{"id":9451,"date":"2023-11-27T11:19:18","date_gmt":"2023-11-27T10:19:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=9451"},"modified":"2023-11-27T13:01:06","modified_gmt":"2023-11-27T12:01:06","slug":"migrierte-musiker_innen-als-forscher_innen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2023\/11\/27\/migrierte-musiker_innen-als-forscher_innen\/","title":{"rendered":"Migrierte Musiker_innen als Forscher_innen"},"content":{"rendered":"<h1>Ein experimentelles Projekt in der Ethnomusikologie<\/h1>\n<p>In der Musikforschung im sogenannten \u201eWesten\u201c sind es Ethnomusikolog_innen, die nach wie vor f\u00fcr jede Art von Musik zust\u00e4ndig sind, die als \u201eau\u00dfereurop\u00e4isch\u201c, \u201etraditionell\u201c (oft im Gegensatz zu Kunst), \u201eandersartig\u201c oder \u201efremd\u201c gilt. Ethnomusikolog_innen schreiben und sprechen auch meist \u00fcber Musik von Menschen, die in global unterprivilegierten Regionen leben oder gesellschaftlich marginalisiert werden. Dies hat seine Wurzeln in der Geschichte einer globalen, kolonialen, wei\u00dfen Vorherrschaft, in der die m\u00e4nnliche, europ\u00e4ische Musikproduktion der Mittel- und Oberschicht als \u201edie h\u00f6chste Kunst\u201c etabliert wurde. Obwohl Ethnomusikolog_innen sich mit ihren Forschungen gegen diese Hierarchie positionieren, bleibt weiterhin die Regel, dass ein privilegiertes \u201eWir\u201c Wissen \u00fcber ein \u201eSie\u201c, \u00fcber \u201eandere\u201c Menschen und ihre Musik produziert.<\/p>\n<p>Das neue Forschungsprojekt <i>Reverse Ethnomusicology: Migrant Musicians as Researchers <\/i>fordert diesen Status quo kreativ heraus. Das Projekt wird am Music and Minorities Research Center (MMRC) in Kooperation mit dem Phonogrammarchiv der \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften und dem Institut f\u00fcr Volksmusikforschung und Ethnomusikologie der mdw durchgef\u00fchrt. Ausgangspunkt des Projekts war die auf Beobachtungen basierende Hypothese, dass Musiker_innen w\u00e4hrend des Ankommens nach einer Migrationserfahrung \u00e4hnlich wie Ethnograf_innen vorgehen: Um sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden, m\u00fcssen sie lernen, die lokalen musikbezogenen Praktiken, Institutionen, Netzwerke, das Publikum sowie Auff\u00fchrungskontexte verstehen.<\/p>\n<p>Nach \u00d6sterreich migrierte Musiker_innen werden in diesem Projekt nicht als Native Informants f\u00fcr deren eigene Praxis gesehen. Vielmehr steht die Perspektive der Musiker_innen als Beobachter_innen und Interpret_innen von Musikpraktiken, Institutionen und Netzwerken in \u00d6sterreich im Mittelpunkt. Damit wird die Ethnomusikologie symbolisch auf den Kopf gestellt: Nicht \u201e\u00f6sterreichische Forscher_innen\u201c untersuchen Musik von Migrant_innen, sondern migrierte Musiker_innen beforschen Musikpraktiken in \u00d6sterreich. Demnach verortet das Projekt sich innerhalb der Engaged Ethnomusicology, die sich mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit auseinandersetzt, Hierarchien innerhalb der Musikforschung hinterfragt und strukturelle Ver\u00e4nderungen fordert.<\/p>\n<p>Im April 2023 startete das Projekt mit seiner ersten Phase, der Suche nach Musiker_innen, die Interesse daran haben, als Musicians*Researchers am Projekt teilzunehmen. Gesucht wurden Personen, die zwischen 2015 und 2020 angekommen waren, um ein gewisses Ma\u00df an Eingew\u00f6hnung zu garantieren und dennoch frische Perspektiven auf Erfahrungen, Beobachtungen, Emotionen und Lerneffekte zu haben. Das Forscher_innen-Team f\u00fchrte Interviews mit unterschiedlichen Musiker_innen in \u00d6sterreich durch, die vielseitige Einblicke in die Beobachtungen und