{"id":8488,"date":"2023-02-27T13:23:08","date_gmt":"2023-02-27T12:23:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=8488"},"modified":"2023-02-27T13:23:24","modified_gmt":"2023-02-27T12:23:24","slug":"wiener-tage-der-zeitgenoessischen-klaviermusik-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2023\/02\/27\/wiener-tage-der-zeitgenoessischen-klaviermusik-2023\/","title":{"rendered":"Wiener Tage der zeitgen\u00f6ssischen Klaviermusik 2023"},"content":{"rendered":"Anl\u00e4sslich des 100-Jahr-Jubil\u00e4ums waren die Wiener Tage der zeitgen\u00f6ssischen Klaviermusik 2023 ganz Gy\u00f6rgy Ligeti gewidmet. Der 2006 verstorbene Komponist z\u00e4hlte mit zu den pr\u00e4gendsten Pers\u00f6nlichkeiten der Musik nach 1945 und sein noch in das 21. Jahrhundert reichende Schaffen strahlt in der Musik der Gegenwart nach wie vor eine gro\u00dfe Pr\u00e4senz aus.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8491\" aria-describedby=\"caption-attachment-8491\" style=\"width: 683px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-8491\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image1-3-683x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"683\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image1-3-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image1-3-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image1-3-768x1151.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image1-3-1025x1536.jpg 1025w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image1-3-1366x2048.jpg 1366w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image1-3-850x1274.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/post-1_image1-3.jpg 1423w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8491\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Peter Andersen<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Klavier hat Ligeti w\u00e4hrend seines gesamten Komponistenlebens begleitet: Ende der 1930er-Jahre entstanden seine ersten Klavierst\u00fccke, und 2001 wurde seine letzte Et\u00fcde <i>Canon<\/i> geschrieben. Viele der fr\u00fchen Kompositionen, in welchen der stilistische Einfluss von B\u00e9la Bart\u00f3k deutlich erkennbar ist, lagen bis jetzt unver\u00f6ffentlicht in der Paul Sacher Stiftung in Basel und werden erst im Laufe des Jahres 2023 publiziert. Der Verlag Schott Music hat dem Ludwig van Beethoven Institut f\u00fcr Klavier in der Musikp\u00e4dagogik freundlicherweise jedoch vorab eine Auswahl dieser Werke f\u00fcr die \u00f6sterreichische Erstauff\u00fchrung zur Verf\u00fcgung gestellt; eine Aufgabe, die die mdw selbstverst\u00e4ndlich mit gro\u00dfer Freude \u00fcbernommen hat.<\/p>\n<p>Erste Schritte in Richtung einer eigenst\u00e4ndigen Tonsprache unternahm Ligeti in der Nachkriegszeit als Student an der Budapester Franz-Liszt-Akademie. Die Kompositionen dieser Periode, <i>2 Capricci<\/i> und <i>Invention<\/i> antizipieren mit polyphoner Textur und virtuoser Motorik bereits wesentliche Elemente seiner sp\u00e4teren Klavierwerke.<\/p>\n<p>Abgeschnitten von den Entwicklungen im Westen und immer mehr eingeengt durch die Rigidit\u00e4t der stalinistischen Kunstdoktrin entstand in den fr\u00fchen 1950er-Jahren Ligetis erster gro\u00dfer Klavierzyklus <i>Musica ricercata<\/i>. Hier begann Ligeti einen neuen Stil gleichsam \u201eaus dem Nichts\u201c aufzubauen, indem er mit elementaren Strukturen experimentierte und sich, ganz im Sinne des Werktitels, auf die Suche begab, wie weit er sich innerhalb selbst auferlegter, strenger Beschr\u00e4nkungen des Tonmaterials kompositorisch zu bewegen vermochte. Im vollen Bewusstsein, dass das Werk unaufgef\u00fchrt bleiben w\u00fcrde, sind diese \u201e11 Studien\u201c, wie er sie im Untertitel urspr\u00fcnglich nannte, in ihrer radikalen Konzeption auch Ausdruck der Auflehnung gegen das herrschende stalinistische Regime.