{"id":813,"date":"2017-03-01T10:16:17","date_gmt":"2017-03-01T09:16:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=813"},"modified":"2017-03-01T10:16:17","modified_gmt":"2017-03-01T09:16:17","slug":"frauen-sichtbar-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2017\/03\/01\/frauen-sichtbar-machen\/","title":{"rendered":"Frauen sichtbar machen"},"content":{"rendered":"<strong>Gerda M\u00fcller (Vizerektorin f\u00fcr Organisationsentwicklung, Gender &amp; Diversity), Sabine Reiter (Gesch\u00e4ftsf\u00fchrende Direktorin mica \u2013 music austria) und Mirjam Unger (Filmemacherin und freie Autorin) trafen sich kurz vor Weihnachten an der mdw zu einem Gespr\u00e4ch und diskutierten u.\u2009a. \u00fcber den Frauenanteil im Kulturbereich, die Bedeutung von Role Models und welche Schritte notwendig sind, um Gleichberechtigung zwischen M\u00e4nnern und Frauen zu erreichen.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_817\" aria-describedby=\"caption-attachment-817\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-817\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/frauen_sichtbar_machen1.jpg\" alt=\"Frauen sichtbar machen\" width=\"800\" height=\"444\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/frauen_sichtbar_machen1.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/frauen_sichtbar_machen1-300x167.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/frauen_sichtbar_machen1-768x426.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/frauen_sichtbar_machen1-850x472.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-817\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Theresa Pewal<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Der Frauenanteil ist in den letzten Jahren in fast jedem Bereich gestiegen, es gibt immer mehr weibliche Studierende. Schl\u00e4gt sich das im Erfolg der Frauen in der Kunst- und Kulturbranche nieder?<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_815\" aria-describedby=\"caption-attachment-815\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-815\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/sabine_reiter.jpg\" alt=\"Sabine Reiter\" width=\"300\" height=\"306\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/sabine_reiter.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/sabine_reiter-294x300.jpg 294w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-815\" class=\"wp-caption-text\">Sabine Reiter \u00a9Theresa Pewal<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Sabine Reiter (SR):\u00a0<\/strong>Wo es sich erfreulicherweise niederschl\u00e4gt, ist in der Neuen Musik. Bei den KomponistInnen etwa steigt der Frauenanteil kontinuierlich an. Bei den Ensembles und Orchestern \u00e4ndert sich die Situation bei manchen Instrumenten, andere werden hingegen fast nur von M\u00e4nnern gespielt, siehe Blechbl\u00e4ser. In der Popmusik halten sich die klassischen Bilder: Schlagzeug oder Gitarre sind m\u00e4nnlich besetzt, Gesang weiblich. Was Leitungsfunktionen betrifft: Sie werden in den kleinen H\u00e4usern, bei kleinen Festivals und Veranstaltern von den Frauen \u00fcbernommen, bei gro\u00dfen Festivals und Veranstaltern sowie in den gro\u00dfen H\u00e4usern haupts\u00e4chlich von M\u00e4nnern. Da tut sich zu wenig.<\/p>\n<p><strong>Wo Prestige und Geld im Spiel sind, finden sich also immer noch M\u00e4nner. Frau M\u00fcller, wie ist es an den Universit\u00e4ten?<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_818\" aria-describedby=\"caption-attachment-818\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-818\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/gerda_mueller.jpg\" alt=\"Gerda Mueller\" width=\"300\" height=\"226\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/gerda_mueller.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/gerda_mueller-300x226.