{"id":7996,"date":"2022-09-26T15:08:49","date_gmt":"2022-09-26T13:08:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=7996"},"modified":"2022-11-10T13:18:44","modified_gmt":"2022-11-10T12:18:44","slug":"facingdrag_poetandperform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2022\/09\/26\/facingdrag_poetandperform\/","title":{"rendered":"Internationale \ufeffGender-Studies-Konferenz Facing_Drag"},"content":{"rendered":"Vom 23. bis 25. Juni fand an der mdw die Konferenz <a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/ikm\/facing-drag\/\"><i>Facing_Drag <\/i><\/a>mit namhaften internationalen G\u00e4sten aus unterschiedlichen kulturwissenschaftlichen Feldern und aus den Performing Arts statt und kn\u00fcpfte damit an die letztj\u00e4hrige Online-Tagung an. Organisiert vom Gender-Studies-Team am IKM (Evelyn Annu\u00df, Julia Ostwald und Silke Felber) wurde \u201eDrag\u201c als Schl\u00fcsselkonzept zur Theoretisierung mimetischer Praktiken wie Cross Dressing in den Gender Studies aufgegriffen und im Kontext aktueller Fragen in Bezug auf koloniale und rassistische Darstellungsformen reperspektiviert. Die Konferenz stand im Kontext der Bem\u00fchungen um eine mdw-spezifische geisteswissenschaftliche Profilierung der Gender Studies und der aktuellen Internationalisierungsstrategie. Entsprechend ist eine Folgekonferenz f\u00fcr das Wintersemester 2023\/24 an der University of Cape Town geplant. Im kommenden Semester wird bereits eine Filmreihe mit Fatima Naqvi (Yale), Diedrich Diederichsen (Wien) und dem Berliner Filmemacher Stephan Geene im Kino des Future Art Lab der mdw stattfinden.<\/p>\n<p>Bei der diesj\u00e4hrigen Konferenz waren dank des \u201eErasmus+\u201c-Programms auch 22 Studierende der Amsterdamer Theaterwissenschaft zu Gast. Im Rahmen eines Essay-Wettbewerbs der Studierenden wurde Nora de Bruines unten stehender Artikel pr\u00e4miert.<\/p>\n<div class=\"bdaia-separator se-shadow\" style=\"margin-top:30px !important;margin-bottom:30px !important;\"><\/div>\n<h1>Performing Drag: Poetische und performative Praktiken im akademischen Diskurs<\/h1>\n<p>Ende Juni fand an der mdw im Herzen Wiens die Konferenz <i>Facing_Drag <\/i>statt. Die Teilnehmer_innen\u00a0\u2013 ein internationales Publikum bestehend aus Wissenschaftler_innen, K\u00fcnstler_innen sowie Studierenden\u00a0\u2013<i> <\/i>setzten sich mit einer gro\u00dfen Bandbreite an Themen und Konzepten um das Begriffsfeld \u201eDrag\u201c auseinander. Jay Pather, Kurator und Professor f\u00fcr darstellende Kunst an der Universit\u00e4t Kapstadt, beschrieb Drag in seinem vorhergehenden Einf\u00fchrungsworkshop f\u00fcr Studierende als \u201esubversiven und transgressiven Akt\u201c sowie als \u201eAkt der Reimagination\u201c. Als Konzept mag Drag je nach Kontext unterschiedlich konnotiert sein; es operiert jedoch jeweils als performative kulturelle \u00c4u\u00dferung, durch die Machtstrukturen, Normen und Erwartungshaltungen herausgefordert werden k\u00f6nnen. Pather beschrieb seine urspr\u00fcngliche Motivation, Drag in S\u00fcdafrika\u00a0\u2013 dem Land, in dem er lebt und arbeitet\u00a0\u2013 neu zu denken, vor dem Hintergrund der Notwendigkeit, koloniale Hinterlassenschaften zu dekonstruieren. Durch Vorstellungen von europ\u00e4ischer \u201eModernit\u00e4t\u201c, so Pather, wurden K\u00f6rper und Kulturen entweder als \u201ezivilisiert\u201c oder \u201eprimitiv\u201c situiert und so ein Raum des Disempowerment geschaffen. Durch diese Situierungen aber sind k\u00f6rperliche Praktiken genuin politisch. \u201eDragging\u201c, das Unterlaufen entsprechender Zuschreibungen an die K\u00f6rper, kann daher als widerst\u00e4ndige Praxis angesehen werden, um aus gegebenen Machtstrukturen und Normen auszubrechen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7998\" aria-describedby=\"caption-attachment-7998\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-7998\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image0-12-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"638\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image0-12-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image0-12-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image0-12-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image0-12-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image0-12-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image0-12-850x638.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7998\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 IKM<\/figcaption><\/figure>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag er\u00f6ffnete Keynote Speaker Zimitri Erasmus (Johannesburg) die Konferenz mit einem Vortrag \u00fcber \u201eKreolisierung\u201c, wiederum verstanden als Gegenmodell zu einem Denken in vorgefertigten Kategorien. Mit Deleuzes und Guattaris Konzeptualisierung des Rhizomatischen korrespondierend, que(e)rt Kreolisierung Erasmus zufolge <i>Race<\/i> in der Post-Apartheid-\u00c4ra und stellt die vermeintliche Starrheit von Kategorisierungen infrage, wie auch Jay Pather in seinem Einf\u00fchrungsworkshop bereits hervorgehoben hatte. Laut Erasmus umschreibt Kreolisierung jene generativen Praktiken der Bezugnahme, durch die sich Leute selbst rehumanisieren, die unter der europ\u00e4ischen