{"id":8485,"date":"2023-02-27T13:36:57","date_gmt":"2023-02-27T12:36:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=8485"},"modified":"2023-02-27T13:37:11","modified_gmt":"2023-02-27T12:37:11","slug":"ein-meister-der-ueberraschungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2023\/02\/27\/ein-meister-der-ueberraschungen\/","title":{"rendered":"Ein Meister der \u00dcberraschungen"},"content":{"rendered":"<h1>Der Komponist Gy\u00f6rgy Ligeti (1923\u20132006)<\/h1>\n<p>Wesentlich mehr Menschen kennen seine Musik \u2013 oder besser gesagt Teile davon \u2013 als seinen Namen. Und doch war Gy\u00f6rgy Ligeti, dessen Geburt sich 2023 zum 100. Mal j\u00e4hrt, einer der ber\u00fchmtesten Komponisten des 20. und fr\u00fchen 21.\u00a0Jahrhunderts. Dass er 1968 schlagartig weltweit bekannt wurde, lag vor allem an der kongenialen Verwendung von vier seiner Kompositionen in Stanley Kubricks Science-Fiction-Film <i>2001: Odyssee im Weltraum<\/i>. Neben Hits von Aram Chatschaturjan, Johann Strauss und Richard Strauss hatte der Meisterregisseur Ausz\u00fcge aus Ligetis Klangkompositionen <i>Atmosph\u00e8res<\/i> f\u00fcr gro\u00dfes Orchester und <i>Lux Aeterna<\/i> f\u00fcr sechzehnstimmigen gemischten Chor a cappella verwendet, au\u00dferdem aus seinen <i>Aventures<\/i> sowie dem <i>Requiem<\/i>. Waren allesamt diese Werke aus den 1960er-Jahren ebenso wie das f\u00fcr den Horrorfilm <i>The Shining<\/i> verwendete <i>Lontano<\/i> f\u00fcr gro\u00dfes Orchester, so griff Kubrick f\u00fcr seine letzte Arbeit <i>Eyes Wide Shut<\/i>, die an der Schwelle zum neuen Jahrtausend entstand, mit seinem untr\u00fcglichen Gesp\u00fcr f\u00fcr musikalische wie dramaturgische Wirkungen auf einen Satz aus Ligetis Anfang der 1950-Jahre entstandenen <i>Musica Ricercata<\/i> f\u00fcr Klavier solo zur\u00fcck. Auch Laien k\u00f6nnen sofort erkennen, dass Welten zwischen diesem St\u00fcck und den \u00fcbrigen liegen, was die verwendeten Klangmittel betrifft.<\/p>\n<p>1923 im siebenb\u00fcrgischen Dicios\u00e2nmartin (heute T\u00e2rn\u0103veni) geboren, wurde er in Ungarn zum einen von der vorherrschenden, durch Bart\u00f3k und Kod\u00e1ly vorgegebenen folkloristisch-modernen Richtung gepr\u00e4gt, zum anderen durch intensives Studium der Werke Bachs. Seine Kreativit\u00e4t war aber \u2013 wie bei vielen \u2013 durch die stalinistischen Restriktionen stark beschnitten. 1956 fl\u00fcchtete er nach \u00d6sterreich und kam \u00fcber Wien nach K\u00f6ln. Dort wurde er Mitarbeiter des elektronischen Studios des Westdeutschen Rundfunks, der damals ein Zentrum der Avantgarde war, und lernte die neuesten Kompositionstechniken kennen. Zur dominierenden Darmst\u00e4dter Schule mit ihren strengen seriellen Vorgaben (also der Aufbereitung des \u201eMaterials\u201c in Reihen bei Tonh\u00f6hen, Notenwerten, dynamischen Werten usw.) nahm er aber bald eine kritische Distanz ein, die er auch schriftstellerisch artikulierte. Bald \u00fcberraschte er mit eigenen Experimenten. Ber\u00fchmt wurden vor allem seine Klangkompositionen <i>Apparitions<\/i> und <i>Atmosph\u00e8res<\/i> mit ihrer bis ins Kleinste aufgef\u00e4cherten Mikropolyphonie: fl\u00e4chige, in sich bewegte Klangfelder, wie sie \u00fcbrigens in etwa gleichzeitig auch Krzystof Penderecki und Friedrich Cerha fanden. Gegen\u00fcber Letztem soll Ligeti, als er die Partitur von <i>Spiegel<\/i> sah, ausgerufen haben: \u201eDu schreibst ja mein St\u00fcck!