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-818\" class=\"wp-caption-text\">Gerda Mueller \u00a9Theresa Pewal<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Gerda M\u00fcller (GM):<\/strong> Wir haben hier im Rektorat der mdw drei Frauen und zwei M\u00e4nner. Da bewegt sich schon etwas \u2013 in der Leitungsebene. Bei den weiteren Anstellungsverh\u00e4ltnissen sieht es etwas anders aus. Bei den Lehrenden des Mittelbaus ist die 50-Prozent-Quote etwa erreicht, bei den Professuren hingegen liegt die Frauenquote bei 26 Prozent.<\/p>\n<p><strong>Merken Sie auch eine geschlechtsspezifische Auswahl der Studienrichtung?<\/strong><\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Bei Violine und in der P\u00e4dagogik ist\u00a0der Frauenanteil hoch. Genauso in den F\u00e4chern Gesang Popularmusik sowie in Gesang generell.<\/p>\n<p><strong>In der Popmusik arbeiten dann tats\u00e4chlich nur zehn Prozent Frauen, zeigt eine Analyse des SR-Archivs f\u00fcr Popularmusik. Woran liegt das?<\/strong><\/p>\n<p><strong>GM:\u00a0<\/strong>Im Rahmen eines an der mdw durchgef\u00fchrten Gender-Screenings im Bereich Popularmusik haben uns Musikerinnen best\u00e4tigt, dass der Job m\u00fchsam ist. Sie gaben an, dass sie es als sehr anstrengend empfinden, von einem Gig zum n\u00e4chsten zu hetzen, in der ganzen Welt herumzujetten, in st\u00e4ndig anderen Konstellationen zu spielen.<\/p>\n<p><strong>SR:<\/strong> Wahrscheinlich hat es auch mit dem Frauenbild in der Popmusik zu tun \u2013 das ist nicht das emanzipierteste. Au\u00dferdem gibt es noch zu wenige Frauen, die das \u00e4ndern und an der Spitze mitwirken. Frauen bilden auch seltener Bands. Und wenn, dann sind es eher Solistinnen-Bands mit begleitenden Musikern. Das klassische Band-Ding aus vier bis f\u00fcnf Personen ist ein M\u00e4nnerding. Was sicher auch daran liegt, dass Burschen schon in der Schule Bands gr\u00fcnden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_816\" aria-describedby=\"caption-attachment-816\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-816\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/mirjam_unger.jpg\" alt=\"Mirjam Unger\" width=\"300\" height=\"229\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/mirjam_unger.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/mirjam_unger-300x229.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-816\" class=\"wp-caption-text\">Mirjam Unger \u00a9Theresa Pewal<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Frau Unger, Sie portr\u00e4tieren in Ihrer Doku <em>Oh Yeah, She Performs!<\/em> die vier \u00f6sterreichischen Musikerinnen Eva Jantschitsch von Gustav, Clara Luzia, Teresa Rotschopf und Vera Kropf von Luise Pop. Was ist Ihre Einsch\u00e4tzung?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Mirjam Unger (MU):<\/strong> Der Proberaum an sich war lange Zeit ein sehr m\u00e4nnlich besetztes Gebiet. Insofern hat es sicher auch mit mangelnden Vorbildern zu tun. Welche erfolgreichen weiblichen Vorbilder gibt es da in der \u00f6sterreichischen Popmusikgeschichte vor der Jahrtausendwende? Spontan fallen mir nur wenige ein: Etwa\u00a0Marianne Mendt, Jazz Gitti und Stefanie Werger. Es tut sich aber wirklich viel in der j\u00fcngeren Generation. Junge Frauen bilden Pop-, Hip-Hop- und feministische Elektro-Kollektive.<\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Geht es nicht auch um Sichtbarkeit? Musikerinnen werden vielleicht weniger wahrgenommen.<\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> Man merkt schon, dass sich am <em>Popfest<\/em>, auf FM4 oder YouTube viel tut. Ich denke oft an <em>Oh Yeah, She Performs!<\/em>, der ja schon seit 2012 fertig ist, und frage mich dann: Wie w\u00fcrde ich ihn heute machen? Mit wem w\u00fcrde ich ihn heute besetzen? Es kommen immer neue starke Frauen in der Musik dazu.