{"id":97,"date":"2016-12-01T11:00:14","date_gmt":"2016-12-01T10:00:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=97"},"modified":"2019-11-29T09:42:29","modified_gmt":"2019-11-29T08:42:29","slug":"am-theater-kann-man-kein-eigenbroetler-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2016\/12\/01\/am-theater-kann-man-kein-eigenbroetler-sein\/","title":{"rendered":"\u201eAm Theater kann man kein Eigenbr\u00f6tler sein\u201c"},"content":{"rendered":"<strong>Beverly Blankenship, Lehrende am Institut f\u00fcr Gesang und Musiktheater der mdw, erz\u00e4hlt im Interview, warum man f\u00fcr den Regieberuf eine Elefantenhaut braucht, wie die Probenarbeit in einem internationalen Ensemble aussieht, was sie von ihren Studierenden gelernt hat und wie sie zum deutschsprachigen Regietheater steht.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Welche Eigenschaften muss man f\u00fcr den Regieberuf mitbringen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Beverly Blankenship (BB):<\/strong> Eine gro\u00dfe Portion \u00dcberzeugung \u2212 man sollte unbedingt Regie f\u00fchren wollen. Damit man stark genug ist, Kritik und R\u00fcckschl\u00e4ge einzustecken. Man muss ein Stehaufm\u00e4nnchen sein, denn man bekommt unweigerlich viel auf den Kopf. Gleichzeitig sind Teamgeist und die Liebe zum Theater oder zur Oper wichtig. Und Neugierde auf die Welt und die Frage, wie transformieren wir diese Welt auf die B\u00fchne. Am Theater kann man kein Eigenbr\u00f6tler sein.<\/p>\n<p><strong>War es fr\u00fcher schwieriger, als Frau anerkannt zu werden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>BB:<\/strong> Es war fast unm\u00f6glich. Als ich zu arbeiten begann, war ich in den meisten H\u00e4usern die erste regief\u00fchrende Frau. Viele Intendanten haben sich gewehrt, wollten lieber M\u00e4nner engagieren. Auch deshalb denke ich, man braucht eine Elefantenhaut. Es ist nat\u00fcrlich mittlerweile f\u00fcr Frauen einfacher geworden und es gibt viele junge, begabte Regisseurinnen. Trotzdem ist dieser Beruf schwierig: Man muss einiges aushalten und dennoch gleichzeitig sensibel bleiben, was die Kunst betrifft. Welche Herausforderung dieser Spagat ist, merke ich auch bei meinen Studierenden. Einige sind sehr begabt, aber ich wei\u00df nicht, ob sie die Kraft f\u00fcr den Job haben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_101\" aria-describedby=\"caption-attachment-101\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-101\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_regieklasse.jpg\" alt=\"Regieklasse\" width=\"1000\" height=\"573\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_regieklasse.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_regieklasse-300x172.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_regieklasse-768x440.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_regieklasse-384x220.jpg 384w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_regieklasse-850x487.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-101\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Theresa Pewal<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Sie erarbeiten gerade die Purcell-Oper King Arthur mit ihrer Regieklasse. Wie gehen Sie vor? Wird lange gemeinsam am Tisch gesessen und geredet oder wechseln sie schnell zu konkreten Probeszenen?<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_102\" aria-describedby=\"caption-attachment-102\" style=\"width: 360px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-102\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_regieklasse2.jpg\" alt=\"Regieklasse\" width=\"360\" height=\"540\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_regieklasse2.