt. Diese Trends sind weder eine Demokratisierung von Kunst noch eine kreative Explosion der KI, mehr ein Kampf um einen Markt<span id='easy-footnote-2-9737' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/02\/27\/kann-ki-schon-kunst-fuer-alle\/#easy-footnote-bottom-2-9737' title=' &lt;a&gt;https:\/\/shorturl.at\/coyHO&lt;\/a&gt; (Zugriff 05.\u200a12.\u200a2023)'><sup>2<\/sup><\/a><\/span>. Es gibt auch ernste Debatten, die \u00fcber die Methoden der KI reflektieren, wie \u00fcber die Promptografie des Fotografen Boris Elgadsen oder in den Videoarbeiten der K\u00fcnstlerin Claudia Larcher. Au\u00dferdem ist die \u00e4sthetische Debatte der bildgenerierenden KI nicht unbedingt die wirklich spannende, viele in der Kunst- und Medienwissenschaft finden die materielle und performative Ebene des Algorithmus kreativer und wertvoller.<span id='easy-footnote-3-9737' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/02\/27\/kann-ki-schon-kunst-fuer-alle\/#easy-footnote-bottom-3-9737' title=' Luciana Parisi, 2013, Contagious Architecture'><sup>3<\/sup><\/a><\/span>\n<p>Aber die KI-\u00c4sthetik ist beliebt, vorbelastet und oft undemokratisch. Sucht man auf Midjourney nach Familienpicknicks, \u00e4hneln die Motive einem OTTO-Katalog der 1950er-Jahre, weniger einer modernen Patchwork-Familie. Will man das verzerren oder \u00e4ndern, dann ist das zwar m\u00f6glich, aber man findet schnell heraus, dass \u00e4sthetische Verzerrungen (durch ein Aufdrehen des \u201eWeirdness\u201c-Levels) pl\u00f6tzlich nicht nur impressionistischer werden wie das Portr\u00e4t des Edmund Belamy, sondern auch diverser, so der Bildwissenschaftler Roland Meyer. Das klingt erstmals gut, ist es aber nicht. Es hei\u00dft nur, dass bildgenerierende KI farbige\/diverse\/nicht heteronormative Menschen und Familien als \u201eweird\u201c definiert. Was \u00e4sthetisch verspielt und inklusiver wirkt, ist demokratisch untragbar. Das wird auch bei Prompts im Englischen erkennbar. Die Suche zu \u201escientist\u201c oder \u201edoctor\u201c ergibt fast nur alte wei\u00dfe M\u00e4nner. Diese Missst\u00e4nde sind ausf\u00fchrlich beschrieben<span id='easy-footnote-4-9737' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/02\/27\/kann-ki-schon-kunst-fuer-alle\/#easy-footnote-bottom-4-9737' title=' Caroline Ciado Perez, 2019, Invisible Women'><sup>4<\/sup><\/a><\/span>. Anstatt das zu \u00e4ndern, schleichen sich diese alte Patina und Konservatismus auch in politische Kampagnen ein.<span id='easy-footnote-5-9737' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/02\/27\/kann-ki-schon-kunst-fuer-alle\/#easy-footnote-bottom-5-9737' title=' &lt;a&gt;https:\/\/shorturl.at\/afzDT&lt;\/a&gt; (Zugriff 06.\u200a01.\u200a2024)'><sup>5<\/sup><\/a><\/span>\n<h5>Raus aus dem alten Datensatz und den Normen<\/h5>\n<p>KI darf uns intellektuell und k\u00fcnstlerisch nicht zur\u00fcckwerfen. Wir sind bereits weiter, oder? W\u00e4hrend der KI-Dirigent (\u201ecomposer\u201c) von Midjourney immer noch ein wei\u00dfer alter Mann ist, ist es auch der Dirigent des Neujahrskonzerts. Oft ist die KI eben nur ein guter Spiegel. Um Stereotypen zu ver\u00e4ndern, braucht es zun\u00e4chst \u00c4nderungen im\u00a0echten\u00a0Leben. Institutionen wie die\u00a0mdw\u00a0tragen ungemein dazu bei, diese Muster aufzubrechen (50 Prozent der Studierenden im Dirigent_innenfach sind mittlerweile weiblich). Dieses Aufbrechen kostet Willen, Zeit und M\u00fche. Wir d\u00fcrfen dabei nicht von KI-Systemen zur\u00fcckgeworfen werden. An dem Punkt kann Kunst \u2013 mit und ohne KI \u2013 vieles bewirken, n\u00e4mlich durch neue R\u00e4ume, neue Narrative und mit neuen Akteur_innen.<span id='easy-footnote-6-9737' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/02\/27\/kann-ki-schon-kunst-fuer-alle\/#easy-footnote-bottom-6-9737' title=' Joanna Zylinska, 2020, AI Art: Machine Visions and Warped Dreams'><sup>6<\/sup><\/a><\/span> Wir k\u00f6nnen durch Technologien wie KI immer beides: den Status quo f\u00f6rdern oder dessen blinde Flecken ausleuchten.<\/p>\n<h5>Hacken wir die KI<\/h5>\n<p>Technologie, Demokratie und Kunst sind eng miteinander verbunden, aber wie gehen wir mit den KI-Vorurteilen oder Abh\u00e4ngigkeiten um? Wir k\u00f6nnen versuchen uns mehr Freiheit zu erk\u00e4mpfen, doch wie? Laut Vil\u00e9m Flusser programmieren wir nicht nur Medien, sondern diese programmieren auch uns. Wir passen uns deren M\u00f6glichkeiten an und vergessen dabei, dass wir auch anders k\u00f6nnen: das Medium umnutzen, aufbrechen, damit spielen oder auch hacken.<span id='easy-footnote-7-9737' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/02\/27\/kann-ki-schon-kunst-fuer-alle\/#easy-footnote-bottom-7-9737' title=' Vil\u00e9m Flusser, 2014, Gestures'><sup>7<\/sup><\/a><\/span> Nur so behaupten wir, so Flusser, unsere Freiheit, besonders die k\u00fcnstlerische. Wenn wir KI\u00a0wirklich\u00a0verstehen wollen, m\u00fcssen wir Wege finden, das Ungewollte ganzheitlich zu adressieren \u2013 technisch, k\u00fcnstlich und demokratisch. Das wird uns einiges an gesellschaftlichem, politischem und k\u00fcnstlerischem Engagement abverlangen, aber das muss es uns wert sein.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des Tages der Menschenrechte fand am 11. Dezember 2023 eine Veranstaltung zum Thema Kunst, KI und Demokratie statt. Die Keynote The machine\u2019s obviously not in the mood* \u2013 Wie k\u00fcnstlich (intelligent) ist Kunst und was bedeutet das f\u00fcr die Demokratie? hielt Eugenia Stamboliev, promovierte Medienwissenschaftlerin und Technikphilosophin an der Universit\u00e4t Wien.<\/p>\n","protected":false},"author":359,"featured_media":9740,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[1453,1480,1479,957],"class_list":["post-9737","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-report","tag-2024-1","tag-ai","tag-ki","tag-menschenrechtstag"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9737","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/359"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9737"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9737\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10009,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9737\/revisions\/10009"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9740"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9737"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9737"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9737"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}