{"id":8728,"date":"2023-04-26T16:09:20","date_gmt":"2023-04-26T14:09:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=8728"},"modified":"2023-04-27T11:16:35","modified_gmt":"2023-04-27T09:16:35","slug":"wir-lernen-im-vorwaertsgehen-protest-und-populaere-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2023\/04\/26\/wir-lernen-im-vorwaertsgehen-protest-und-populaere-musik\/","title":{"rendered":"\u201eWir lernen im Vorw\u00e4rtsgehen\u201c: Protest und popul\u00e4re Musik"},"content":{"rendered":"Als Bob Dylan im Jahr 1960 Woody Guthries Autobiografie <i>Bound for Glory,<\/i> die nicht nur die Situation in den USA zur Zeit der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre abbildete, sondern den amerikanischen Mythos von Selbstbestimmung und Freiheit revitalisierte<span id='easy-footnote-1-8728' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2023\/04\/26\/wir-lernen-im-vorwaertsgehen-protest-und-populaere-musik\/#easy-footnote-bottom-1-8728' title='Vgl. Donald Brown: &lt;i&gt;Bob Dylan. American Troubadour&lt;\/i&gt;. Rowman &amp;amp; Littlefield, Lanham\/Boulder\/New York\/Toronto\/Plymouth 2014, S. 47.'><sup>1<\/sup><\/a><\/span>, las, befand sich die Singer-Songwriter- und Folkmusikszene noch fern von den heimischen Gefilden des Wiener Umlands. Man k\u00f6nnte meinen, \u00d6sterreich w\u00e4re durch Bill Haleys erstes Wien-Konzert im Oktober 1958 wenigstens vom Rock \u2019n\u2019 Roll gek\u00fcsst worden, doch r\u00fcckwirkend betrachtet kann die \u00f6sterreichische Version dieser Musikrichtung als Genre der vergebenen Chancen von Rebellion und Aufbegehren subsumiert werden. Entwicklungen der internationalen Rock- und Popmusik, die M\u00f6glichkeiten zur kreativen Verarbeitung von Protest und Widerstand boten, erfuhren in den sp\u00e4ten 1950er- und fr\u00fchen 1960er-Jahren kaum Aufmerksamkeit in den \u00f6sterreichischen Medien und w\u00e4ren ohnehin vonseiten der kommerziellen Musikindustrie ignoriert worden.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu Bob Dylan und Woody Guthrie, deren musikalisches und aktivistisches Schaffen sp\u00e4testens bei der Gr\u00fcndung des Golden Gate Clubs im September 1968 sowie in seiner Fortf\u00fchrung als Folk-Club Atlantis, ein Zentrum der Wiener Musikszene in den 1970er-Jahren, auch in \u00d6sterreich Geh\u00f6r fand. Guthrie, dessen Folksongs aus der unmittelbaren Gegenwart hinauswiesen<span id='easy-footnote-2-8728' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2023\/04\/26\/wir-lernen-im-vorwaertsgehen-protest-und-populaere-musik\/#easy-footnote-bottom-2-8728' title='Vgl. ebenda.'><sup>2<\/sup><\/a><\/span>, habe nach Court Carney dem Musiker Bob Dylan \u201eeine Maske, die er tragen konnte, etwas, an das er sich halten konnte\u201c<span id='easy-footnote-3-8728' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2023\/04\/26\/wir-lernen-im-vorwaertsgehen-protest-und-populaere-musik\/#easy-footnote-bottom-3-8728' title='\u201eWoody gave Dylan an identity, a mask to wear, something to hang onto.\u201c Court Carney: \u201eWith Electric Breath\u201c: Bob Dylan and the Reimagining of Woody Guthrie. In: &lt;i&gt;Woody Guthrie Annual&lt;\/i&gt; 4\/2018, S. 24. \u00dcbersetzung der Autorin.'><sup>3<\/sup><\/a><\/span>, also eine Art musikalische Identit\u00e4t, gegeben. Politische Themen wie die Werte der Arbeiter_innenklasse, die Arbeitsmigration aus dem mittleren Westen und der Dust Bowl werden in Guthries Werken verhandelt<span id='easy-footnote-4-8728' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2023\/04\/26\/wir-lernen-im-vorwaertsgehen-protest-und-populaere-musik\/#easy-footnote-bottom-4-8728' title='Vgl. Simon Frith: &lt;i&gt;The sociology of rock.&lt;\/i&gt; Constable, London 1978, S. 185.'