{"id":8233,"date":"2022-11-29T13:48:26","date_gmt":"2022-11-29T12:48:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=8233"},"modified":"2022-11-29T13:48:52","modified_gmt":"2022-11-29T12:48:52","slug":"musikalische-fuersorge-die-rolle-der-musik-fuer-das-personal-im-gesundheitswesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/11\/29\/musikalische-fuersorge-die-rolle-der-musik-fuer-das-personal-im-gesundheitswesen\/","title":{"rendered":"Musikalische F\u00fcrsorge: Die Rolle der Musik f\u00fcr das Personal im Gesundheitswesen"},"content":{"rendered":"<h5>Krista de Wit, geboren 1986 in Helsinki, ist ausgebildete Geigerin und wurde f\u00fcr ihre PhD-Arbeit <i>Legacy. Participatory Music Practices with Elderly People as a Resource for the Well-being of Healthcare Professionals <\/i>2022 mit dem Herta und Kurt Blaukopf-Award f\u00fcr herausragende Dissertationen an der mdw ausgezeichnet. Im Interview mit dem <i>mdw-Magazin <\/i>erz\u00e4hlt sie von ihren Erfahrungen als Musikerin und Forscherin \u00fcber die transformative Kraft der Musik im Krankenhaus und Pflegeheim f\u00fcr Patient_innen und Heimbewohner_innen, aber vor allem auch f\u00fcr das Personal, das neben den enormen Anforderungen im Berufsalltag durch die Musik wieder mehr Menschlichkeit im Miteinander ihrer Arbeit versp\u00fcren kann.<\/h5>\n<figure id=\"attachment_8235\" aria-describedby=\"caption-attachment-8235\" style=\"width: 200px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8235 size-medium\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-9-200x300.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-9-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-9-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-9-768x1151.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-9-1025x1536.jpg 1025w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-9-1366x2048.jpg 1366w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-9-850x1274.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/post-1_image0-9.jpg 1423w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8235\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 privat<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wie sind Sie auf Ihr Forschungsthema gesto\u00dfen?<\/p>\n<p><b>Krista de Wit (KW)<\/b>: Schon in meinem Studium in Helsinki hatte ich die M\u00f6glichkeit mit Community-Outreach-Projekten vertraut zu werden, darunter mit \u00e4lteren Menschen und Menschen mit Demenz als Zielgruppe. Im Rahmen meiner Masterarbeit in Stockholm habe ich mich auf partizipative Musikprojekte f\u00fcr \u00e4ltere Menschen mit Demenz spezialisiert. Durch Studien aus den Niederlanden lernte ich das Konzept der personenzentrierten Musik kennen. In dieser dialogischen Art des Musikmachens entsteht die Musik basierend auf den Bed\u00fcrfnissen der Patient_innen oder Heimbewohner_innen, die im Moment des Aufeinandertreffens mit den Musiker_innen vorherrschen. Ich begann interaktive Konzerte und Workshops f\u00fcr \u00e4ltere Menschen mit Demenz zu leiten und habe das als sehr bereichernd empfunden. In so einem Konzert habe ich beispielsweise erlebt, wie ein Mann mit fortgeschrittener Demenz pl\u00f6tzlich aufstand und ein Gedicht rezitierte. Die Musik hat in ihm etwas ausgel\u00f6st, er war in diesem Moment mit dem Thema des Konzerts verbunden und f\u00fcr alle war es sehr bewegend. In den Niederlanden habe ich dann beim Projekt MiMiC als Musikerin im Krankenhaus mitgewirkt. Zu sehen, wie auch v\u00f6llig fremde Menschen durch die Musik in ein unterst\u00fctzendes Miteinander kommen, hat mich motiviert in meiner Forschungsarbeit den Fokus auf das Gesundheitspersonal und das, was sie durch die Live-Musiksessions lernen, zu legen.<\/p>\n<p>Zu welchen Erkenntnissen sind Sie gelangt?<\/p>\n<p><b>KW: <\/b>Anfangs gibt es Skepsis und Unsicherheit vonseiten des Personals in Bezug darauf, was ihre Rolle in den Musiksessions ist, beispielsweise ob es angemessen ist als Krankenschwester mitzusingen. Bei den Sessions sehen sie dann aber, dass die Musiker_innen dasselbe Ziel verfolgen wie sie, n\u00e4mlich sich bestm\u00f6glich um die Patient_innen zu k\u00fcmmern und ihnen Aufmerksamkeit zu schenken. Das personenzentrierte Musikmachen ist musikalische F\u00fcrsorge. Dadurch wird der Dialog und Austausch zwischen den Musiker_innen und dem Personal gef\u00f6rdert und das Personal beginnt, die Live-Musik als etwas Bereicherndes zu sehen, das sie in ihrem grundlegenden Anliegen der F\u00fcrsorge unterst\u00fctzt. Musik \u00f6ffnet bei Patient_innen und Personal die T\u00fcr zu Emotionen und bringt mehr Menschlichkeit in den klinischen Alltag. Die Kreativit\u00e4t wird angeregt und jede_r kann sich musikalisch einbringen, denn jede_r hat eine Beziehung zu Musik.<\/p>\n<p>Wie laufen die Live-Musiksessions und das interprofessionelle Lernen ab?