Kolonialherrschaft zu Waren und Objekten herabgesetzt wurden. Nadia Davis (Kapstadt) lieferte am darauffolgenden Tag ein anschauliches Beispiel f\u00fcr Kreolisierung <i>in action, <\/i>als Drag. Anhand des District Six Carnival in Kapstadt zeigte sie, wie Drag dort als Mimikry eingesetzt wurde und wird \u2013 als \u00dcberlebensstrategie der Ausgegrenzten und aus der Innenstadt Vertriebenen, um sich das Zentrum zur\u00fcckzuerobern und dabei das Verschmelzen von Kulturen in einer immer noch von Kolonialismus und Apartheid gezeichneten Stadt zu erkunden. So erscheint der Karneval selbst als performative Kreolisierung. Wie Karin Harrasser (Linz) bereits zuvor in ihrem Vortrag \u00fcber unser koloniales Erbe, jesuitische Spektakel und deren Nachleben dargelegt hatte, sind kulturelle Praktiken wie Rituale, Musik, Tanz oder eben der Karneval auch Instrumente, um Hegemonien wieder infrage zu stellen. Die Jesuiten versuchten, die von ihnen zu anderen Gemachten kulturell zu dominieren, indem sie u.\u2009a. Musik sowie andere Formen k\u00fcnstlerischer Erziehung dazu einsetzten, deren K\u00f6rper zu refigurieren. Ausbildung und kulturelle Praktiken bildeten also die Grundlage f\u00fcr Aneignungen und Disziplinierung. Genau deshalb aber wurden performative Praktiken in Drag, die kulturelle Normen und Machtstrukturen wieder unterwanderten, so wichtig und effektiv. Denn wie von dem Literaturwissenschaftler Michail Bachtin diskutiert, k\u00f6nnen Karneval oder andere Formen von kulturellem Drag als Mittel angesehen werden, um gegebene Machtstrukturen tempor\u00e4r neu zu ordnen, vor\u00fcbergehend eine andere Identit\u00e4t anzunehmen und so den Ausblick auf Befreiung sp\u00fcrbar zu machen. Genau darin besteht das Potenzial von \u201eDragging\u201c als subversivem und transgressivem Akt.<\/p>\n<p>Am meisten beeindruckten mich die Vortr\u00e4ge der drei K\u00fcnstler_innen und Wissenschaftler_innen Nora Chipaumire (New York\/Harare), meLe\u0302 Yamomo (Amsterdam) und Raz Weiner (London). Denn neben den wissenschaftlichen Beitr\u00e4gen zu kulturellem \u201eDragging\u201c lie\u00dfen sie ihre theoretischen Beitr\u00e4ge performativ werden und brachten so gewisserma\u00dfen autopoietische Erkundungen ihrer eigenen Positionalit\u00e4ten und Drag-Praktiken hervor. meLe\u0302 Yamomos filmische Untersuchung der Relation zwischen K\u00f6rperbild und Sound lieferte ein gelungenes Beispiel daf\u00fcr, wie k\u00fcnstlerische Arbeiten zur Vermittlung von Forschungseinsichten eingesetzt werden k\u00f6nnen. Der Film f\u00fchrte vor Augen, wie wir erwarten, dass spezifische K\u00f6rper auf eine bestimmte Art sprechen und dadurch zu deren Erm\u00e4chtigung oder eben zu ihrer Depotenzierung beitragen. Laut Yamomo ist diese soziale Dramaturgie \u00fcber Jahrhunderte gewachsen; sein Film warf daher folgende Fragen auf: Wer darf f\u00fcr wen sprechen? Wie pr\u00e4sentiert der K\u00f6rper das Gesagte? Zugleich kann die von Yamomo f\u00fcr seine theoretische Auseinandersetzung gew\u00e4hlte k\u00fcnstlerische Form auch als Kommentar zum akademischen Diskurs selbst interpretiert werden. Er stellt die Frage, inwiefern auch wir im Rahmen einer Tagung anders, in <i>academic drag<\/i> erscheinen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_8000\" aria-describedby=\"caption-attachment-8000\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-8000\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-9-1024x768.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"638\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-9-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-9-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-9-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-9-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-9-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/post-1_image2-9-850x638.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8000\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 IKM<\/figcaption><\/figure>\n<p>Raz Weiners Vortrag zeigte im Rekurs auf seine eigene Drag-Persona, wie Performances die Diskussion um Positionalit\u00e4t und Identit\u00e4t hervorrufen. Dadurch hob auch er hervor, wie performative Praktiken dazu beitragen, bestimmte Normen neu zu denken und Identit\u00e4tskonzepte zu hinterfragen. Die Performance-K\u00fcnstlerin Nora Chipaumire wiederum erl\u00e4uterte im Rahmen ihres Artist Talks, dass es in ihrer k\u00fcnstlerischen Arbeit weder darum ginge, zu erkl\u00e4ren oder zu \u00fcbersetzen, was ein K\u00f6rper auf der B\u00fchne macht, noch darum, Br\u00fccken zwischen unterschiedlichen Kulturen zu schlagen. Es ginge ihr mithin nicht um Repr\u00e4sentation, sondern um Pr\u00e4sentationen des Sich-aufs-Spiel-Setzens, anstatt \u00fcberkommene Werte fortzuschreiben. Denn f\u00fcr sie ziele \u201eDragging\u201c gerade nicht darauf, eine vermittelnde Position im kulturellen Feld einzunehmen. So wurde die Konferenz zu einem exzellenten Ausgangspunkt, um \u00fcber wissenschaftliche Praktiken, k\u00fcnstlerische Untersuchungen von theoretischen Diskursen sowie die politische Bedeutung nachzudenken, in solchen Rahmen Position zu beziehen.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom 23. bis 25. 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