><sup>4<\/sup><\/a><\/span>, Aspekte, die auch Dylans Arbeiten beeinflussten und den Protesten der Arbeiter_innen ein Sprachrohr boten. Die Ziele der Arbeiter_innenbewegung wurden in Form von vertonter Lyrik, bei Versammlungen, Gewerkschafts- oder Parteitreffen, \u00f6ffentlichen Auftritten, aber auch bei Streiks, Aufm\u00e4rschen und Demonstrationen musikalisch-literarisch dargeboten. \u201eNach au\u00dfen waren die Lieder ein Bekenntnis, sie propagierten die Ideen der Arbeiter_innenbewegung, in ihnen wurden grunds\u00e4tzliches Wissen, Moral, Wertvorstellungen ausgedr\u00fcckt. Sie dienten der Agitation und Ermutigung von Arbeiter_innen, f\u00fcr die Durchsetzung der sozialen Interessen der eigenen Klasse einzutreten, waren auch ein St\u00fcck Selbstst\u00e4rkung.\u201c<span id='easy-footnote-5-8728' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2023\/04\/26\/wir-lernen-im-vorwaertsgehen-protest-und-populaere-musik\/#easy-footnote-bottom-5-8728' title='Scherer, Klaus-J\u00fcrgen: \u201eDas Arbeiterlied als politisches Lied\u201c. In: &lt;i&gt;Neue Gesellschaft\/Frankfurter Hefte&lt;\/i&gt; Nr.\u00a05\/2013, S. 89\u201390.'><sup>5<\/sup><\/a><\/span> Das gemeinsam gesungene Arbeiter_innenlied reflektiert die soziale Lage, politischen Missstand sowie angestrebte Ziele und erm\u00f6glicht gleichzeitig ein kollektives Erleben und das Gef\u00fchl von Solidarit\u00e4t. Diese Schlagworte k\u00f6nnen auf die Auswirkungen des im kollektiven Ged\u00e4chtnis verankerten \u201eMarch on Washington for Jobs and Freedom\u201c, der am 28. August 1963 stattfand, geltend gemacht werden. Neben Dr. Martin Luther Kings historischer Rede <i>I Have a Dream <\/i>vor dem Lincoln Memorial, sind es prim\u00e4r von Joan Baez gesungene Lieder wie <i>We Shall Overcome<\/i>, <i>Oh, Freedom <\/i>oder Dylans <i>Blowin\u2019 in the Wind<\/i>, die den Zielen des Marsches, n\u00e4mlich f\u00fcr die b\u00fcrgerlichen und wirtschaftlichen Rechte der Afroamerikaner_innen einzutreten und der Rassendiskriminierung ein Ende zu setzen, Auftrieb verliehen.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Die Schmetterlinge - Proletenpassion 1-01 Wer schreibt die Geschichte\" width=\"850\" height=\"638\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/4OJQtwJQLvo?list=PLuWT6kukl6r8ROZ3muHd_8ZUxQ6nQPh4G\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Songs, die in der Verkn\u00fcpfung mit sozialen, kulturellen und historischen Aspekten den Status des Protestsongs erlangt oder sich vom Arbeiter_innenlied zu diesem gewandelt hatten, dominierten auch das Geschehen im Folk-Club Atlantis, der sich im Wien der fr\u00fchen 1970er-Jahre in jener Szene, die sich dem Mainstream des deutschen Schlagers und des kommerziellen Rocks entziehen wollte, gro\u00dfer Beliebtheit erfreute. Im Atlantis traf der Geist des US-amerikanisch gepr\u00e4gten Protestsongs auf den Esprit der kritischen Liedermacher_innen im Sinne von Hanns Eisler und Bertolt Brecht. Eislers Erwartungshaltung an die Musik entspricht folgendem Auftrag an diese: \u201eStatt auszugehen auf psychische Bet\u00e4ubung des Zuh\u00f6rers, auf die Erzeugung anarchischer Erregungszust\u00e4nde, muss die Musik an der Aufhellung des Bewusstseins der fortgeschrittensten Klasse, der Arbeiterklasse, arbeiten und versuchen, das praktische Verhalten der Zuh\u00f6rer zu beeinflussen.\u201c<span id='easy-footnote-6-8728' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2023\/04\/26\/wir-lernen-im-vorwaertsgehen-protest-und-populaere-musik\/#easy-footnote-bottom-6-8728' title='Hanns Eisler: \u201eGesellschaftliche Umfunktionierung der Musik\u201c. In: &lt;i&gt;Materialien zu einer Dialektik der Musik.&lt;\/i&gt; Hrsg. Hanns Eisler und Manfred Grabs. Reclam, Leipzig, 1976, S. 125.'><sup>6<\/sup><\/a><\/span> Dieses Verst\u00e4ndnis der politischen Funktion von Musik pr\u00e4gte die Sujets und Themen der im Jahr 1969 gegr\u00fcndeten Gruppe Schmetterlinge. Das Musikprojekt rund um Willi Resetarits, Erich Meixner und ab 1976 Beatrix Neundlinger verkn\u00fcpfte kritisch-politische Texte, die gr\u00f6\u00dftenteils von Heinz Rudolf Unger verfasst wurden, mit Melodien beeinflusst von Akteuer_innen der Folkmusic-Szene wie Dylan oder Baez, Rocksounds sowie traditionellem Liedgut. Diese stilistische Vielfalt mit politischem Anspruch wird vor allem in der sogenannten <i>Proletenpassion<\/i>, einem szenischen Oratorium, tragend. In Zusammenarbeit mit dem Literaten Unger, Studierenden, Historiker_innen und Interessierten