{"id":9156,"date":"2023-09-25T16:30:25","date_gmt":"2023-09-25T14:30:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=9156"},"modified":"2023-09-29T09:14:09","modified_gmt":"2023-09-29T07:14:09","slug":"anti-asiatischer-rassismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2023\/09\/25\/anti-asiatischer-rassismus\/","title":{"rendered":"Anti-asiatischer Rassismus: \ufeffpopul\u00e4re Beispiele aus 250 Jahren westlicher Kulturgeschichte"},"content":{"rendered":"<h5>Anti-asiatischer Rassismus hat in wei\u00dfen Mehrheitsgesellschaften eine lange Tradition. Klischees und Stereotype \u00fcber asiatische Menschen finden sich allerorts \u2013 auch in Musik, Theater und Film.<\/h5>\n<p>Toxische Repr\u00e4sentationen und Narrative \u00fcber Asiat_innen waren ein zentrales Thema bei der Podiumsdiskussion <i>Anti-asiatischer Rassismus in Musik, Theater und Film,<\/i> die im Rahmen der Tagung <a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/ggd\/verueben\/\"><i>Ver_U\u0308ben. Diversita\u0308t als diskriminierungskritische Praxis in Kunst, Kultur und Bildung<\/i><\/a> im Mai 2023 an der mdw stattfand. Auf dem Tagungspanel formulierten Filmemacher Dieu Hao Do, Choreografin und Kuratorin Olivia Hyunsin Kim, die Leiterin des Instituts f\u00fcr Musiksoziologie der mdw, Rosa Reitsamer, und Regisseurin, Autorin und Produzentin Weina Zhao Kritik am Status quo und diskutierten \u00fcber Forderungen und Gegenstrategien, um rassistischen Repr\u00e4sentationen und Ausschl\u00fcssen zu begegnen.<\/p>\n<p>Diskutiert wurde auch dar\u00fcber, dass anti-asiatischer Rassismus w\u00e4hrend der Corona-Krise eine Steilkurve nach oben genommen hat. Angriffe und Beleidigungen gegen asiatische Menschen (oder Menschen, die als solche wahrgenommen werden) haben jedoch nicht erst w\u00e4hrend der Covid-19-Pandemie begonnen \u2013 vielmehr ist #AsianHate auf einen bereits vorhandenen Resonanzboden getroffen. Tats\u00e4chlich geh\u00f6ren anti-asiatische Ressentiments schon seit Langem zum Selbstverst\u00e4ndnis wei\u00dfer westlicher Gesellschaften. Der Blick in die Geschichte ist wesentlich, um anti-asiatische Klischees und Stereotype zu erkennen und zu problematisieren. \u00dcber Jahrhunderte tradiert und durch den Kolonialrassismus gepr\u00e4gt, tauchen sie bis heute beispielsweise in den erfolgreichsten Werken des Musiktheaters und Films auf. Eine der schm\u00e4hlichsten Traditionen ist hierbei das Yellowfacing, also die klischeehafte Darstellung von Asiat_innen durch wei\u00dfe Schauspieler_innen. In der Hochphase Hollywoods war Yellowface gang und g\u00e4be: Die Augen zu \u201eSchlitzen\u201c verengt, gelblich-br\u00e4unlich geschminkte Haut, trippelnder Gang, n\u00e4selnd-l\u00e4cherliche Aussprache (oft mit der Vertauschung von \u201er\u201c und \u201el\u201c) \u2013 so subsumiert das <i>Lexikon der Filmbegriffe<\/i> die grotesken Darbietungen, die ethnisch-kulturelle Differenz und Ungleichheit markieren sollen.