{"id":8270,"date":"2022-11-28T16:38:46","date_gmt":"2022-11-28T15:38:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=8270"},"modified":"2022-11-28T16:38:59","modified_gmt":"2022-11-28T15:38:59","slug":"akustische-inszenierungen-aus-dem-archiv-der-mdw","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/11\/28\/akustische-inszenierungen-aus-dem-archiv-der-mdw\/","title":{"rendered":"Akustische Inszenierungen aus dem Archiv der mdw"},"content":{"rendered":"<a href=\"https:\/\/mediathek.mdw.ac.at\/Podcast_Klingende_Zeitgeschichte\">Drei Podcasts<\/a>, die im Rahmen des Projekts <i>Klingende Zeitgeschichte<\/i> entstanden sind, befassen sich mit institutionellen Br\u00fcchen innerhalb der mdw und ihrer Vorg\u00e4ngerinstitutionen. In mdw-weiter Zusammenarbeit wurden Randgeschichten aus dem 20. Jahrhundert akustisch in Szene gesetzt, wobei die Archiv-Dokumente selbst auf mehreren musikalischen und sprachlichen Ebenen zum Klingen gebracht wurden. An dem Pilotprojekt, das von 2019 bis 2021 stattfand, waren insgesamt \u00fcber f\u00fcnfzig Lehrende, Studierende und wissenschaftliche Mitarbeiter_innen beteiligt.<\/p>\n<h5>Der Fall Lilly Pollak<\/h5>\n<p>Zu den drei Randgeschichten, die akustisch inszeniert wurden, z\u00e4hlt jene von Lilly Pollak. Im Juli 1931 berichtet die <i>Arbeiter-Zeitung <\/i>von Protesten gegen das neu implementierte Musikakademiegesetz: Die H\u00f6rer_innenschaft der Akademie f\u00fcr Musik und darstellende Kunst setzt sich gegen eine unter der Leitung von Karl Wiener betriebene autorit\u00e4re Reform zur Wehr, die u.\u2009a. eine Erh\u00f6hung der Studiengeb\u00fchren, eine Verl\u00e4ngerung der Studiendauer, eine Reduktion der Studierenden- und Lehrendenzahlen sowie die Abschaffung der Fachhochschule und des Max Reinhardt Seminars vorsieht. Erfolg hat, so der Bericht, die Protestbewegung hinsichtlich eines ebenfalls neu installierten Kontrollpr\u00fcfungssystems: Dieses wird zu Fall gebracht, wobei die Vorsitzende der sozialistischen Musikstudent_innen, Lilly Pollak, als Unruhestifterin von der Akademie ausgeschlossen werden soll. Im Archiv der mdw findet sich ein Brief des Akademie-Pr\u00e4sidenten an den damaligen Unterrichtsminister Emmerich Cermak, in dem er darlegt, warum der Antrag, Lilly Pollak \u201eals Sch\u00fclerin zu belassen\u201c, abschl\u00e4gig beschieden werden m\u00fcsse. Karl Wiener sieht in ihrem politischen Engagement, das u.\u2009a. darin besteht, Flugbl\u00e4tter, in denen \u201edie Freiheit der Lehre\u201c gefordert wird, zu drucken und zu verteilen, \u201eeine ungeheure Gefahr\u201c.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8272\" aria-describedby=\"caption-attachment-8272\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8272 size-large\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-14-1024x672.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"558\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-14-1024x672.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-14-300x197.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-14-768x504.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-14-1536x1008.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-14-2048x1344.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-14-850x558.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8272\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 mdw Archiv<\/figcaption><\/figure>\n<p>Lilly Pollak kehrt nicht mehr als \u201eSch\u00fclerin\u201c an die Musikakademie zur\u00fcck. 1932 inskribiert sie an der philosophischen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Wien und schlie\u00dft ihr Studium mit einer Promotion 1938 ab. Im selben Jahr fl\u00fcchtet sie mit ihrer Mutter Ida, ihrem Bruder Egon, der ebenfalls an der Musikakademie studiert hat, und ihrem ersten Ehemann Wolfgang Speiser \u00fcber die Schweiz und Frankreich nach Australien. Egon erleidet w\u00e4hrend der Flucht einen Nervenzusammenbruch und wird den Rest seines Lebens in einem Sanatorium in der Schweiz verbringen, von wo aus er Briefe, die er auch mit Kompositionsskizzen versieht, an seine Mutter schreibt. Nach dem Zweiten Weltkrieg versucht Lilly gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Ehemann einen Neuanfang in Wien. W\u00e4hrend Wolfgang Speiser an seine in den 1930ern begonnene Karriere in der sozialistischen respektive sozialdemokratischen Partei ankn\u00fcpfen kann, h\u00e4lt es Lilly Pollak im Nachkriegswien nicht aus. Ein Cousin oder eine Cousine schreibt in einem Nachruf, dass der \u201eSchatten des Nationalsozialismus\u201c sie dazu veranlasst habe, 1963 Wien wieder zu verlassen und nach England zu gehen. In London lebt sie zusammen mit ihrem zweiten Mann Paul Rosenow, mit ihrer Tochter Eve und ihrer Stieftochter Ruth. Sie arbeitet als Klavierlehrerin und reist immer wieder nach Australien, um Familienmitglieder zu besuchen. 