{"id":8733,"date":"2023-04-24T15:56:25","date_gmt":"2023-04-24T13:56:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=8733"},"modified":"2023-04-27T10:55:32","modified_gmt":"2023-04-27T08:55:32","slug":"musik-als-stimme-des-protests-im-iran","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2023\/04\/24\/musik-als-stimme-des-protests-im-iran\/","title":{"rendered":"Musik als Stimme des Protests im Iran"},"content":{"rendered":"\u201eF\u00fcr das Tanzen auf der Stra\u00dfe, wegen der Angst sich zu k\u00fcssen, f\u00fcr den Wandel alter Werte, wegen der Scham, wegen der Armut, wegen der Sehnsucht nach einem normalen Leben.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr oder wegen der hier aufgez\u00e4hlten Gr\u00fcnde gehen die Menschen im Iran seit September 2022 immer wieder auf die Stra\u00dfe. Die Protestwelle wurde ausgel\u00f6st durch den Tod der 22-j\u00e4hrigen kurdischen Iranerin Jina Mahsa Amini, die aufgrund ihrer \u201enicht korrekten\u201c islamischen Bekleidung inhaftiert und gefoltert wurde und an den Folgen der Folter starb. Seitdem gehen Abertausende Iraner_innen innerhalb und au\u00dferhalb des Landes gegen die repressive iranische Regierung auf die Stra\u00dfen und fordern einen Regimewechsel.<\/p>\n<p>Der Song <i>Baraye<\/i> (im Persischen \u201eF\u00fcr\u201c oder \u201eWegen\u201c) des 25-j\u00e4hrigen iranischen S\u00e4ngers <i>Shervin Hajipour<\/i> wurde \u00fcber Nacht zur Hymne der aktuellen Protestbewegung im Iran. Der Song ist eine Textcollage von Tweets der Protestierenden, die auf Twitter kundgaben, weshalb sie auf die Stra\u00dfen gehen. Im Februar 2023 wurde dieser Song mit dem internationalen Grammy-Award in der Kategorie \u201eBester Song f\u00fcr sozialen Wandel\u201c ausgezeichnet.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Shervin Hajipour - Baraye (full version with English lyrics)\" width=\"850\" height=\"478\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/0th9_v-BbUI?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Um die zentrale Rolle dieses Songs und der Musik im Allgemeinen bei den aktuellen Protesten im Iran zu verstehen, muss man die historische und politische Entwicklung ber\u00fccksichtigen. Seit der Islamisierung des Iran im 6. Jahrhundert war das Verh\u00e4ltnis zur Musik stets angespannt und starken Restriktionen unterworfen. Musik galt als \u201ediabolisch\u201c und \u201everf\u00fchrerisch\u201c, weil sie \u201ewie eine Droge die Sinne tr\u00fcben\u201c soll.<\/p>\n<p>Zu Beginn der islamischen Revolution 1979 wurden Restriktionen ausgeweitet zu einem Verbot jeglicher Musikaus\u00fcbung durch eine Fatwa (ein religi\u00f6ses Rechtsurteil) des Obersten F\u00fchrers Ayatollah Khomeini. Neben den allgemein bekannten Kleidervorschriften f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner war dies eine der ersten Amtshandlungen des Gro\u00dfayatollahs. Mit verheerenden Folgen f\u00fcr die Kulturlandschaft, besonders f\u00fcr die Musiker_innen im Land: Private und staatliche Musikschulen und -universit\u00e4ten wurden geschlossen, Konzerts\u00e4le, Clubs und Bars wurden verriegelt, Ensemble und Orchester aufgel\u00f6st, Radiosender mussten ihre Musikprogramme einstellen, Musiker_innen, insbesondere der popul\u00e4ren Musikszene, durften nicht mehr arbeiten, viele flohen ins Exil. Selbst das Mitf\u00fchren von Instrumenten in der \u00d6ffentlichkeit stand nun unter Strafe.