\u201c Der gro\u00dfe Erfolg dieses Ansatzes in der Musikwelt verf\u00fchrte Ligeti allerdings nicht dazu, bei ihm zu verweilen. Stattdessen \u00e4nderte er seine kompositorischen Mittel immer wieder aufs Neue \u2013 gleich in den 1960er-Jahren f\u00fcr die bunten <i>Aventures<\/i> und <i>Nouvelles Aventures<\/i>: Hier fand er (\u00e4hnlich wie Luciano Berio oder Dieter Schnebel) eine experimentelle Musiksprache, wobei Sprache w\u00f6rtlich zu nehmen ist. Mit damals unerh\u00f6rten menschlichen Lauten jenseits von Worten und die schnellen Wechsel zwischen Ausdrucksextremen schuf er eine Art \u201eabsurdes musikalisches Theater\u201c (Ulrich Dibelius), das zugleich als Parodie k\u00fcnstlerischer Ausdrucksweisen und menschlichen Verhaltens insgesamt verstanden werden konnte.<\/p>\n<p>Als Komponist blieb Ligeti zeitlebens ein Meister der \u00dcberraschungen. Einmal k\u00fcndigte er an, ein <i>Po\u00e8me symphonique<\/i> zu schreiben und lie\u00df damit ein programmatisches Orchesterst\u00fcck auf den Spuren des 19.\u00a0Jahrhunderts erwarten. Zu h\u00f6ren waren dann jedoch als Instrumente sage und schreibe einhundert mechanische Metronome, deren Pendelschl\u00e4ge durch verschiedene Geschwindigkeiten und vorab eingestellte Laufzeiten zuerst eine dichte Klangfl\u00e4che ergaben, bis sich einzelne Stimmen herausl\u00f6sten und schlie\u00dflich verstummten. Darin konnte man auch ein Statement gegen\u00fcber einem emsigen, sinnentleerten Kunstbetrieb sehen. Als Sinnbild f\u00fcr die ganze Welt entstand dann Ligetis einzige, 1978 uraufgef\u00fchrte Oper <i>Le Grand Macabre<\/i> \u2013 eine Parabel auf die drohende globale Katastrophe, aber zugleich auch eine b\u00f6se Parodie auf die Gattung Oper selbst.<\/p>\n<p>In den 1980er-Jahren schockierte und begeisterte der Komponist dann die Musikwelt mit seinem legend\u00e4ren Horntrio und dessen unverbl\u00fcmtem Ankn\u00fcpfen an die romantische Tradition. Damals wurde zum einen \u00fcbersehen, dass solche Bez\u00fcge Ligeti schon immer begleitet hatten, zum anderen \u00fcberh\u00f6rt, wie deutlich verfremdet das Beethoven-Zitat des Beginns erklingt. Experimente machte er au\u00dferdem weiterhin, etwa in den Et\u00fcden f\u00fcr Klavier mit v\u00f6llig neuartigen hochvirtuosen Techniken. So stehen in seinem bunten, vielf\u00e4ltigen Schaffen Reduktion und Expansion ebenso nebeneinander wie Ironie und Melancholie. Ein solcher Doppelcharakter zeichnete Ligeti auch als Menschen aus. Als er 2003, drei Jahre vor seinem Tod, als einer der Hauptkomponisten von <i>Wien Modern<\/i> pers\u00f6nlich beim Neue-Musik-Festival anwesend war, beeindruckte sein Wesen trotz k\u00f6rperlicher Gebrechlichkeit mit h\u00f6chster geistiger Pr\u00e4senz und einer Ausstrahlung von heiterer Weisheit.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wesentlich mehr Menschen kennen seine Musik \u2013 oder besser gesagt Teile davon \u2013 als seinen Namen. 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