<\/p>\n<p>In der westlichen Kunst hat Yellowfacing \u2013 \u00e4hnlich wie Blackfacing \u2013 seit geraumer Zeit einen festen Platz: Von der Auff\u00fchrung von Arthur Murphys Theaterspiel <i>The Orphan of China<\/i> (1767) \u00fcber den Stummfilm <i>Broken Blossoms <\/i>(1919) von David Wark Griffith bis hin zur oscarpr\u00e4mierten Darstellung der O-Lan durch Luise Rainer in <i>The Good Earth <\/i>(1937) \u2013 die Liste lie\u00dfe sich noch lange fortsetzen. Eines der bekanntesten wie haarstr\u00e4ubendsten Beispiele stammt aus dem Filmklassiker <i>Breakfast at Tiffany\u2019s<\/i> (1961), in dem Mickey Rooney den japanischen Hausherren Mister Yunioshi gibt. Wiederholt haben asiatisch-amerikanische Aktivist_innen darauf hingewiesen, dass die Figur Yunioshis exakt den bildlichen Karikaturen von Japaner_innen in den USA w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs entspricht. Wer meint, Yellowface sei das Relikt einer fernen Vergangenheit, irrt: Noch in den 2010ern genoss Wendy van Dijk als dusselige japanische TV-Reporterin Ushi Hirosaki in den Niederlanden gro\u00dfe Popularit\u00e4t. Zuletzt sorgte eine asiatisch gestylte Scarlett Johansson als Protagonistin in der Manga-Verfilmung <i>Ghost in the Shell<\/i> (2017) f\u00fcr laute Kritik und stie\u00df einmal mehr eine Debatte \u00fcber Whitewashing made in Hollywood an.<\/p>\n<p>Bedeutsam ist, dass die rassifizierten Zuschreibungen, wie sie sich im Yellowfacing manifestieren, stets mit vergeschlechtlichten Stereotypen einhergehen. \u201eSo werden asiatische Frauen sexualisiert, exotisiert und infantilisiert, M\u00e4nner dagegen desexualisiert und feminisiert\u201c, halten etwa die Forscher_innen Kimiko Suda, Sabrina J. Mayer und Christoph Nguyen die genderspezifischen Ausformungen anti-asiatischer Darstellungsweisen fest. Vor allem der Blick auf \u201edie Asiatin\u201c, wie er sich in Kultur und Medien darstellt, ist reich an Tradition. Er findet sich bereits im 13. Jahrhundert bei Marco Polo, der \u00fcber die Tausenden Frauen Kublai Khans und die Prostituierten au\u00dferhalb des Herrscherpalastes in Peking schreibt. Auch im sp\u00e4teren europ\u00e4ischen Kolonialismus tritt die \u201eorientalische Frau\u201c als Produkt westlicher m\u00e4nnlicher Imagination in Erscheinung: passiv, willig, in Schweigen geh\u00fcllt. \u2013 Der Orient als Ort der Verf\u00fchrung und verbotenen Sexualit\u00e4t. Die westlich-europ\u00e4ische Exotisierung asiatischer Frauen findet im sp\u00e4ten 19. Jahrhundert einen ersten H\u00f6hepunkt, mit dem Roman<i> Madame Chrysanth\u00e8me <\/i>von Pierre Loti, der zum Bestseller avanciert. Sp\u00e4ter wird er zur Inspiration f\u00fcr Giacomo Puccinis Opern-Smash-Hit <i>Madama Butterfly<\/i> und das sp\u00e4tere Broadway-Musical<i> Miss Saigon.<\/i><\/p>\n<p>Die sich f\u00fcr den wei\u00dfen Mann aufopfernde Kurtisane ist auch der Kern der Figur der Suzie Wong, der titelgebenden Figur des Hollywoodfilms von 1960 mit Nancy Kwan, der so ziemlich jedes anti-asiatische Stereotyp auf die Leinwand und in die K\u00f6pfe des Publikums projiziert. Auch Darstellungen wie jene der namenlosen Sexarbeiterin in <i>Full Metal Jacket <\/i>(1987) pr\u00e4gen seitdem nicht nur die westliche Popkultur, sondern suchen auch asiatische Frauen in ihrer heutigen Alltagsrealit\u00e4t immer wieder heim.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anti-asiatischer Rassismus hat in wei\u00dfen Mehrheitsgesellschaften eine lange Tradition. 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