<\/p>\n<p>Nach seinem einzigen Ausflug in die Welt der Zw\u00f6lftontechnik mit dem Werk <i>Chromatische Phantasie<\/i>, die er 1956 noch vor seiner Flucht nach Wien komponierte, vergingen fast 30 Jahre, ehe Ligeti seinen gro\u00dfen Zyklus <i>\u00c9tudes<\/i> beginnen sollte. Diese sind, ankn\u00fcpfend an die Tradition von Chopin, Liszt oder Debussy nicht nur hochvirtuose Konzertet\u00fcden, sondern auch Projektionsfl\u00e4chen f\u00fcr Ligetis weiten Horizont und sein Interesse f\u00fcr die unterschiedlichsten Gebiete aus Kunst, Wissenschaft oder Musikethnologie. In seinen Et\u00fcden vermischen sich die Mittel traditioneller Pianistik \u2013 erweiterte Spieltechniken setzt Ligeti kaum ein \u2013 mit einer, von \u00e4u\u00dferster Durchdachtheit gepr\u00e4gten Kompositionstechnik. Deren Hauptcharakteristika bilden dabei gleichzeitig auch die gr\u00f6\u00dften technischen Schwierigkeiten. Hier sind zu nennen: komplexe Rhythmik, vor allem der Effekt der \u201eIllusionsrhythmik\u201c \u2013 \u00fcber ein Kontinuum kleiner Notenwerte werden mittels melodisch hervorgehobener T\u00f6ne oder Akzente zus\u00e4tzliche Stimmen bzw. simultan verlaufende Geschwindigkeitsschichten wahrnehmbar; und Polyphonie, wobei Ligeti die bekannten Satztechniken des ausgehenden Sp\u00e4tmittelalters ins Extreme steigert und die Autonomie der H\u00e4nde oft eine regelrechte \u201eGespaltenheit\u201c der Ausf\u00fchrenden erfordert. Hinzu kommt Ligetis Faszination f\u00fcr das Mechanische, die hinsichtlich der <i>\u00c9tudes<\/i> einen bedeutenden Impuls von Conlon Nancarrows <i>Studies for Player Piano<\/i> erhalten hat.<\/p>\n<p>Ligeti, der selbst kein \u201ePianisten-Komponist\u201c war und seine Et\u00fcden nicht auff\u00fchrte, fordert von den Spieler_innen mit den oft rasend schnellen Tempi und den rhythmisch exakt-notierten musikalischen Abl\u00e4ufen Enormes. Nicht selten f\u00fchlt man sich an eine Anweisung erinnert, die in seinen Streichquartetten zu finden ist, wo Ligeti verlangt, dass die Ausf\u00fchrenden spielen sollen \u201ewie ein Pr\u00e4zisionsmechanismus\u201c.<\/p>\n<p>All dies hat nat\u00fcrlich zur Folge, dass die Einstudierungszeit f\u00fcr jede der <i>\u00c9tudes<\/i> entsprechend lang und arbeitsintensiv ist. Die f\u00fcr diesen \u00dcbeprozess notwendige Ausdauer und Konzentration werden jedoch gespeist von ihrem Gehalt und der unwiderstehlichen Magie, die Gy\u00f6rgy Ligetis Musik ausstrahlt und die, um abschlie\u00dfend mit Thomas Mann zu sprechen, den Anspruch von Kunst sicher mehr als erf\u00fcllt, dass sie \u201edurch die Sinne f\u00fcr das Geistige werbe\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.wienertage.at\">wienertage.at<\/a>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich des 100-Jahr-Jubil\u00e4ums \ufeffwaren die Wiener Tage der zeitgen\u00f6ssischen Klaviermusik 2023 ganz Gy\u00f6rgy Ligeti gewidmet.<\/p>\n","protected":false},"author":242,"featured_media":8490,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1340,1341,854],"class_list":["post-8488","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-special","tag-2023-1","tag-ligeti","tag-special"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8488","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/242"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8488"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8488\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8637,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8488\/revisions\/8637"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8490"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8488"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8488"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8488"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}