<\/p>\n<p><strong>Ganz hoffnungslos ist es also nicht?<\/strong><\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> Es tut sich extrem viel, gleichzeitig stagniert die Genderdiskussion. Sie st\u00f6\u00dft auf unglaubliche Aggression. Wie da die Wogen hochgehen, ist unglaublich.<\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Das Thema ist sehr negativ besetzt. Das f\u00e4ngt schon bei den Studierenden an. Es \u00fcberrascht mich immer wieder, dass sich junge Frauen so gegen die Quote stellen. Mit dem Argument: Wir sind eh gleich, wir brauchen die Quote nicht.<\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> Ich habe das Gef\u00fchl, dass da eine m\u00e4nnliche Argumentation \u00fcbergreift.<\/p>\n<p><strong>Durch Quoten w\u00fcrden Unterschiede nur noch weiter einzementiert, lautet oft ein Argument dagegen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> Seit die Quote beim Fernsehen und bei Kinoproduktionen angewandt wird, werden Frauen in der Filmbranche \u00f6fter wegen Jobs angerufen.<\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Ich w\u00fcrde das auch ganz praktisch sehen. Ich glaube, dass die Quote hilfreich und wichtig ist, um Ausgewogenheit zu schaffen.<\/p>\n<p><strong>SR:<\/strong> Ich finde in dem Zusammenhang auch Monitoring wahnsinnig wichtig, weil es aufzeigt, wo das Frauen-M\u00e4nner-Verh\u00e4ltnis noch nicht stimmt. Im Kulturbericht werden immer wieder die gro\u00dfen Institutionen, bei denen das Verh\u00e4ltnis nicht herzeigbar ist, einfach ausgelassen.<\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Bei einem ausgewogenen Geschlechterverh\u00e4ltnis geht es aber auch um Programmgestaltung: Was wird gespielt, wer wird gespielt? Das sind wichtige Notwendigkeiten. Die m\u00fcssen auch bei den gro\u00dfen H\u00e4usern mitgedacht werden.<\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> Das in der \u00d6ffentlichkeit zu diskutieren, f\u00fchrt im Filmbereich erst dazu, dass die Festivalveranstalter darauf achten, dass auch Filme von Frauen gezeigt werden, siehe Cannes vor einigen Jahren. In der Musik ist es genauso: Es gilt, genau darauf zu schauen, wie viele Bands mit Frauen auftreten.<\/p>\n<p><strong>Zu den Kulturf\u00f6rderungen: Die scheinen indes recht gleich verteilt, zeigt der aktuellste Kunst- und Kulturbericht. Frauen und M\u00e4nner wurden in einem Verh\u00e4ltnis von 49 zu 51 gef\u00f6rdert.<\/strong><\/p>\n<p><strong>SR:<\/strong> Dazu muss man aber auch sagen, dass im Kulturministerium viele Frauen an den Schl\u00fcsselstellen sitzen. Nichtsdestotrotz: Was F\u00f6rdergelder angeht, scheint Fairness erreicht. Aber in anderen Bereichen m\u00fcsste man noch mehr tun.<\/p>\n<p><strong>Zum Beispiel wo?<\/strong><\/p>\n<p><strong>SR:<\/strong> Zum Beispiel im Bereich Mentoring.<\/p>\n<p><strong>Da gibt es seit 2011 ein Programm der Kunstsektion.<\/strong><\/p>\n<p><strong>SR:<\/strong> Daran sind aber nicht viele Frauen beteiligt. Insgesamt sind es 14 Mentees und 14 Mentorinnen, pro Genre ein Tandem. Neben Mentoring br\u00e4uchte es auch noch st\u00e4rkere Netzwerke. Wichtig w\u00e4re, Frauen n\u00e4herzubringen, wie Netzwerkarbeit \u00fcberhaupt funktioniert. Da gibt es gro\u00dfe Unsicherheiten.<\/p>\n<p><strong>M\u00fcssten Frauen st\u00e4rker netzwerken? Untereinander? Mit M\u00e4nnern?<\/strong><\/p>\n<p><strong>SR:<\/strong> Beides ist sinnvoll. Dass Frauen untereinander netzwerken, sich gegenseitig best\u00e4rken und Erfahrungen austauschen. Aber nat\u00fcrlich ist es auch nicht verkehrt, wenn sie versuchen, in M\u00e4nnernetzwerke hineinzukommen. Schlie\u00dflich br\u00e4uchte es zur F\u00f6rderung junger Frauen auch mehr weibliche Vorbilder unter den Unterrichtenden. Vor\u00a0allem in jenen F\u00e4chern, wo sie zurzeit noch fast v\u00f6llig fehlen: Komposition und Dirigieren.