entstand ein Werk, das Herrschaftsstrukturen und soziale Themen der europ\u00e4ischen Neuzeit zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert, getragen durch verschiedene musikalische und literarische Stilelemente, thematisierte und somit der \u201eGeschichte der Herrschenden\u201c, respektive der \u201eherrschenden Geschichtsschreibung\u201c die \u201eGeschichte der Beherrschten\u201c gegen\u00fcberstellte. Besonders im Ohr verweilt vermutlich das finale Lied des Epilogs, wegweisend f\u00fcr die Zukunft des Protestsongs, <i>Wir lernen im Vorw\u00e4rtsgehen<\/i>, das im st\u00e4ndigen Repertoire der Schmetterlinge bleiben sollte. Das Oratorium wurde bei den <i>Wiener Festwochen <\/i>1976, in der Veranstaltungsschiene \u201eArena\u201c, als Vereinigung von Theaterst\u00fcck und Konzert uraufgef\u00fchrt und war ausschlaggebend f\u00fcr die Besetzung des Auslandsschlachthofs im Sommer desselben Jahres.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Maryna aka K\u00fcR Ljudi Menschen\" width=\"850\" height=\"478\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/p8lCDbLlADE?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig findet der Protestsong regelm\u00e4\u00dfig Einzug in das kulturelle Geschehen und seine musikalischen Kontexte. Klammern wir die Inhalte und Themen von Genres wie Punk oder Hip-Hop aus Platzgr\u00fcnden aus und konzentrieren uns auf zwei konkrete Beispiele aus der Wiener Szene. So ist neben der Wiederaufnahme einer \u00fcberarbeiteten Fassung des vorgestellten Oratoriums unter dem Titel <i>Proletenpassion 2015 ff<\/i> im Werk X, f\u00fcr das Heinz Rudolf Unger f\u00fcr das 21. Jahrhundert relevante Texte erg\u00e4nzte und Eva Jantschitsch, die unter dem Namen Gustav aktiv ist, die Musik neu arrangierte, vor allem der Protestsongcontest erw\u00e4hnenswert. In seiner Selbstdefinition als kritische Musikveranstaltung angelegt, die eine Plattform f\u00fcr den zeitgen\u00f6ssischen Protestsong bieten soll, wurde der Protestsongcontest erstmals am 12. Februar 2004 anl\u00e4sslich des 70.\u00a0Jahrestages des Februaraufstands im Wiener Rabenhoftheater ausgetragen. Die Themen der Songs besch\u00e4ftigen sich vorwiegend mit gegenw\u00e4rtigen, (global)politischen und gesellschaftlichen Fragen, die stilistische Ausrichtung der Performer_innen ist vielf\u00e4ltig. So l\u00f6ste der erstplatzierte Act Rammelhof mit dem Rocksong <i>Wladimir (Put Put Putin)<\/i> im Jahr 2015 innerhalb weniger Tage vor allem in der Ukraine einen Youtube-Hype aus, 2023 gewann die aus der Ukraine stammende Musikerin K\u00fcR mit dem bilingualen Titel <i>Ljudi (Menschen)<\/i>, klassisch in der Singer-Songwriter_innen-Tradition mit Gitarrenbegleitung, den Wettbewerb.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Bob Dylan im Jahr 1960 Woody Guthries Autobiografie Bound for Glory, die nicht nur die Situation in den USA zur Zeit der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre abbildete, sondern den amerikanischen Mythos von Selbstbestimmung und Freiheit revitalisierte, las, befand sich die Singer-Songwriter- und Folkmusikszene noch fern von den heimischen Gefilden des Wiener Umlands.<\/p>\n","protected":false},"author":25,"featured_media":8731,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1362,1373,1374,1398,854],"class_list":["post-8728","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-special","tag-2023-2","tag-protest","tag-protestlieder","tag-protestsongcontest","tag-special"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8728","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/25"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8728"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8728\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8982,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8728\/revisions\/8982"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8731"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8728"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8728"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8728"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}