1993 stirbt sie dort im Alter von 84 Jahren an den Folgen einer H\u00fcftoperation.<\/p>\n<h5>Eine zeitgen\u00f6ssische Arch\u00e4ologie der mdw<\/h5>\n<p>Die Konturen der rebellischen Musikstudentin Lilly Pollak haben sich Schritt f\u00fcr Schritt, bei den G\u00e4ngen in die Archive der mdw und des Vereins der Geschichte der Arbeiter_innenbewegung sowie in Korrespondenzen mit ihren Nachfahren, immer deutlicher abzuzeichnen begonnen. Die Schatten institutioneller, politischer, rassistischer und antisemitischer Gewalt haben sich immer wieder \u00fcber Lilly Pollaks Leben gelegt. Um ihre Geschichte diesen Schatten, die mitunter bis in die Gegenwart reichen, entwenden zu k\u00f6nnen, ist es notwendig, sich an die R\u00e4nder tradierter Institutionsgeschichte(n) zu begeben, die \u201eungeheure Gefahr\u201c, die Lilly Pollak als politisch engagierte Studentin in den Augen des Akademie-Pr\u00e4sidenten verk\u00f6rpert hat, in den entsprechenden zeitgeschichtlichen Kontext zu stellen und dadurch jenen Mut zu w\u00fcrdigen, der sich bis heute darin zeigt, der tats\u00e4chlichen \u201eungeheuren Gefahr\u201c, die in der autorit\u00e4ren Entm\u00fcndigung, in der Aberkennung von Selbstbestimmung und Mitspracherecht liegt, zu begegnen.<\/p>\n<p>Die <i>Klingende Zeitgeschichte<\/i> hat sich in ihren Podcasts solchen Randgeschichten, in denen Akte des Widerstands, Dissonanzen und Divergenzen eine Rolle spielen, gewidmet und ein Format entwickelt, in dem die Geschichte der mdw auf mehreren k\u00fcnstlerischen und wissenschaftlichen Ebenen vertieft wird. Im Rahmen einer mdw-weiten transdisziplin\u00e4ren Zusammenarbeit sind Ansatzpunkte f\u00fcr eine zeitgen\u00f6ssische Arch\u00e4ologie der mdw konzipiert worden, in der sich Instrumentalist_innen, Komponist_innen, Schauspieler_innen, Wissenschafter_innen und Tonmeister_innen Zug\u00e4nge zum Archiv und somit zur Geschichte der mdw erarbeiten k\u00f6nnen.<\/p>\n<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-8270 gallery-columns-3 gallery-size-thumbnail'><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon portrait'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image1-14.jpg'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image1-14-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-8273\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<figcaption class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-8273'>\n\t\t\t\t\u00a9 mdw Archiv\n\t\t\t\t<\/figcaption><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon portrait'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image3-8.jpg'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image3-8-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-8275\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<figcaption class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-8275'>\n\t\t\t\t\u00a9 mdw Archiv\n\t\t\t\t<\/figcaption><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon portrait'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image2-11.jpg'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image2-11-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-8274\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t<figcaption class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-8274'>\n\t\t\t\t\u00a9 mdw Archiv\n\t\t\t\t<\/figcaption><\/figure>\n\t\t<\/div>\n\n<p>Bei der Pr\u00e4sentation der drei Podcasts, die am 1.\u200a4.\u200a2022 im Klangtheater stattgefunden hat, wurde von vielen der Beteiligten die Bedeutung dieser instituts\u00fcbergreifenden Zusammenarbeit hervorgehoben: Die Ergebnisse aus den musik- und kulturwissenschaftlichen Archiv-Recherchen wurden in einer szenischen Text-Collage umgesetzt, von Studierenden und Absolvent_innen des Kompositionsstudiums vertont, von Studierenden des Max Reinhardt Seminars eingesprochen, von Instrumentalist_innen der mdw eingespielt und von Tonmeister_innen arrangiert.<\/p>\n<p>Die Geschichte der mdw und ihrer Vorg\u00e4ngerinstitutionen ist vielstimmig. Eine transdisziplin\u00e4re Erinnerungspraxis gibt den unterschiedlichen Tonlagen, die sich darin finden, Raum und B\u00fchne.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Podcasts, die im Rahmen des Projekts Klingende\ufeff Zeitgeschichte entstanden sind, befassen sich mit institutionellen Br\u00fcchen innerhalb der mdw und ihrer Vorg\u00e4ngerinstitutionen. In mdw-weiter Zusammenarbeit wurden Randgeschichten aus dem 20. 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