<\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Beim Kompositions- und Dirigierstudium versuchen wir verst\u00e4rkt auf ein ausgewogenes Geschlechterverh\u00e4ltnis zu achten. Die Frage, die wir uns weiters stellen m\u00fcssen, ist: Was passiert danach?<\/p>\n<p><strong>Welche Rolle spielen immer noch Stereotype dabei, dass Frauen nicht in diese Jobs kommen? Ein \u201eh\u00fcbsches M\u00e4dchen am Dirigentenpult\u201c h\u00e4tte zur Folge, dass die Musiker \u201e\u00fcber andere Dinge\u201c nachd\u00e4chten, sagte etwa der bekannte Dirigent Vasily Petrenko gegen\u00fcber der norwegischen Zeitung<em> Aftenposten.<\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Frauen sind in ihrer Rolle ohnehin sehr m\u00e4nnlich. Sie stehen in Hose und Sakko da, damit sie ja nicht als Frau wahrgenommen werden. Nur nichts \u201eGeschlechtsfremdes\u201c aufblitzen lassen, es k\u00f6nnte tats\u00e4chlich beunruhigen. Elias Canetti beschrieb in seinem Opus magnum <em>Masse und Macht<\/em> (1960) den Dirigenten als eine Verk\u00f6rperung von patriarchaler Macht und Herrschaft. Hat sich dieses Bild seither ver\u00e4ndert? Wen wollen wir in dieser F\u00fchrungsposition sehen, welche Bilder haben wir im Kopf?<\/p>\n<p><strong>SR:<\/strong> Die Bemerkung illustriert sehr gut, dass in manchen Bereichen auch in Bezug auf Stereotype noch einiges zu tun ist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_819\" aria-describedby=\"caption-attachment-819\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-819\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/frauen_sichtbar_machen2.jpg\" alt=\"Frauen sichtbar machen\" width=\"800\" height=\"464\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/frauen_sichtbar_machen2.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/frauen_sichtbar_machen2-300x174.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/frauen_sichtbar_machen2-768x445.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/frauen_sichtbar_machen2-850x493.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-819\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9Theresa Pewal<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Nun hat ja Kunst in jeglicher Ausformung auch das Potenzial, gesellschaftliche Zust\u00e4nde anzuprangern, aufzubrechen \u2013 passiert hier in \u00d6sterreich genug?<\/strong><\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> Ich habe schon den Eindruck, in einem sehr modernen, sehr fortschrittlichen Land leben zu d\u00fcrfen. Auch was Kunst betrifft und es agieren hier viele spannende Menschen. Da ist \u00d6sterreich sehr weit vorne, sehr vision\u00e4r. Filmisch versuchen RegisseurInnen starke Frauenrollen auf die Leinwand zu bringen.<\/p>\n<p><strong>SR:<\/strong> Es k\u00f6nnte schon mehr sein. Ich k\u00f6nnte nicht sagen, dass mir aufgefallen w\u00e4re, dass es im Musikbereich eine breite k\u00fcnstlerische Auseinandersetzung mit diesen Themen gibt. Aber das ist nun mal auch nicht so einfach, ohne in Wehklagen zu verfallen.<\/p>\n<p><strong>Frau Unger?<\/strong><\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> In der Musik finden, so viel ich mitkriege, Experimente weniger im Establishment statt, eher in der alternativen Popularkultur oder im Underground. Musikvideos werden da teilweise in den eigenen vier W\u00e4nden gefilmt. Die M\u00e4dchen drehen die Rollen komplett um, bemalen ihre K\u00f6rper mit feministischen Parolen, tanzen offensiv. Gerade der Hip-Hop ist eine Kunstform, wo man ganz viel verhandeln kann. Aber das k\u00f6nnte noch viel mehr gen\u00fctzt werden.