{"id":8267,"date":"2022-11-28T16:30:00","date_gmt":"2022-11-28T15:30:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=8267"},"modified":"2022-11-28T16:30:20","modified_gmt":"2022-11-28T15:30:20","slug":"filmschnitt-als-kuenstlerischer-prozess","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/11\/28\/filmschnitt-als-kuenstlerischer-prozess\/","title":{"rendered":"Filmschnitt als k\u00fcnstlerischer Prozess"},"content":{"rendered":"Vor sechs Jahren habe ich mein Studium im Fach Schnitt an der Filmakademie Wien begonnen. Der Schnitt ist ein Prozess der Abendd\u00e4mmerung einer Produktion, bei dem die gedrehten Bilder und die aufgenommenen T\u00f6ne zu etwas verwebt werden, das man am Ende als Film bezeichnen darf. Das Wort Schnitt ist f\u00fcr diesen Vorgang nicht das pr\u00e4ziseste, weil sich das Denken w\u00e4hrend des Montageprozesses meist als ein zusammenf\u00fcgendes und weniger als ein trennendes Element gestaltet. Genau jenes Zusammenf\u00fcgende ist das Wundersame an dieser Kunstform. Gedanken werden aneinandergereiht und k\u00f6nnen so \u00e4u\u00dferst komplexe Empfindungen ausl\u00f6sen. Eine sehr junge Kunstform, kaum 120 Jahre alt, in vielem verwandt mit der Literatur, aber durch ihre Vorsprachlichkeit auf einer ganz anderen Bewusstseinsebene erfahrbar. Dadurch besitzt der Schnitt auch eine h\u00f6chst manipulative, in den falschen H\u00e4nden sogar propagandistische Kraft, der man sich immer entgegenstellen sollte. Im besten Falle aber gew\u00e4hrt der Schnitt den Zuschauer_innen einen erlebbaren Gedankenraum, der nicht nur Platz f\u00fcr selbstst\u00e4ndiges Nachf\u00fchlen l\u00e4sst, sondern dieses auch f\u00f6rdert. Die Entscheidung f\u00fcr dieses Studium hatte f\u00fcr mich zwei ma\u00dfgebliche Gr\u00fcnde. Der erste war die Sehnsucht nach den Bildern. In meinem Elternhaus war das Fernsehen ein nur in kleinen Dosen erlaubtes Genussmittel. Selbstverst\u00e4ndlich wird einem als Kind das Seltene nur noch begehrenswerter, weshalb ich dann im Jugendalter umso mehr Zeit mit Fernsehen verbrachte. Und immer schon wollte ich wissen, wie diese Bilder gemacht werden, die mich so viele Stunden fesseln konnten. Wie ist es m\u00f6glich, Bilder und T\u00f6ne so anzuordnen, dass sie einen Menschen zum stundenlangen Zusehen verleiten? Der zweite Grund war meine Begeisterung f\u00fcr den k\u00fcnstlerischen Prozess. Weil ich statt fernzusehen meist mit Legosteinen spielte, machte ich immer wieder die magische Erfahrung, die man heute gerne als Flow bezeichnet. Ein begl\u00fcckender, selbstvergessener Zustand, in dem man ganz in einer T\u00e4tigkeit aufgeht, nicht mehr bewusst denkt, sondern wie von einer h\u00f6heren Macht geleitet ganz selbstverst\u00e4ndlich die richtigen Schritte unternimmt. Ein wundersamer Zustand, ganz unm\u00f6glich bewusst herbeizuf\u00fchren, aber dadurch umso zauberhafter. Im Schnittprozess ist diese Selbstvergessenheit unter den richtigen Umst\u00e4nden oft erlebbar. Das Material liegt abgeschlossen vor einem und die Beschr\u00e4nkung darauf l\u00e4sst einen geistigen Muskel stark werden, der zwischen Logik und freier Assoziation liegt. Die M\u00f6glichkeiten sind in ihrer Anzahl unbegrenzt, aber in ihrer Qualit\u00e4t beschr\u00e4nkt. Man kann eine Einstellung entweder l\u00e4nger stehen lassen, k\u00fcrzen, entfernen oder an eine andere Stelle schieben. Dasselbe gilt f\u00fcr den Ton. Mit diesem \u00fcberschaubaren Werkzeugkasten und der gleichzeitig unbegrenzten F\u00fclle an zu vermittelnden Gedanken st\u00f6\u00dft man immer wieder auf erstaunliche Zusammenstellungen, in ihrer Ausf\u00fchrung per Mausklick ganz leicht, aber in ihrer Komplexit\u00e4t \u00e4u\u00dferst vielschichtig.