{"id":8520,"date":"2023-02-27T12:34:04","date_gmt":"2023-02-27T11:34:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=8520"},"modified":"2023-02-27T12:34:27","modified_gmt":"2023-02-27T11:34:27","slug":"erzaehlen-ohne-angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2023\/02\/27\/erzaehlen-ohne-angst\/","title":{"rendered":"Erz\u00e4hlen ohne Angst"},"content":{"rendered":"<h5>Henning Backhaus, Regie-Studierender der Filmakademie Wien, gibt Einblick in seine Reise nach S\u00fcdkorea zum Seoul Yeongdeungpo International Extreme-Short Image &amp; Film Festival (SESIFF).<\/h5>\n<p>Wer im Flugzeug nach Seoul das Filmangebot in der Vordersitzlehne durchsucht, kann aus den unterschiedlichsten Kategorien ausw\u00e4hlen: Action, Drama, Kinder, Kom\u00f6die \u2013 und K-Movies. Selbstbewusst hat S\u00fcdkorea den landeseigenen Film zur trendigen Marke und zum Exportschlager aufgebaut. Die ganze Welt kennt inzwischen die wilden Genre-Mixturen, mit denen die Halbinsel das internationale Kino auf den Kopf gestellt hat: Filme wie <i>Parasite<\/i>, <i>The Host<\/i>, <i>Old Boy<\/i> oder Serien wie <i>Squid Game<\/i> und <i>Itaewon Class<\/i>, die nicht nur in Asien Blockbuster sind.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8617\" aria-describedby=\"caption-attachment-8617\" style=\"width: 643px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-8617\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Backhaus_Profil-643x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"643\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Backhaus_Profil-643x1024.jpg 643w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Backhaus_Profil-188x300.jpg 188w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Backhaus_Profil.jpg 736w\" sizes=\"auto, (max-width: 643px) 100vw, 643px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8617\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Henning Backhaus<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das R\u00fcckgrat dieser Erfolgsgeschichte ist vor allem die Filmbegeisterung im eigenen Land. Die S\u00fcdkoreaner_innen lieben Filme und Serien aus eigener Produktion. Das geht sogar so weit, dass dem Monster aus <i>The Host<\/i> in Seoul ein lebensgro\u00dfes Denkmal spendiert wurde, ebenso dem Liebespaar aus der Serie <i>Winter Sonata<\/i>, das sich in Bronze gegossen auf Nami Island in die Arme f\u00e4llt. Bei so viel Hingabe schleicht sich Wehmut ins Herz des deutschsprachigen Filmschaffenden. Aber \u00d6sterreich und Deutschland sind weit weg, weit weg sind auch die Landkrimis und die deutschen \u201eKom\u00f6dien\u201c. Es gibt Neues zu entdecken.<\/p>\n<p>Das <i>Seoul Yeongdeungpo International Extreme-Short Image &amp; Film Festival<\/i> l\u00e4dt zur 12. Ausgabe, und eingeladen ist auch eine sechsk\u00f6pfige Filmdelegation aus Wien. Grund sind 130 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen den L\u00e4ndern und der diesj\u00e4hrige \u201eAustria Focus\u201c des Festivals. Mehrere Kurzfilme der Filmakademie Wien wurden in einem Programmblock zusammengefasst (u.\u2009a. <i>Bato Nebo<\/i>, <i>Echthaar<\/i>, <i>Fische<\/i>), dazu gibt es eine Masterclass mit der Regisseurin Magdalena Chmielewska (<i>Lullaby<\/i>) und <i>Das beste Orchester der Welt <\/i>auf der Er\u00f6ffnungsveranstaltung.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8527\" aria-describedby=\"caption-attachment-8527\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-8527\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image5-3-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image5-3-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image5-3-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image5-3-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image5-3-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image5-3-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image5-3-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8527\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Henning Backhaus<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u00dcberhaupt die Er\u00f6ffnungsveranstaltung \u2013 sie ist episch! Der riesige, kuppelhafte Saal ist randvoll mit Publikum, als h\u00e4tte es die Pandemie nie gegeben. Eine K-Pop-Show donnert von der B\u00fchne (neuste Fashion-Must-haves: Nerd-Brille mit Fensterglas und unf\u00f6rmiger Trenchcoat), danach Reden, noch mehr Reden, Gru\u00dfworte der Bezirksvorsteherin (gibt es auch in Seoul), Gru\u00dfworte des Oberb\u00fcrgermeisters. Es folgt die Preisverleihung eines Malwettbewerbs \u2013 pl\u00f6tzlich sind 40 Kinder auf der B\u00fchne \u2013 und mit einem Konfettiregen wird das Festival endlich offiziell er\u00f6ffnet. Ein zweist\u00fcndiges Filmprogramm schlie\u00dft sich an.<\/p>\n<p>Das faszinierend uferlose Happening nimmt in gewisser Weise vorweg, wie uns Seoul in den kommenden Tagen begegnen wird: entgrenzt und voller undurchsichtiger Regelwerke. Ohne das Grundgef\u00fchl leichter \u00dcberforderung kann man sich nicht durch eine der gr\u00f6\u00dften St\u00e4dte Asiens bewegen.