<\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Ich glaube, dass wir noch wirklich gute M\u00f6glichkeiten haben, Rollen aufzubrechen, sie zu verlassen und neu und anders zu denken. Zum Beispiel auch was Outfits betrifft. Wir haben an der Universit\u00e4t gerade ein Genderprojekt am Laufen, in dem es darum geht, wie Musikerinnen und Musiker auf der B\u00fchne auftreten. Da dominieren die alten Rollen: Frauen tragen Abendkleid, St\u00f6ckelschuhe, Gold im Haar. Wir haben auch immer wieder Projekte, die diese Rollen aufl\u00f6sen. Es ist unglaublich \u2013 wenn man das Outfit und das Setting ver\u00e4ndert, ver\u00e4ndert sich auch die Denkweise.<\/p>\n<p><strong>Weil wir uns an Dinge gew\u00f6hnen, sie mit der Zeit f\u00fcr uns normal werden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Genau. Ich sehe es als gesellschaftspolitischen Auftrag einer Kunstuni Dinge auszuprobieren und zu zeigen: Da gibt es ein Dazwischen, da gibt es noch viel mehr \u2013 das zu f\u00f6rdern, ist uns ein gro\u00dfes Anliegen. Die Studierenden sollen mit Geschlechterrollen experimentieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Nun spielt sich das alles in sehr speziellen, elit\u00e4ren Kreisen ab. An der Uni, in der Subkultur. Wodurch kann man diese Art der k\u00fcnstlerischen Auseinandersetzung an die breite Bev\u00f6lkerung bringen? Feministische Street-Art schafft das ja bereits sehr gut. Wie kann das auch in anderen Bereichen gelingen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> Das st\u00e4rkste Bild f\u00fcr die Welt\u00f6ffentlichkeit w\u00e4re, wenn das Neujahrskonzert von einem Orchester gespielt werden w\u00fcrde, das fifty-fifty mit Frauen und M\u00e4nnern besetzt ist.<\/p>\n<p><strong>SR:<\/strong> Und dabei ein Werk von einer zeitgen\u00f6ssischen Komponistin aufgef\u00fchrt und von einer Frau dirigiert wird.<\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> Ja. Das w\u00e4ren Zeichen, mit denen man etwas in Bewegung setzen k\u00f6nnte. \u201eFeminismus\u201c ist hingegen ein heikler Begriff, wenn er au\u00dferhalb eines gesch\u00fctzten Rahmens von Gleichgesinnten verwendet wird, was traurig ist. F\u00fcr mich ist das Wort mittlerweile fast kontraproduktiv, weil es oft Aggressionen ausl\u00f6st. <em>Viele sehen es als k\u00e4mpferischen Begriff.<\/em><\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> Die Frage ist nur, ob Kampf in einer Welt des Krieges das richtige Mittel ist. Ob es nicht viel mehr um ein Miteinander geht, darum, in Kommunikation zu treten. Frauen und M\u00e4nner m\u00fcssten zusammenkommen.<\/p>\n<p><strong>SR:<\/strong> Es geht ja eigentlich um das Etablieren von Selbstverst\u00e4ndlichkeiten. Und ich wei\u00df nicht, ob das immer ein Kampf sein muss.<\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Die Frage ist doch immer das Ziel: Wo will man hin? Mit Kampf oder Pflicht erreicht man es nicht, davon bin ich zutiefst \u00fcberzeugt. Damit produziert man Widerstand, der so gro\u00df wird, dass man das Ziel nicht erreicht. Dazu, dass Frauen F\u00fchrungspositionen erreichen k\u00f6nnen oder am Dirigentenpult stehen d\u00fcrfen, braucht man vielmehr ein Commitment innerhalb des Systems. Aber nat\u00fcrlich reden wir dabei auch immer von Macht und Machtverlust \u2013 und da sind wir wieder beim Kampf. Wenn Frauen in diesen Positionen angekommen sind, werden M\u00e4nner, die vorher da waren, verdr\u00e4ngt. Es wird also schon immer in gewisser Weise etwas mit Auseinandersetzung \u2013 starker Auseinandersetzung \u2013 zu tun haben.<\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> Wobei man sagen muss, dass sich auch viele Frauen ganz wohl in diesen alten Rollen f\u00fchlen.<\/p>\n<p><strong>Kann man diese Frauen ins Boot holen, muss man sie \u00fcberhaupt ins Boot holen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> Das ist sicher keine leichte Angelegenheit, aber vielleicht funktioniert es, wenn die Energie so stark ist, dass die Bewegung lustvoll erscheint.