{"id":8238,"date":"2022-11-29T13:44:22","date_gmt":"2022-11-29T12:44:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=8238"},"modified":"2022-11-29T13:44:33","modified_gmt":"2022-11-29T12:44:33","slug":"musiktherapie-oeffnet-tueren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/11\/29\/musiktherapie-oeffnet-tueren\/","title":{"rendered":"Musiktherapie \u00f6ffnet T\u00fcren"},"content":{"rendered":"<i>\u201eIch war lange Zeit gefangen in mir. Ich war mit mir ganz alleine und niemand konnte zu mir herein, eingesperrt, in mir alleine. Manchmal hatte ich gro\u00dfe Angst, die T\u00fcre w\u00fcrde niemals gefunden &#8230;\u201c<\/i><\/p>\n<p><i>\u201eEs ist so, dass Musik ein Tor sein kann, durch das ich in andere Welten sehen kann. Da bin ich leicht wie eine Feder und kann meinen st\u00f6rrischen K\u00f6rper zur\u00fccklassen. Ich tanze auf einer weichen Wolke. Ich kann ganz frei und wohl sein.\u201c<\/i><\/p>\n<figure id=\"attachment_8240\" aria-describedby=\"caption-attachment-8240\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-8240\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-10-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-10-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-10-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-10-768x513.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-10-850x567.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-10.jpg 1413w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8240\" class=\"wp-caption-text\">Lilly &amp; Heike Haller \u00a9 Volker Beushausen, 2021, beushausenbild.de<\/figcaption><\/figure>\n<p>So beschreibt die 15-j\u00e4hrige Lilly Haller ihr Erleben vor und nach dem Beginn ihrer musiktherapeutischen Behandlung, bei der sie 2019 zusammen mit ihrer Mutter an einem Forschungsprojekt der deutschen Musiktherapeutin Brigitte Meier-Sprinz und des Kinder-Neurologen Andreas Sprinz (Kempten, Allg\u00e4u) teilnahm. Diese untersuchten die Auswirkungen mobiler Musiktherapie in l\u00e4ndlichen Gebieten f\u00fcr Kinder mit schweren Hirnsch\u00e4digungen und ihre Familien.<\/p>\n<p>Lilly Haller kommt 2007 nach einer unauff\u00e4lligen Schwangerschaft zur Welt. Bei der Geburt stellen sich schwere Komplikationen ein, Lilly \u00fcberlebt nur knapp. Nach zahlreichen intensivmedizinischen und rehabilitativen Klinikaufenthalten bleibt eine schwere, erworbene Hirnsch\u00e4digung mit dem Erscheinungsbild einer dyskinetisch-spastischen Zerebralparese und einer strukturellen fokalen Epilepsie zur\u00fcck. Lilly sitzt im Rollstuhl, kann ihre Bewegungen kaum kontrollieren und verf\u00fcgt \u00fcber keine lautsprachliche Kommunikation. Sie w\u00e4chst jedoch in einer sehr liebevollen Familie auf einem gro\u00dfen Bauernhof auf.<\/p>\n<p><i>\u201eIch erinnere mich noch genau an den Anfang der Musiktherapie. Es ist so, dass ich neugierig und vorsichtig war. Ich wusste nicht, was da auf mich zukommt und was da gemacht wird. Es war gut, dass meine Mama dabei war. Oft war es so, dass ich h\u00f6ren musste, was ich alles nicht kann und nie lernen werde. Deshalb bin ich eher vorsichtig, wenn jemand mit mir was machen will.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Musiktherapie ist eine wissenschaftlich-k\u00fcnstlerisch-kreative und ausdrucksf\u00f6rdernde Therapieform. In \u00d6sterreich ist sie seit 2009 als eigenst\u00e4ndiger Gesundheitsberuf gesetzlich geregelt. Die mdw beheimatet mit dem von Thomas Stegemann geleiteten Institut f\u00fcr Musiktherapie die \u00e4lteste akademische Musiktherapieausbildung Europas, an der bereits seit 1959 Musiktherapeut_innen ausgebildet werden. Seit 2013 kann hier auch ein Doktoratsstudium in Musiktherapie absolviert werden und mit dem Wiener Zentrum f\u00fcr Musiktherapie-Forschung (WZMF) wurde in den vergangenen f\u00fcnf Jahren auch eine neue Forschungsinfrastruktur geschaffen und institutionell verankert. Einer der inhaltlichen Schwerpunkte des WZMF ist die musiktherapeutische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und hier insbesondere die Einbindung von Bezugspersonen in das musiktherapeutische Setting.