<\/p>\n<p>Neben den zwei klassischen Gattungen Spiel- und Dokumentarfilm hat sich beinahe unbemerkt eine dritte Filmspezies entwickelt, die sich f\u00fcr mich als die k\u00fcnstlerisch Vielversprechendste herausgestellt hat. In meinem vierten Semester an der Filmakademie wurde ich auf ein kleines Wahlfach mit dem schlichten Titel \u201eEssayfilm\u201c aufmerksam. Die Filme, die hier gezeigt wurden, hatten wenig mit den vielen Filmen zu tun, die wir sonst im Laufe des Studiums ansahen. H\u00f6chst pers\u00f6nliche Bilder waren da zu sehen, oft von den Regisseur_innen selbst gedreht, tagebuchartige Impressionen von der Au\u00dfenwelt der Filmemacher_innen, die aber eine komplexe Innenwelt abbildeten. Dazu meist die Stimme der Regisseur_innen selbst, als Erz\u00e4hlende, Denkende, Tr\u00e4umende. Filme, die klassisch narrative Strukturen verweigerten, aber trotzdem nicht als Experimentalfilme oder Videokunst bezeichnet werden konnten, in einem Schwebezustand zwischen Literatur und Film. Das Bildersammeln beim Essayfilm als ein m\u00e4andernder Vorgang, das Finden des Themas mit der Kamera, ohne Planbarkeit und Organisation. Erst im Schnitt sch\u00e4lt sich dann das Thema des Films heraus; ein langsamer, sich \u00fcber viele Monate erstreckender Prozess, in dem der Film erst zu seiner Sprache findet. Es war begeisternd zu sehen, dass sich Filme auch auf eine solch weiche Art gestalten lassen, die spr\u00f6den Strukturen aufgel\u00f6st, die Macher_innen jederzeit in der Lage Form und Inhalt vollkommen neu zu denken. Der Filmemacher Andrej Tarkowskij schrieb 1984: \u201eDie meiner Meinung nach f\u00fcr das Kino der Zukunft verh\u00e4ngnisvollste Tendenz liegt im Bestreben, das auf dem Papier Niedergeschriebene getreu und genau in seiner Arbeit wiederzugeben, zuvor erdachte, h\u00e4ufig rein spekulative Konstruktionen auf die Leinwand zu \u00fcbertragen. Filmisch kreative Arbeit erfordert schon ihrer Natur nach Lust zu unmittelbarer Beobachtung der lebendigen und ver\u00e4nderlichen, sich in st\u00e4ndiger Bewegung befindlichen Welt.\u201c Wir versuchen im Schnitt der intrinsischen poetischen Wahrheit eines Films n\u00e4herzukommen, ein Suchen im Material nach den im Dunkel funkelnden Gedanken. Die Grenzen des Materials verlaufen so klar, dass die Freiheit innerhalb der vorliegenden Bilder und T\u00f6ne riesig wird. Nicht nur das Bild an sich spricht, sondern weit dar\u00fcber hinaus die Reihung der Bilder, ihre Rhythmik, ihre Anf\u00e4nge und ihre Enden. Geleitet von der Spur der T\u00f6ne bewegen wir uns vorw\u00e4rts, schaffen Strukturen, wo vorher keine waren, finden ehemals verstellte Durchblicke in unsere Seelen und k\u00f6nnen so vielleicht ein kleines bisschen mehr verstehen, was Kunst hei\u00dft.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor sechs Jahren habe ich mein Studium im Fach Schnitt an der Filmakademie Wien begonnen. 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