Begegnungen von ankommenden Musiker_innen in einem neuen Land gaben. Die Interviewten kamen aus verschiedenen L\u00e4ndern, wie den USA, Nigeria, Syrien, Griechenland, Moldawien, Mexiko und Chile. Sie hatten unterschiedliche Migrationserfahrungen; einige kamen als Gefl\u00fcchtete, andere zum Studieren oder aus beruflichen Gr\u00fcnden. Manche haben sich bewusst f\u00fcr \u00d6sterreich entschieden, andere zuf\u00e4llig. Auf Basis dieser Interviews wurden sechs Musiker_innen eingeladen, f\u00fcr zw\u00f6lf Monate aktiv als Musician*Researchers am Projekt teilzunehmen. Derzeit befindet sich das Projekt in seiner zweiten Phase: Nach einem Kick-off-Workshop starten die sechs Musiker_innen nun ethnografische Recherchen zu einem Thema ihrer Wahl rund um Musik in \u00d6sterreich. Sie dokumentieren interessante Ereignisse, f\u00fchren Interviews und beobachten. Um diese Arbeit zu unterst\u00fctzen, organisiert das Projektteam regelm\u00e4\u00dfig Workshops und kleinere Gruppentreffen, um die Musiker_innen bei ihrer Forschung zu begleiten, aber auch um von ihren Fragen, Perspektiven und Herangehensweisen zu lernen. Das Projekt verfolgt zwei verschr\u00e4nkte Ziele: Erstens geben die Aktivit\u00e4ten der Musicians*Researchers neue Einblicke in die musikalischen Praktiken in \u00d6sterreich aus einer bislang ignorierten Perspektive. Zweitens erweitert das Projekt kollaborative ethnomusikologische ebenso wie Citizen-Science-Ans\u00e4tze zu der Idee einer Citizen Music Ethnography. Dar\u00fcber hinaus ist zentral, dass die beteiligten Musicians*Researchers einen Nutzen aus dem Projekt ziehen k\u00f6nnen, der \u00fcber das vermeintliche Prestige einer akademischen Zusammenarbeit hinausgeht.<\/p>\n<p>Das Projekt wird im Rahmen der Programmschiene \u201e1.000 Ideen\u201c des \u00d6sterreichischen Wissenschaftsfonds FWF gef\u00f6rdert, einem Programm, das auf sogenannte High-Risk-High-Gain-Forschung abzielt und erm\u00f6glicht, bewusst und kreativ \u00fcber g\u00e4ngige Forschungsans\u00e4tze hinauszudenken.<\/p>\n<p>Weitere Informationen zum <a href=\"https:\/\/www.musicandminorities.org\/projekte\/ethnomusikologie-umgekehrt-migrant-innen-forschen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Forschungsprojekt<\/a>.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausgangspunkt des Projekts Reverse Ethnomusicology: Migrant Musicians as Researchers war die auf Beobachtungen basierende Hypothese, dass Musiker_innen w\u00e4hrend des Ankommens nach einer Migrationserfahrung \u00e4hnlich wie Ethnograf_innen vorgehen: Um sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden, m\u00fcssen sie lernen, die lokalen musikbezogenen Praktiken, Institutionen, Netzwerke, das Publikum sowie Auff\u00fchrungskontexte verstehen.<\/p>\n","protected":false},"author":345,"featured_media":9618,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1432,1434,1435,854],"class_list":["post-9451","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-special","tag-2023-4","tag-exil","tag-exile","tag-special"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9451","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/345"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9451"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9451\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":9619,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9451\/revisions\/9619"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/9618"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9451"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9451"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9451"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}