<\/p>\n<p>Im September 1980, also im Folgejahr der Revolution, begann der Erste Golfkrieg zwischen dem Iran und dem Irak. Nun wurden Kriegs- und Revolutionslieder legitimiert. Musik wurde benutzt, um die Gesellschaft f\u00fcr das gemeinsame Ziel, den Sieg des Iran, zu einen und zu mobilisieren. Acht Jahre sp\u00e4ter war das Land zerst\u00f6rt, rund eine Million Iraner_innen hatten im Ersten Golfkrieg ihr Leben verloren. Die Stimmung im Land war aufs \u00c4u\u00dferste gedr\u00fcckt. Die Regierung sah sich erneut gen\u00f6tigt, Musik zu benutzen, um die Stimmung im Land zu heben. Im Iran entstand eine neue Musikindustrie, die sich zun\u00e4chst auf traditionelle persische Musik, wie beispielsweise die Musik von <i>Mohammad Reza Shajarians<\/i>, fokussierte. Gleichzeitig tauchten auf dem illegalen iranischen Markt Alben aus dem Ausland auf, vor allem aus Los Angeles, mit Musik prominenter iranischer Stars im Exil wie Ebi, Dariush oder <i>Homeyra<\/i>. Die Regierung stellte das H\u00f6ren dieser Musik unter Strafe. Die Kontrolle wurde allerdings durch die M\u00f6glichkeit digitaler Vervielf\u00e4ltigung und sp\u00e4ter der Nutzung von Streamingdiensten erschwert. Um die Inhalte der Musik zu steuern, sah sich die Regierung erneut dazu gen\u00f6tigt \u2013 zwar unter scharfen und detaillierten Ma\u00dfnahmen \u2013 die Musikproduktion und -rezeption im Land zu erlauben. Dies war auch die Geburtsstunde einer neuen Musikindustrie im Iran. Sie produzierte zahlreiche erfolgreiche Bands wie z.\u2009B. <i>Arian<\/i> (eine 15-k\u00f6pfige Pop-Rock-Band), die bald begeisterte Anh\u00e4nger_innen und Zuh\u00f6rer_innen fand, auch im Ausland unter Mitgliedern der iranischen Diaspora.<\/p>\n<p>Die Musikproduktion, die Ver\u00f6ffentlichung und Auff\u00fchrung unterliegen im Iran strengen und scharf kontrollierten Vorgaben: Vor jedem Konzert, vor jeder Ver\u00f6ffentlichung eines Albums m\u00fcssen s\u00e4mtliche Inhalte (Texte, Musik, beteiligte Personen, Bilder, Cover etc.) von der Zensurbeh\u00f6rde gepr\u00fcft und genehmigt werden, sie d\u00fcrfen keinerlei regimekritische, politische oder erotische Andeutungen enthalten. In Pop- oder Rock-Konzerten sitzen \u201eAufsichts-Personen\u201c im Publikum, die mit scharfem Blick dar\u00fcber wachen, dass Musiker_innen und Publikum sich nicht rhythmisch zur Musik bewegen oder gar tanzen. Falls doch, werden Zuschauer_innen im Publikum mit einem Laserpunkt angestrahlt, verwarnt oder \u201ehinausbegleitet\u201c. K\u00fcnstler_innen, die sich auf der B\u00fchne \u201eunsittlich\u201c verhalten, werden bis hin zum Berufsverbot bestraft.<\/p>\n<p>Jegliche Besch\u00e4ftigung mit Musik, insbesondere mit der als \u201eheiter\u201c bezeichneten popul\u00e4ren Musik, gilt im Iran seit der islamischen Revolution also als Ausdruck von Protest. Musizieren auf den Stra\u00dfen, Musikh\u00f6ren im Auto sowie das Mitf\u00fchren eines Instruments k\u00f6nnen deshalb als Zeichen des Widerstands und der Rebellion betrachtet werden. Die Bem\u00fchungen der Regierung, die Aus\u00fcbung von Musik in Konzerten oder anderen Formen der Ver\u00f6ffentlichung zu erschweren, waren und sind jedoch zum Scheitern verurteilt. Denn gerade f\u00fcr K\u00fcnstler_innen unter repressiven und autorit\u00e4ren Strukturen ist der Wunsch nach k\u00fcnstlerischem Ausdruck Ansporn, kreative L\u00f6sungen zu finden. So werden Anspielungen auf die \u201everbotenen\u201c Themen in Texten oft codiert. Ist von \u201eDunkelheit\u201c oder \u201eWinter\u201c wie in dem Song <i>Dream Away With Me<\/i> von <i>Pallett<\/i> die Rede, ist damit die regressive Regierung gemeint. Der \u201eSonnenaufgang\u201c steht f\u00fcr einen Regimewechsel. Auch in Liebesliedern (die nicht als solche bezeichnet werden d\u00fcrfen) gibt es diese Anspielungen: eine \u201egemeinsame Reise\u201c meint nicht selten ein Liebesspiel oder \u201eder Mond, der sich auf dem Teich spiegelt\u201c die k\u00f6rperliche N\u00e4he zwischen Mann und Frau. Ein so offensichtlich systemkritischer Song wie Baraye<i>,<\/i> der als \u00dcbermittler der protestierenden Stimmen aus dem Iran \u00fcber Nacht viral und mittlerweile international verbreitet wurde, ist so gesehen ein harter Schlag ins Gesicht des iranischen Regimes.