<\/p>\n<p><strong>SR:<\/strong> Es ist aber auch nicht grunds\u00e4tzlich falsch, sich in der Rolle der Hausfrau und Mutter wohlzuf\u00fchlen. Das kann ebenfalls erf\u00fcllend sein. Frauen sollten nicht daf\u00fcr kritisiert werden, wenn sie das unbedingt wollen.<\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> In einer komplizierten Welt hat es sicher etwas f\u00fcr sich, sich auf den kleinen h\u00e4uslichen Raum zur\u00fcckzuziehen. Aber wenn sich das Paar trennt und die Frau nie erwerbst\u00e4tig war, holt viele Frauen eben oft die Realit\u00e4t ein. Die Armutsfalle ist gro\u00df.<\/p>\n<p><strong>SR:<\/strong> Da sind wir auch bei einem Bildungsproblem: M\u00e4dchen wird nicht wirklich bewusstgemacht, was da auf sie zukommt und wof\u00fcr sie sich entscheiden. In der Schule wird zu wenig \u00fcber sp\u00e4tere Rollenbilder gesprochen, da gibt es keine Gender Studies, nicht einmal ansatzweise eine Auseinandersetzung mit dem Thema.<\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Man begibt sich als Hausfrau in eine unglaubliche wirtschaftliche Abh\u00e4ngigkeit. Und ich finde, das muss man auch sagen d\u00fcrfen. Es ist zwar die Entscheidung jeder einzelnen Frau \u2013 aber es muss ihr einfach klar sein, was passieren k\u00f6nnte. Interessant ist, dass M\u00e4nner in den seltensten F\u00e4llen in Erw\u00e4gung ziehen, daheim bei den Kindern zu bleiben. Diese wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit ist eine wichtige Errungenschaft f\u00fcr Frauen, darauf m\u00fcssen wir Acht geben.<\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> F\u00fcr mich war meine Ausbildung, mein Studium immer mein Platz der Freiheit und der Selbstentfaltung. Und ich habe in den Jahren meiner Karenz bemerkt, wie schwer es f\u00fcr mich war, diesen Raum nicht zu haben. Ich habe immer die Spiegelreflexkamera im Kinderwagen mitgef\u00fchrt und Street Photography gemacht. Ich liebe meine Kinder nat\u00fcrlich, aber die Arbeit ist eine Konstante, an der ich mich aufrichte. Sie ist ein wichtiger Aspekt in meinem Frauenleben.<\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Es schlie\u00dfen sich Beruf und Familie ja auch nicht aus. Kinder haben unglaublich viel von einer Mutter, die selbstbewusst und selbstbestimmt ihr Leben gestaltet. Meine Kinder erkennen das an.<\/p>\n<p><strong>Nichtsdestotrotz braucht es gute Kinderbetreuungsm\u00f6glichkeiten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Auf jeden Fall, das alles unter einen Hut zu bringen, ist eine Managementaufgabe.<\/p>\n<p><strong>SR:<\/strong> Ich bin da in einer privilegierten Situation, weil mein Mann ein Hausmann ist.<\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Ein Role Model! Dass M\u00e4nner das Familienleben mittragen, ist wirklich wichtig. W\u00e4re es nicht gut, wenn diese M\u00e4nner auch mehr die Stimme erheben und sagen: Es ist gut, dass wir eine gleichberechtigte Beziehung f\u00fchren und ich verliere dadurch nichts? Ich h\u00f6re die anderen medial immer so laut.<\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> Es gab die Kampagne \u201eIch bin Feminist\u201c, an der zum Beispiel der kanadische Premier Justin Trudeau teilgenommen hat, aber auch einige \u00f6sterreichische Politiker und bekannte Pers\u00f6nlichkeiten. Es gibt also Feministen.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber Role Models f\u00fcr junge Frauen haben wir bereits gesprochen. Wo muss angesetzt werden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> Wichtig ist die Geschichtsschreibung: Von Frauen zu erz\u00e4hlen, die Werke geschaffen haben, die die Gesellschaft positiv ver\u00e4ndert haben, Frieden gestiftet haben, die bedeutsam waren, die teilweise M\u00e4nnern zugearbeitet haben \u2013 und deren Geschichten in Vergessenheit geraten sind.