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_regieklasse2-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-102\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Theresa Pewal<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>BB:<\/strong> Das macht jeder anders, ich gehe fr\u00fch in die Probenzeit. Auch aus pragmatischen Gr\u00fcnden, denn ich habe viele Studierende, die nicht so gut Deutsch k\u00f6nnen, weil sie aus Japan, Thailand, Korea, Taiwan, Finnland oder Island kommen. Wir sind eine internationale Truppe, da hat es nicht viel Sinn, lange zu reden. Wir diskutieren mit den K\u00f6rpern. Ich habe eine Methode entwickelt, wie wir kommunizieren k\u00f6nnen. Ich sage: \u201eZeig mir, was du denkst, eine Szene oder ein Bild.\u201c Dass man sich um den Tisch schart, ist \u00fcbrigens nur im Schauspiel \u00fcblich, wir sitzen am Anfang rund um ein Klavier.<\/p>\n<p><strong>Wie interpretieren Sie diese Barockoper?<\/strong><\/p>\n<p><strong>BB:<\/strong> Wir haben eine neue, tollk\u00fchne Version erfunden. Die meisten Opern sind monolithisch in Erz gegossen, es gibt kaum\u00a0Chancen, etwas zu ver\u00e4ndern. In der Oper hat man viel weniger Freiheiten als im Theater. King Arthur ist ja eine Semi-Oper, also ein gesprochenes Drama mit gesungenen Szenen. Deshalb dachte ich, damit kann man gut experimentieren.<\/p>\n<p><strong>Fr\u00fcher reichte es, wenn die S\u00e4ngerInnen sch\u00f6n singen konnten, tolle Schauspielleistungen waren die Ausnahme. Mittlerweile hat sich das sehr ver\u00e4ndert.<\/strong><\/p>\n<p><strong>BB:<\/strong> In der Opernklasse lernen die Studierenden, dass sie singen und spielen m\u00fcssen. Ich habe tolle Leute an der Universit\u00e4t und kann ihnen gut helfen, weil ich ja selber Schauspiel studiert und im Theater gearbeitet habe. Ich komme aus einer Operns\u00e4nger-Familie, kenne also beide Seiten der Arbeit, das Spiel und die Regie. Das ist im Unterricht sehr praktisch.<\/p>\n<figure id=\"attachment_105\" aria-describedby=\"caption-attachment-105\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-105 size-full\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_regieklasse4.jpg\" alt=\"Regieklasse\" width=\"800\" height=\"533\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_regieklasse4.jpg 800w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_regieklasse4-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_regieklasse4-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-105\" class=\"wp-caption-text\">Studierende bei den Proben zu King Arthur im Oktober \u00a9Theresa Pewal<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Was haben Sie von der Arbeit mit Studierenden gelernt?<\/strong><\/p>\n<p><strong>BB:<\/strong> RegisseurInnen sind kleine Napoleone: Sie wollen die F\u00e4den in der Hand halten. Durchs Unterrichten habe ich gelernt, dass ich nicht \u00fcberall meine Pranke drauf haben muss. Ich kann loslassen und sagen: \u201eIhr habt Talent, macht einfach. Ich vertraue darauf, dass ihr gute Arbeit leistet.\u201c Bei King Arthur sind zwei meiner Regiestudenten und ich f\u00fcr das Ergebnis verantwortlich. Durch die Studierenden kommt etwas Junges, Frisches auf einen zu, ich lerne ganz neue Welten kennen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_109\" aria-describedby=\"caption-attachment-109\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-109\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_beverly_blankenship2.jpg\" alt=\"Beverly Blankenship\" width=\"300\" height=\"325\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_beverly_blankenship2.jpg 800w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_beverly_blankenship2-277x300.jpg 277w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_beverly_blankenship2-768x831.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-109\" class=\"wp-caption-text\">Beverly Blankenship \u00a9Theresa Pewal<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Wollten Sie immer schon unterrichten?<\/strong><\/p>\n<p><strong>BB:<\/strong> Das hat sich ergeben. Ich habe eigentlich immer unterrichtet, seitdem ich 26 war. Leute haben mich gefragt und nach einer Weile wollte ich es auch, weil es Spa\u00df macht. Oper ist teuer, da ist ein Riesendruck auf der Produktion, deshalb war ein Workshop erholsam. Man wusste, man kann experimentieren, etwas ausprobieren. Viele meiner Regie-Ideen sind an Hochschulen entstanden, an denen ich unterrichtet habe.