<\/p>\n<p>Musiktherapeut_innen sind speziell darin ausgebildet, das Medium Musik oder seine Elemente zu therapeutischen Zwecken einzusetzen, und k\u00f6nnen Menschen somit \u00fcber einen pr\u00e4verbalen Zugang erreichen. Musiktherapie findet immer im Rahmen einer therapeutischen Beziehung statt. \u00dcber Melodie, Rhythmus oder Klang k\u00f6nnen auch minimale Begegnungsmomente h\u00f6rbar gemacht werden und es ist m\u00f6glich, Gef\u00fchle auszudr\u00fccken oder zu teilen.<\/p>\n<p><i>\u201eIch hab noch nie so viele Instrumente auf einmal in einem Zimmer gesehen. Ich durfte alles anfassen und h\u00f6ren, wie es klingt. Es war so, dass wir uns erst kennenlernen mussten. Sehr vorsichtig, aber gr\u00fcndlich. Zu der Zeit war ich noch [\u2026] oft krank und echt frustriert, weil ich so falsch eingesch\u00e4tzt wurde. Ich hatte Angst, dass es in der Musik auch so wird.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Lilly und ihre Mutter erhalten \u00fcber mehrere Monate hinweg ein musiktherapeutisches Angebot und sie beginnen, auch zu Hause zu musizieren. Im Laufe dieser Einheiten wird deutlich, dass es f\u00fcr Lilly m\u00f6glich ist, einen Muskel im Oberarm so zu bewegen, dass die Bewegungen nicht permanent von Spastik und Dystonie \u00fcberlagert werden. Ihre Mutter unterst\u00fctzt und verst\u00e4rkt diese minimalen Bewegungen. Lilly beginnt, bestimmte rhythmische Muster zu wiederholen und \u00fcbt die kontrollierten Bewegungen auch in der Ergotherapie. Die T\u00fcr zur Kommunikation und damit zur aktiven Teilhabe am Leben geht auf. Es stellt sich heraus, dass Lilly bereits mit Buchstaben umgehen und lesen kann und somit \u00fcber Sprache und Schrift verf\u00fcgt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8242\" aria-describedby=\"caption-attachment-8242\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-8242\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image2-8-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image2-8-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image2-8-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image2-8-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image2-8-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image2-8-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image2-8-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8242\" class=\"wp-caption-text\">Brigitte Meier-Sprinz, Lilly &amp; Heike Haller \u00a9 Volker Beushausen, 2021, beushausenbild.de<\/figcaption><\/figure>\n<p><i>\u201eWenn man nicht \u00fcber das alles reden kann, ist man ganz einsam mit Angst und Freude weggesperrt. Wenn man alleine ist und niemand findet die T\u00fcre, dann muss man sehr vorsichtig sein, denn die Seele wird immer zerbrechlicher und w\u00fcrde dann schlie\u00dflich ganz zerbrechen und keiner w\u00fcrde es merken. Da die Seele nur mit dem ganzen Herzen zu sehen ist.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Lilly beginnt, sich mit Hilfe ihrer Mutter unter Verwendung von bunten Buchstabenkarten und in weiterer Folge mittels digital unterst\u00fctzter Kommunikation auszudr\u00fccken. Sie schreibt beeindruckende Texte \u00fcber ihr Erleben und m\u00f6chte sp\u00e4ter Autorin werden.<\/p>\n<h5><b>Symposium <\/b><i>Music Therapy with Families<\/i><\/h5>\n<p>Im September 2022 war Lilly Haller zusammen mit ihrer Musiktherapeutin Brigitte Meier-Sprinz und dem betreuenden Neurop\u00e4diater Andreas Sprinz als Vortragende zu Gast an der mdw beim Symposium <i>Music Therapy with Families<\/i> in Wien. Sie beschreibt diese Eindr\u00fccke wie folgt:<\/p>\n<p><i>\u201eIch hatte Zeit, in die Gesichter der Zuh\u00f6rer_innen zu schauen. Die waren sehr aufmerksam. Ich habe diese Zeit auf der B\u00fchne sehr genossen, denn ich konnte der Welt endlich etwas Wichtiges sagen. Ich f\u00fchlte in mir eine Freude, die sich ausbreiten konnte. Es war ein gro\u00dfartiges Gef\u00fchl.