<\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Sichtbarmachen ist sicherlich ein entscheidender Aspekt. Frauen haben die Geschichte mitgestaltet. Immer. Am 8. M\u00e4rz stellen wir an unserer Universit\u00e4t wichtige Frauen, die an der mdw gewirkt haben, vor \u2013 wir widmen ihnen einen neuen Veranstaltungsraum. Jedes Jahr wird hier eine dieser Frauen die Namensgeberin dieses Raumes sein.<\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> Mein Sohn ist 14, ihn besch\u00e4ftigt dieses Thema total. Heute hat er mir die Top Ten der einflussreichsten Filmregisseure der Welt gezeigt. Und es war eine Liste von zehn M\u00e4nnern. Dem eine Liste mit den zehn wichtigsten aktuellen Regisseurinnen entgegenzusetzen, das w\u00fcrde etwas bewirken. Es ist total wichtig, dass Sch\u00fclerinnen und Studierende Vorbilder haben, Namen, Werke, die sie googeln k\u00f6nnen. Entscheidend ist, nicht nur zu sagen: \u201eDa fehlt eine Frau\u201c, sondern auch zu zeigen, welche Frauen es eigentlich gab und gibt.<\/p>\n<p><strong>Wobei einflussreiche Frauen dennoch mit der Lupe zu suchen sind. Der Oscar f\u00fcr die beste Regie etwa ging 2010 nach 81 Jahren erstmals an eine Frau.<\/strong><\/p>\n<p><strong>MU:<\/strong> Richtig. Das war Kathryn Bigelow, die Ex-Frau von James Cameron, dem Regisseur von <em>Titanic<\/em> und <em>Avatar<\/em>. Sie hat als erste Regisseurin den Regie-Oscar bekommen f\u00fcr einen Kriegsfilm, in dem es um den m\u00e4nnlich besetzten Krieg geht. Ich kenne keine andere Frau, die je so einen Film gemacht hat. \u00dcberall findet man dieses Sichbefreien, und sich dann schlie\u00dflich selbst auch Dinge zutrauen. Das ist toll.<\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Das Zutrauen ist ein essentieller Punkt.<\/p>\n<p><strong>Trauen sich Frauen zu wenig zu?<\/strong><\/p>\n<p><strong>GM:<\/strong> Wichtig ist, dass sie es vorgelebt bekommen, sehen, dass es m\u00f6glich ist. Ich bin Alleinerzieherin mit zwei S\u00f6hnen, bin mittlerweile Vizerektorin an einer Universit\u00e4t. Kolleginnen haben das auch geschafft. Wir wurden wahrgenommen. Es muss uns als Gesellschaft gelingen, Frauen als das wahrzunehmen, was sie sind, und mit dem, was sie k\u00f6nnen. Das gelingt nur, indem wir sie sichtbar machen. Mit Regie verbindet man, wie Frau Unger gesagt hat, sofort zehn Top-Regisseure. Wenn es uns gelingt, dieses Bild zu \u00e4ndern, schaffen wir eine neue Wirklichkeit, und dann wird vieles leichter.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gerda M\u00fcller (Vizerektorin f\u00fcr Organisationsentwicklung, Gender &amp; Diversity), Sabine Reiter (Gesch\u00e4ftsf\u00fchrende Direktorin mica \u2013 music austria) und Mirjam Unger (Filmemacherin und freie Autorin) trafen sich kurz vor Weihnachten an der mdw zu einem Gespr\u00e4ch und diskutierten u.\u2009a. \u00fcber den Frauenanteil im Kulturbereich, die Bedeutung von Role Models und welche Schritte notwendig sind, um Gleichberechtigung zwischen &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":39,"featured_media":817,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[137,194,193,192,180,196,195,181],"class_list":["post-813","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-special","tag-2017-1","tag-female","tag-feminism","tag-feminismus","tag-frauen","tag-interview","tag-weiblich","tag-women"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/813","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/39"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=813"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/813\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":822,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/813\/revisions\/822"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/817"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=813"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=813"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=813"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}