<\/p>\n<p><strong>Gibt es Unterschiede zwischen dem Unterricht in Europa, den USA oder Australien?<\/strong><\/p>\n<p><strong>BB:<\/strong> Der angels\u00e4chsische Raum ist schon sehr anders. Ich unterrichte eher in diese Richtung, es geht mir um Teamf\u00e4higkeit, Eigenverantwortlichkeit und das Ausprobieren verschiedener Stile. Ich bin in Australien immer erstaunt, wie unabh\u00e4ngig die S\u00e4ngerInnen und SchauspielerInnen sind. Die kommen mit tollen Ideen. Im deutschsprachigen Raum ist die Regie oft \u00fcbersch\u00e4tzt, das Produkt wird zu sehr intellektualisiert. Theater ist doch vor allem ein magischer Ort, wo die Leute zusammen atmen. Das ist in unserer digitalen Welt so kostbar.<\/p>\n<figure id=\"attachment_108\" aria-describedby=\"caption-attachment-108\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-108\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_beverly_blankenship3.jpg\" alt=\"Beverly Blankenship\" width=\"300\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_beverly_blankenship3.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_beverly_blankenship3-200x300.jpg 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-108\" class=\"wp-caption-text\">Beverly Blankenship \u00a9Theresa Pewal<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Aber f\u00fcr starke Konzepte in der Regie ist das deutschsprachige Theater doch in aller Welt ber\u00fchmt.<\/strong><\/p>\n<p><strong>BB:<\/strong> Aber das Konzept gen\u00fcgt nicht, man muss Theater mit Leben f\u00fcllen. Ich glaube nicht, dass die Leute in der Antike unbedingt Antigone sehen wollten. Das St\u00fcck war traurig, da musste man weinen. Das Publikum wurde zwar gequ\u00e4lt, aber nicht verachtet. Es wurde ihm eine Geschichte erz\u00e4hlt. Ich glaube, zentral ist \u2212 egal, wie schwierig ein St\u00fcck oder eine Oper auch sein mag \u2212 dass man die ZuschauerInnen auf eine Reise mitnimmt. Dass sie \u00fcber die Inhalte diskutieren und nicht dar\u00fcber, was die Regie gemacht hat. Konzepte sind schlie\u00dflich nicht das Ziel, sondern nur ein Werkzeug, um sich dem Inhalt zu n\u00e4hern.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Theresa Pewal<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_116\" aria-describedby=\"caption-attachment-116\" style=\"width: 140px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-116\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_theresa_pewal.jpg\" alt=\"Theresa Pewal\" width=\"140\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_theresa_pewal.jpg 400w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/16_12_theresa_pewal-249x300.jpg 249w\" sizes=\"auto, (max-width: 140px) 100vw, 140px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-116\" class=\"wp-caption-text\">Theresa Pewal \u00a9Marie-Louise Sch\u00fctz<\/figcaption><\/figure>\n<p>die in Ausgabe 04\/2016 zwei Fotoshootings f\u00fcr das <em>mdw-Magazin<\/em> gemacht hat, hat an der mdw ihren Bachelor in Instrumental(Gesangs)p\u00e4dagogik (IGP) Blockfl\u00f6te mit Auszeichnung absolviert und studiert derzeit Konzertfach Blockfl\u00f6te am MUK. Hauptberuflich ist sie begeisterte Fotografin. Beide Interessen begleiten sie schon recht lange und lassen sich im Alltag gut kombinieren. \u201eIch brauche beide Leidenschaften, um zu existieren. Sie geben sich die Hand und sorgen stetig f\u00fcr einen nahrhaften Boden.\u201c <a href=\"http:\/\/www.theresapewal.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.theresapewal.com<\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beverly Blankenship, Lehrende am Institut f\u00fcr Gesang und Musiktheater der mdw, erz\u00e4hlt im Interview, warum man f\u00fcr den Regieberuf eine Elefantenhaut braucht, wie die Probenarbeit in einem internationalen Ensemble aussieht, was sie von ihren Studierenden gelernt hat und wie sie zum deutschsprachigen Regietheater steht. Welche Eigenschaften muss man f\u00fcr den Regieberuf mitbringen? 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