<\/p>\n<p>Wie so oft bei Filmfestivals gibt es die sch\u00f6nsten Begegnungen aber an den Nebenschaupl\u00e4tzen: Treffen mit der Filmabteilung der Chung-Ang University, viele Einladungen zum Essen, versacken in den Ausgehvierteln. Filme treten dann allm\u00e4hlich in den Hintergrund, um Platz zu machen f\u00fcr die neuen Bekanntschaften.<\/p>\n<p>Seoul ist voller Widerspr\u00fcche. Zwischen den architektonischen Kapriolen der B\u00fcrot\u00fcrme dr\u00e4ngen sich tausende kleine Gark\u00fcchen und Restaurants. Abends betrinken sich hier die Koreaner_innen und sp\u00fclen sich den streng organisierten Alltag herunter. Es ist gesellschaftlich akzeptiert, deshalb am n\u00e4chsten Morgen zu sp\u00e4t im B\u00fcro zu erscheinen. Die Stra\u00dfen sind voller junger Menschen, aber S\u00fcdkorea leidet unter der niedrigsten Geburtenrate der Welt. Selbst mit guter Ausbildung ist es schwer, einen passablen Job zu ergattern, der Wohnungsmarkt ist katastrophal, gleichzeitig steigen die Anspr\u00fcche aller an alle: die Anspr\u00fcche der Frauen an die M\u00e4nner, die Anspr\u00fcche der Familien an die Frauen, Sch\u00f6nheitsoperationen boomen, auch die Suizidrate steigt (ohnehin eine der h\u00f6chsten der Welt). Das Stra\u00dfenbild ist ausstaffiert mit schrillen Maskottchen f\u00fcr jeden Anlass, und \u00fcber \u00f6ffentliche Monitore l\u00e4uft infantile Regierungspropaganda (gerne gegen Japan).<\/p>\n<figure id=\"attachment_8524\" aria-describedby=\"caption-attachment-8524\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-8524\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image2-4-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image2-4-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image2-4-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image2-4-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image2-4-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image2-4-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image2-4-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8524\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Henning Backhaus<\/figcaption><\/figure>\n<p>Doch hinter den Fassaden geben sich viele Menschen lieber dem \u201eHan\u201c hin, einer tiefempfundenen Trauer, so typisch f\u00fcr das Land, dass sie bereits ein Kulturprinzip ist. Die Wurzeln des \u201eHan\u201c liegen nicht zuletzt in der Geschichte Koreas, das seit jeher von den Kriegen expansiver Nachbarstaaten \u00fcberzogen wurde. Der Koreakrieg (offiziell nie beendet), die Teilung des Landes und Kim Jong-un, \u201ethe crazy guy in the north\u201c, passen in ein Gesamtbild, das sich \u00fcber viele Jahrhunderte erstreckt. \u201eHan\u201c, das ist das ganz reale Gef\u00fchl tiefer Hilflosigkeit, des Aushaltens, vielleicht der Resignation. Und je sp\u00e4ter der Abend, desto gr\u00f6\u00dfer das \u201eHan\u201c.<\/p>\n<p>Hier schlie\u00dft sich der Kreis zum s\u00fcdkoreanischen Film. Die vielschichtigen Probleme des Landes und eine unaufl\u00f6sbare Schwermut n\u00e4hren ein Kino, das scharfsinnig und sinnlich zugleich ist und dem es immer wieder gelingt, mit eingefahrenen Erwartungen zu brechen. Im Alltag ist vieles zu erdulden \u2013 im Kino gibt es keine Kompromisse. Nicht, dass das mit Leichtigkeit passieren w\u00fcrde, auch auf dem SESIFF gibt es mittelm\u00e4\u00dfige koreanische Filme. Aber zumindest passiert immer etwas.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8526\" aria-describedby=\"caption-attachment-8526\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-8526\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image4-3-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image4-3-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image4-3-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image4-3-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image4-3-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image4-3-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image4-3-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8526\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Henning Backhaus<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was kann man daraus f\u00fcr sich mitnehmen? Vielleicht das: Auch in Europa sind die Probleme nicht eben klein, oft f\u00e4llt das Wort \u201eZeitenwende\u201c. Eigentlich gibt es viel zu erz\u00e4hlen, eine gute Zeit f\u00fcr Geschichten. W\u00e4re es nicht eine Erl\u00f6sung, wenn diese endlich ohne Abstriche erz\u00e4hlt werden k\u00f6nnten, inhaltlich und \u00e4sthetisch? Ohne Konzessionen an F\u00f6rderfunktion\u00e4re oder mumifizierte TV-Anstalten? Das hie\u00dfe n\u00e4mlich auch: Erz\u00e4hlen ohne Angst. Was k\u00f6nnte das bringen? Vielleicht ein Publikum, das das eigene Kino wieder ernst nehmen w\u00fcrde. Es muss ja nicht gleich Statuen errichten.<\/p>\n<p>Korea sollte man jedenfalls auf dem Schirm haben, auf dem Bildschirm und auch sonst.<\/p>\n<div id=\"gtx-trans\">\n<div class=\"gtx-trans-icon\"><\/div>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Seoul Yeongdeungpo International Extreme-Short Image &#038; Film Festival l\u00e4dt zur 12. 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