\u201c<\/i><\/p>\n<p>Das von Eva Phan Quoc, Agnes Burghardt-Distl und Thomas Stegemann organisierte erste internationale Symposium zu <i>Music Therapy with Families<\/i> fand vom 23. bis 25. September 2022 an der mdw statt und widmete sich ganz speziell der musiktherapeutischen Arbeit unter Einbeziehung von Familien, Angeh\u00f6rigen und Bezugspersonen. Mehr als 180 Teilnehmende (live und online) aus 30 L\u00e4ndern setzten sich dabei mit unterschiedlichsten methodischen Ans\u00e4tzen in verschiedenen Arbeitsfeldern auseinander.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8243\" aria-describedby=\"caption-attachment-8243\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-8243\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image3-5-1024x367.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"305\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image3-5-1024x367.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image3-5-300x108.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image3-5-768x275.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image3-5-1536x551.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image3-5-2048x734.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image3-5-850x305.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8243\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Hannah Riedl<\/figcaption><\/figure>\n<p>Diskutiert wurden zentrale Themen wie die Diversit\u00e4t verschiedenster Definitionen des Begriffes \u201eFamilie\u201c in verschiedenen Kulturen (unterst\u00fctzt von der Plattform Gender_mdw), die Bedeutung von interdisziplin\u00e4rer Zusammenarbeit und insbesondere die Notwendigkeit einer noch sorgsameren, permanenten Reflexion der eigenen therapeutischen Haltung in komplexen Systemen. Besonders beeindruckend waren gemeinsame Pr\u00e4sentationen von ehemaligen Patient_innen\/Klient_innen, die zusammen mit ihren Bezugspersonen und den Musiktherapeut_innen ihr pers\u00f6nliches Erleben aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchteten.<\/p>\n<p>Als Schlussbotschaft ermutigte Lilly Haller, eigene rasche Kategorisierungen zu hinterfragen: <i>\u201eEs ist so wichtig, dass wir aufeinander achtgeben, jede_r ist so einzigartig. Dass Kinder in Schubladen gesteckt werden, das ist nicht sehr schlau, denn es nimmt denen, die darin stecken, die Freude am Leben.\u201c<\/i>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im September 2022 war Lilly Haller zusammen mit ihrer Musiktherapeutin Brigitte Meier-Sprinz und dem betreuenden Neurop\u00e4diater Andreas Sprinz als Vortragende zu Gast an der mdw beim Symposium Music Therapy with Families in Wien.<\/p>\n","protected":false},"author":306,"featured_media":8241,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1317,1337,89,481],"class_list":["post-8238","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-special","tag-2022-4","tag-kunstundgesundheit","tag-gesundheit","tag-musiktherapie"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8238","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/306"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8238"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8238\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8409,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8238\/revisions\/8409"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8241"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8238"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8238"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8238"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}