<\/p>\n<p>Seit September 2022 sind zahlreiche Protestsongs wie beispielsweise <i>Zan Zendegi Azadi<\/i> von <i>Magdal<\/i> produziert worden. Musiker_innen, ob im Land oder im Exil, dr\u00fccken darin ihre Wut, ihre Trauer, ihr Mitgef\u00fchl und ihre Solidarit\u00e4t mit den Opfern aus, sie gedenken der Verstorbenen oder rufen auf zum Aufstand, sie fordern ihre Rechte ein oder machen den Protestierenden Mut.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt viel Courage, doch daran mangelt es den jungen Iraner_innen nicht, wie man an den Bildern der j\u00fcngsten Proteste sieht. Sorgen sich Musiker_innen hierzulande \u00fcber schlechte Kritiken oder geringe Verkaufszahlen von Konzerttickets oder Alben, m\u00fcssen die Kolleg_innen im Iran mit jeder Ver\u00f6ffentlichung ihrer Musik um ihre berufliche Existenz, ihre Freiheit und manchmal sogar um ihr Leben und das ihrer Angeh\u00f6rigen bangen. So wurde der junge iranische Rapper <i>Toomaj<\/i> unter anderem wegen seines Songs <i>Faal<\/i> und aufgrund seiner systemkritischen Texte inhaftiert und zum Tode verurteilt. Im Gef\u00e4ngnis ist er durch die Misshandlungen und Foltermethoden, f\u00fcr die die iranischen Gef\u00e4ngnisse ber\u00fcchtigt sind, bereits auf einem Auge fast erblindet. Zahlreiche weitere K\u00fcnstler_innen, Journalist_innen, aber auch \u00c4rzt_innen, Anw\u00e4lt_innen und viele derer, die ihre Stimme erhoben haben und ihre Kritik am Regime zum Ausdruck brachten, befinden sich momentan in Haft.<\/p>\n<p>Doch die Proteste im Iran gehen weiter, unterst\u00fctzt von Musik, die motiviert, anspornt und tr\u00f6stet. Auch wenn nicht mehr viel dar\u00fcber berichtet wird und die Bilder von den Stra\u00dfen im Iran durch andere Nachrichten aus unserer Wahrnehmung verdr\u00e4ngt wurden, wir \u2013 au\u00dferhalb des Iran \u2013 m\u00fcssen uns weiter fragen, was wir tun k\u00f6nnen, um uns mit den Menschen dort zu solidarisieren und sie in ihrem Kampf zu unterst\u00fctzen. Das iranische Regime ist eine Bedrohung. Nicht nur f\u00fcr die Menschen im Iran, sondern f\u00fcr die gesamte Weltgemeinschaft. Den Menschen im Iran unser Geh\u00f6r und eine Stimme zu schenken bedeutet also auch, unsere eigenen harterk\u00e4mpften europ\u00e4ischen Werte wie Frieden, Freiheit und Demokratie zu verteidigen.<\/p>\n<p><b>H\u00f6ren Sie iranische Lieder in unserer Spotify-Playlist:<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" style=\"border-radius: 12px;\" src=\"https:\/\/open.spotify.com\/embed\/playlist\/2Cm54QJzh3CDwyhAmzj5yp?utm_source=generator\" width=\"100%\" height=\"352\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/b>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eF\u00fcr das Tanzen auf der Stra\u00dfe, wegen der Angst sich zu k\u00fcssen, f\u00fcr den Wandel alter Werte, wegen der Scham, wegen der Armut, wegen der Sehnsucht nach einem normalen Leben.\u201c F\u00fcr oder wegen der hier aufgez\u00e4hlten Gr\u00fcnde gehen die Menschen im Iran seit September 2022 immer wieder auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n","protected":false},"author":323,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1362,1379,1378,1373,1380,854],"class_list":["post-8733","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-special","tag-2023-2","tag-baraye","tag-iran","tag-protest","tag-shervinhajipour","tag-special"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8733","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/323"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8733"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8733\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8868,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8733\/revisions\/8868"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8733"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8733"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8733"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}