<\/p>\n<p><b>KW: <\/b>Als ich selbst musizierend mitwirkte, haben wir einerseits St\u00fccke aus unserem Repertoire angeboten, andererseits haben wir musikalische Improvisationen performt, die auf Stimmungen oder W\u00fcnschen der Patient_innen basierten. Dieser auf die jeweilige Person fokussierter Ansatz ist Ausdruck der F\u00fcrsorge, wodurch sich eine Verbundenheit zwischen den Musiker_innen und dem Personal als wertvolle Grundlage f\u00fcr interprofessionelles Lernen entwickelt. Bei Workshops f\u00fcr Menschen mit Demenz beispielsweise haben wir am Anfang und am Ende der Einheit immer gemeinsam eine einfache Melodie mit den Demenzbetroffenen gesummt. Die Melodie wird erlernt und ihnen vertraut. Das Personal kann die Melodie summen, wenn es die Pflege und medizinische F\u00fcrsorge leistet, und so die Menschen mit Demenz beruhigen. Jede Session oder jeder Workshop wird zwischen Musiker_innen und Personal nachbesprochen. Voneinander erhalten sie dadurch wertvolle Informationen dar\u00fcber, was ihnen bei den Patient_innen bzw. Heimbewohner_innen aufgefallen ist und was sie im Umgang mit ihnen \u00e4ndern oder verbessern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was beobachten Sie im Gesundheitssystem und welche Empfehlungen haben Sie?<\/p>\n<p><b>KW:<\/b> Dort, wo das Management eines Krankenhauses oder einer Pflegeeinrichtung grunds\u00e4tzlich Verst\u00e4ndnis f\u00fcr k\u00fcnstlerische Praxis hat und dem Pflegepersonal vorab den Mehrwert kommuniziert, ist das Personal nat\u00fcrlich empf\u00e4nglicher f\u00fcr solche Projekte. Die Musiker_innen brauchen vor Ort die Unterst\u00fctzung des Personals, um den Patient_innen im passenden Moment ein musikalisches Angebot zu machen. Das kann nur gelingen, wenn sich das Personal trotz anf\u00e4nglicher Skepsis dem Projekt \u00f6ffnet. Ver\u00e4nderungen in der Einstellung erfordern Zeit und personelle Kontinuit\u00e4t. Der Pflegebereich k\u00e4mpft jedoch mit hoher Personalfluktuation und oft ist es schwierig, das Management zu \u00fcberzeugen. Deutlich zeigt sich aber, dass die Arbeitsplatzzufriedenheit durch Musikprojekte steigt: Durch die Musik und das eigene kreative Engagement f\u00fchlt sich das Personal kurzzeitig nicht im Autopilot-Modus, sondern im Moment angekommen und als Mensch gesehen und wertgesch\u00e4tzt. Au\u00dferdem hilft das musikalische Angebot, die strengen Hierarchien in Spit\u00e4lern zwischen \u00c4rzt_innen und Pflegepersonal kurzzeitig aufzuweichen. Das gemeinsame Erleben der Musik hat ausgleichenden Charakter. Um Musik im Gesundheitswesen weiter zu f\u00f6rdern, braucht es eine St\u00e4rkung der beruflichen Identit\u00e4t von Musiker_innen, die Projekte in Krankenh\u00e4usern und Pflegeeinrichtungen durchf\u00fchren. Wir brauchen eine gemeinsame Fachsprache, mehr Trainingsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Musiker_innen f\u00fcr diesen Bereich, mehr Konferenzen und Vernetzung untereinander. Mehr \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit w\u00fcrde auch die Finanzierung solcher Projekte erleichtern. Generell muss der Kultursektor seine Kr\u00e4fte st\u00e4rker b\u00fcndeln, um seinen Stellenwert eben auch im Gesundheitsbereich hervorzuheben.<\/p>\n<p>Was motiviert Sie in Ihrer k\u00fcnstlerischen und wissenschaftlichen Arbeit?<\/p>\n<p><b>KW: <\/b>Die Musikprojekte im Gesundheitsbereich bringen das Verbindende zwischen uns Menschen hervor: Wir kommen bei einem St\u00fcck zusammen und ein St\u00fcck kann so viel \u00fcber die Beteiligten aussagen. Musik offenbart uns zutiefst menschliche Aspekte. Aus Sicht der Wissenschaftlerin gibt es noch viele Bereiche zu erforschen, wo Musik Bedeutung hat, sei es an Orten au\u00dferhalb konventioneller Formate oder \u00fcber das g\u00e4ngige Berufsbild Musiker_in hinausgehend. Musizieren ist etwas von Menschen f\u00fcr Menschen Gemachtes. Zu sehen, wie diese Menschlichkeit gegen\u00fcber vulnerablen Gruppen, wie Patient_innen im Spital oder Menschen mit Demenz, geteilt und diese emotionale Verbindung erzeugt wird, motiviert mich au\u00dferordentlich.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Interview mit dem mdw-Magazin erz\u00e4hlt sie von ihren Erfahrungen als Musikerin und Forscherin \u00fcber die transformative Kraft der Musik im Krankenhaus und Pflegeheim f\u00fcr Patient_innen und Heimbewohner_innen, aber vor allem auch f\u00fcr das Personal, das neben den enormen Anforderungen im Berufsalltag durch die Musik wieder mehr Menschlichkeit im Miteinander ihrer Arbeit versp\u00fcren kann.<\/p>\n","protected":false},"author":34,"featured_media":8236,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1317,1336,1337,89],"class_list":["post-8233","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-special","tag-2022-4","tag-kunst","tag-kunstundgesundheit","tag-gesundheit"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8233","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/34"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8233"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8233\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8411,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8233\/revisions\/8411"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/8236"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8233"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8233"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8233"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}